Die EM bietet erste Tendenzen. Zwei davon: Es gibt auffällig viele Weitschusstore und Eigentore. Woran das liegen könnte? Die Ursachenforschung führt teils zu den gleichen Gründen.
Bitte, selbst einer der technisch versiertesten Kicker der Geschichte (wenn nicht der versierteste), musste schon dran glauben, und das nicht nur einmal. Franz Beckenbauer hat in seiner Karriere vier Eigentore in der Bundesliga geschossen. Verbrieft ist zudem, dass der Kaiser es sogar bei seinem Abschiedsspiel 1982 in Hamburg noch mal schaffte, ins eigene Tor zu treffen – die Stadionregie verschwieg die Sache taktvoll. Und, noch eine kaiserliche Anekdote zum Thema: Torhüter Sepp Maier forderte beim FC Bayern Mitte der siebziger Jahre nach zwei Beckenbauer-Eigentoren binnen einer Woche sogar Manndeckung für den (eigenen) Libero. Das alles soll heißen: Eigentore haben neben der tragischen meist auch eine lustige Seite. Und, noch wichtiger: Sie sind nichts Neues im Fußball.
Nun aber, im EM-Sommer des Jahres 2024, lohnt es sich, das bei allen Abwehrspielern gefürchtete Genre namens Eigentor genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn: Es ist eine Tendenz des bisherigen Turniers. Zwei Eigentore wie Beckenbauer innerhalb einer Woche hat bei dieser EM zwar noch keiner hinbekommen – die allgemeine Statistik spricht aber eine deutliche Sprache: Nach 18 Partien (Stand Freitagmittag) fielen im Schnitt satte 0,28 Eigentore pro Begegnung. Oder anders, da klarer: Fünf Eigentore fielen in den ersten 18 Spielen. Es ist ein Trend, der nicht gänzlich neu ist – denn schon bei der EM 2021 wurde mit insgesamt elf und durchschnittlich 0,22 Eigentoren pro Spiel ein damals neuer Höchstwert aufgestellt.
Das Magazin „The Athletic“ veröffentlichte nun angesichts der Eigentor-Entwicklungen der ersten EM-Woche anno 2024 eine wunderbare Textzeile: „Wäre ‚Eigentor‘ ein Spieler, wäre er der beste Torschütze der EM.“ Mit fünf Treffern führte Herr Eigentor tatsächlich die aktuelle Torjägerliste an – doch zurück zum Ernst der Sache und damit zur Frage: Warum gibt es die Flut an Treffern ins falsche Tor?
Klar ist, dass das Spiel dynamischer und schneller geworden ist. Bedeutet: Für die verteidigende Mannschaft bleibt, wenn es brenzlig wird, weniger Zeit zu reagieren. Etwa dann, wenn es scharfe Hereingaben von außen gibt, die die Verteidiger aus kürzester Distanz abbekommen und denen sie nicht ausweichen können. Allgemein wollen Teams schon seit einigen Jahren nach Spielverlagerungen vermehrt über außen bis auf die Grundlinie durchbrechen und von dort den Ball mit Tempo vors Tor bringen. Und dann? Geht es in überfüllten Strafräumen oft zu schnell, selbst für den technisch versiertesten Abwehrmann. Apropos überfüllt: Jeder Fußballlehrer gibt den Seinen ja inzwischen mit, die sogenannte Box, also den Strafraum, mit so vielen Spielern wie möglich zu besetzen in der Offensive. Alles wird noch enger und unübersichtlicher. Und kann im allgemeinen Chaos zum Eigentor führen.
Was hier nun als Trend beschrieben wird – darüber freilich spottet jeder professionelle Statistiker. Denn jeder Datenexperte wird nun angesichts von ein paar Eigentoren zu Beginn dieses EM-Turniers allenfalls von einem Trendchen sprechen. Warum? Weil die Anzahl an Spielen noch viel zu gering ist, um allgemeine Rückschlüsse daraus zu ziehen – auch die Rückführung auf bestimmte Spielmuster wie eben scharfe Bälle von außen in den Sechzehner sind für eine ernsthafte Erhebung noch zu selten so passiert. Es müssen also noch ein paar Eigentore bei der EM erzielt werden, um einen echten Trend feststellen zu können. Ähnlich verhält es sich auch bei einem weiteren Phänomen, das beim bisherigen Turnierverlauf bei der EM neben den Eigentoren auffällt: die Treffer durch Weitschüsse. Auch hier sind die Zahlen beeindruckend: In den ersten 18 Spielen wurden nach der offiziellen Statistik der Uefa 14 von 47 Treffern aus der Distanz erzielt. Zum Vergleich: Bei der EM 2021 fielen in allen 51 Partien insgesamt nur 19 Tore durch einen Weitschuss von außerhalb des Strafraums.
Ein spannender Aspekt dazu: Im Clubfußball sind die Zahlen bei den Toren aus der Distanz rückläufig. So wurden etwa in der englischen Premier League in den frühen 2010er Jahren noch deutlich mehr als 40 Prozent aller Torschüsse von jenseits der 16-Meter-Linie abgegeben. In der abgelaufenen Saison waren es knapp unter 33 Prozent. Warum also könnte es diese Diskrepanz bei den Fernschüssen zwischen der Club-Ebene und jener der Nationalteams geben?
Ein Erklärungsansatz: In den Auswahlmannschaften ist der Fokus auf individuelle Aktionen wie Weitschüsse ausgeprägter als im taktisch geprägten Vereinsfußball – in dem viele Aktionen durch vorgeschriebene Passfolgen entstehen. Denn die Trainingszeit, um wie etwa Pep Guardiola im Alltag detailliert an spielerischen Abläufen feilen zu können, haben Nationaltrainer nicht. Also ist auch mal Draufhalten angesagt, so banal es klingt.
Und hier wären wir indirekt auch wieder bei einem Phänomen rund um die Eigentore: Die voll besetzte Box spielt auch bei den Weitschusstoren eine Rolle, nur teils andersrum gedacht: Denn wenn im Strafraum alles dicht ist, können Versuche aus der Ferne zum probaten Mittel werden.
Fortsetzung könnte folgen. Wahrscheinlich schon in den nächsten EM-Spielen.