Elena Matt leitet die Donaueschinger Stadtbibliothek seit September 2025. Die moderne Bücherei beschreibt sie als Treffpunkt, als Verleih für allerlei Gegenstände, nicht nur Bücher. Foto: Daniel Vedder

Büchereien verstehen sich inzwischen als sozialer Treffpunkt in einer Kommune. In Donaueschingen scheint dies zu gelingen. Warum dazu auch ein bisschen Lärm gehören kann.

„Als ich klein war, musste man in der Bibliothek immer leise sein“, sagt Andreas Menge-Altenburger im Eingangsbereich der Stadtbibliothek von Donaueschingen und schaut einmal um sich. „Jetzt darf hier Leben herrschen.“

 

Was Menge-Altenburger von seinem Platz in einer Sitzgruppe im Eingangsbereich sieht, ist tatsächlich auffällig lebendig. Von absoluter Stille, gelegentlich leicht gebrochen durch Geflüster, ist keine Spur. Nebenan spielt ein kleiner Junge Schach mit einer Frau, reger Ein- und Ausgang herrscht von großen, an diesem Nachmittag aber vor allem auch von kleinen Besuchern. Die Leute unterhalten sich.

Ins Störende ausufern soll es in der Stadtbibliothek nicht, sagt Leiterin Elena Matt. „Rücksicht auf die anderen Besucher ist uns wichtig“, aber ganz bewusst öffnen sich Bibliotheken immer weiter, um ein sozialer Treffpunkt zu sein. Da kann es, wie an diesem Mittag, mal passieren, dass eines der vielen Kinder, das nach der Schule zwischen den Regalen stöbert, kurz etwas lauter wird.

„Am Dienstag ist es immer am Wuseligsten bei der Vorlesestunde“, sagt Matt. Ein Ort der Geselligkeit, an dem Menschen spontan in Kontakt mit anderen kommen können, das waren Bibliotheken schon immer. Primär, weil die Leute sie dazu gemacht haben und weniger, weil sie so ausgerichtet waren. Früher galten eben striktere Regeln. Heute sei vieles anders. „Wir sagen immer, wir sind das Wohnzimmer der Stadt“, so Elena Matt. Die Besucher brauchen keinen Ausweis mehr, um in die Stadtbibliothek zu kommen. Wer möchte, kann eine Zeitung oder ein Magazin lesen, Brettspiele spielen, einfach Zeit mit anderen verbringen und erzählen.

Auch ohne Ausweis

Nur um das Ausleihen von Büchern geht es längst nicht mehr, sagt Matt weiter. Alle möglichen Gegenstände zum Ausleihen seien gefragt. Auch Filme und CDs gibt es in der Bücherei. Und die Leute suchen nach selten gewordenen, öffentlichen Treffpunkten. Dem müssten Bibliotheken gerecht werden, um relevant zu bleiben. Und dieser Wandel ist erfolgreich.

Ursula Hinrichs (von links), Waltraud Schmidt, Andreas Menge-Altenburger, Gisela Münzer-Reinbolz und Martina Clemenz lesen gemeinsam beim Shared Reading in der Stadtbibliothek. Foto: Daniel Vedder

„Für Schüler sind wir nach der Schule ein beliebter Treffpunkt zum Lernen. Kinder sind sogar unsere stärksten Leser“, sagt Matt. Generell entwickeln sich die Besucherzahlen in Donaueschingen positiv. Aber nicht nur hier: Laut des Deutschen Bibliotheksverbands stieg die Zahl der Besucher in Bibliotheken bundesweit zwischen 2022 und 2024 von 132 Millionen auf 182 Millionen. Der Verband fordert in seinem jüngsten Bericht, Bibliotheken künftig gezielt stärker als Begegnungsorte im Kampf gegen Einsamkeit zu fördern. Deswegen zählt die Stadtbibliothek auch keine Nutzer, sondern Besucher. Der Anspruch, sozialer Treffpunkt zu sein, ist zentral geworden, sagt Elena Matt.

