Die Gemeindeakademie der evangelischen Kirche Freudenstadt greift mit einem Trialog aus Lyrik, Musik und Theologie historische und gegenwärtige Übergriffe gegen das Judentum auf.
Voll besetzt war der große Saal im evangelischen Gemeindehaus Ringhof zum Gedenken an die Übergriffe gegen die jüdische Bevölkerung am 9. November 1938. Pfarrer Daniel Zimmermann, Initiator und Sprecher der Gemeindeakademie, hatte zu Vortrag und Rahmenprogramm zum Thema „Auschwitz und die Frage nach Gott“ eingeladen.
Rezitator Uwe Nimmergut las in gewohnter ausdrucksstarker Weise Gedichte aus Konzentrationslagern, die in dem Buch „Lyrik gegen das Vergessen“ verzeichnet sind und die in ihrer Eindringlichkeit ein ums andere Mal Gänsehaut hervorriefen.
Den dritten Baustein zum Trialog steuerte die Freudenstädter Gruppe Maseltov mit Liedern der aschkenasischen Juden bei. Werner Wilms (Violine), Burkhard Eulberg (Gitarre und Klarinette), Johannes Köstler (Akkordeon) und Uli Schmidt-Haase (Bass) schufen mit hoher vokaler und instrumentaler Qualität eine authentische Stimmung.
Antisemitsche Horrorszenarien
Daniel Zimmermann beließ es nicht bei der Aufzählung von Gräueltaten, denen die Juden in ihrer leidvollen Geschichte in Deutschland ausgesetzt waren. Sein Blick richtete sich vielmehr auf die Gegenwart und in die Zukunft, die mit antisemitischen Horrorszenarien gespickt sind.
Sein Abendthema ging von der „komfortablen Situation der Nachkriegszeit“ aus, deren sich die Kirche erfreuen durfte. Schließlich legte er den Finger in die Erinnerungswunde vieler Menschen, die mit dem Geschehen der Shoah bis heute nicht zurechtkommen: Was ist das für ein Gott, der seinem auserwählten Volk solche Schandtaten zumutet?
Die Theologin Dorothee Sölle (1929 bis 2003) brachte das Dilemma auf den Punkt: „Wie man nach Auschwitz den Gott loben soll, der alles so herrlich regieret, weiß ich nicht.“ Teile der Theologie nach Auschwitz revidierten das Gottesbild mit der plakativen Formulierung: Abschied vom allmächtigen Gott! Das bedeutete auch, dass Friedrich Nietzsches Diktum „Gott ist tot!“ neue Nahrung erhielt.
„Christus vertritt den abwesenden Gott in der Welt“
Aber dieser Nihilismus wurde von Daniel Zimmermann unter Berufung auf Dorothee Sölle relativiert: „Christus vertritt den abwesenden Gott in der Welt.“ Die Folge, so der Theologe, müsse sein, dass der Mensch für den abwesenden Gott einstehen müsse, „so, wie es einst Christus getan hat“.
Kritik an Sölles humanistischem Ansatz übte der Theologe Jürgen Moltmann (1926 bis 2024), der von einer Überforderung des Menschen sprach. Der Ansatz des Theologen Oswald Bayer (geboren 1939) postuliert: „Um der Heilgewissheit willen hält die lutherische Theologie an der Allmacht und der Güte Gottes fest.“ Auch wenn die „Wunde der Theodizee“ (warum lässt Gott das Böse in der Welt zu?) sich nicht schließen lasse und den Menschen stets umtreibe.
Eine „zweite Shoah“ am 7. Oktober
In seinem letzten Vortrag kam Pfarrer Zimmermann auf jüdische Stimmen zum 7. Oktober und seine Folgen zu sprechen. Er zitierte Marina Chernivsky, die feststellte, dass Überlebende des Massakers in Israel davon sprachen, eine „zweite Shoah“ erlebt zu haben. Die „andauernde traumatische Vergangenheit“ verlängere sich weiter in die jüdische Zukunft hinein. Ihre Großeltern hätten ihr weitergegeben, die Juden dürften niemals wieder Opfer sein.
Eva Illouz berichtet von Stellungnahmen zum Terroranschlag. So habe ein Kolumnist in New York auf einer Kundgebung nichts anderes als „Euphorie und Schadenfreude“ bei Feinden Israels beobachten können. Ein Professor jordanischer Herkunft habe das Massaker als „atemberaubend“ und „eindrucksvoll“ bezeichnet. Ein Historiker habe sich „begeistert“ dazu geäußert.
Daniel Zimmermann drückte die Hoffnung aus, dass, ausgehend von den bösen Erfahrungen der Vergangenheit, die Deutschen niemals mehr ein Volk von Tätern würden.