Damit die Menschen einen solchen Ort wahrnehmen und nutzen, müssen Matt und ihr Team mit der Zeit gehen, ihren Katalog ständig ausbauen und auf Trends reagieren.

Leseabende für Schüler

Für Jugendliche und junge Erwachsene, die laut Matt in Sachen Besucherzahlen abfallen, sind mittlerweile deutlich mehr Mangas im Sortiment, auch die ersten Dark-Romance-Bücher werden inzwischen zum Ausleihen angeboten. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind Veranstaltungen in der Bibliothek. Lernabende für Schüler, wie demnächst am 1. und 9. April, die Vorlesestunde für Kinder jeden Dienstag oder ein Lesetag am 21. März zum Weltfrauentag, sollen die Leute aktiv zusammenbringen.

Deshalb ist auch Andreas Menge-Altenburger heute gekommen – und er ist nicht allein. Der Leiter des Bildungszentrums Villingen ist einmal im Monat mit dem „Lesevergnügen“ in der Stadtbibliothek. Beim Shared Reading lesen Menge-Altenburger und die Teilnehmer gemeinsam zunächst abschnittsweise eine Kurzgeschichte und dann ein Gedicht. In den Pausen sprechen sie über die Geschichten.

Eine Sitzgruppe im Eingangsbereich der Stadtbibliothek. Foto: Daniel Vedder

Es ist ein Beispiel für spezielle Angebote für spezielle Interessen, die die Stadtbibliothek bieten möchte. Möglichst viele Interessen- und Bedarfsnischen sollen abgedeckt werden. Es ist nicht das eine große Angebot, sondern die vielen kleinen. „Es ist ein sehr intensiver Treffpunkt. Man lernt sich auf eine persönliche Art kennen, die man vielleicht auch mit Freunden nicht so hat“, so Menge-Altenburger über seine Veranstaltung. Wie viele Leute kommen, das variiert von Treffen zu Treffen. Wer interessiert ist, kann spontan und kostenlos vorbeischauen. Heute nutzen vier Frauen das Angebot in der Lesehöhle der Bibliothek.

Gemeinsames Erlebnis

Ursula Hinrichs ist seit der ersten Ausgabe im Oktober 2025 dabei. Für sie ist das Gemeinschaftserlebnis nicht der Hauptgrund, warum sie in die Bibliothek geht, aber dennoch ein schöner Nebeneffekt und Faktor, warum sie wiederkommt. Martina Clemenz hat das Shared Reading erst kürzlich für sich entdeckt. „Zuhause kann man zwar auch lesen, hier kann man aber noch drüber reden. So hat man einen Punkt, Kontakt zu finden.“ Auch Waltraud Schmidt freut sich über die Möglichkeit, gemeinsam zu lesen. „Ich nutze viel die Veranstaltungen in der Bibliothek.“

Dabei kommt immer wieder Abwechslung in die Runden, sagt Gisela Münzer-Reinbolz, die noch bei keinem Shared Reading gefehlt hat. „Es ist immer eine andere Besetzung. Die neuen Gesichter machen es für mich aus.“

Die Gemeinschaft bereichert für sie das Leseerlebnis. Es ist nicht nur das Leben auf den Buchseiten, das auch für Münzer-Reinbolz die moderne Bibliothek als Dritten Ort auszeichnet. Es ist vor allem das zwischen den Regalen.

Dritte Orte im Wandel

Als Dritte Orte werden
  in der Soziologie informelle Treffpunkte bezeichnet, an denen Menschen gemeinschaftlich abseits der Familie und Arbeit oder Schule zusammenkommen können. Wo sich die Leute früher noch spontan in der Eckkneipe oder dem Leseclub in der Bibliothek getroffen haben, sind solche Orte heute fast ausgestorben. Oder gibt es sie noch und die Menschen nutzen sie nicht mehr? Auf jeden Fall haben Dritte Orte eine Veränderung durchlaufen. In unserer Serie „Dritte Orte im Wandel“ schauen wir uns an, wie sich die Möglichkeit für spontane Gemeinschaft rund um Donaueschingen verändert hat und wo die Begegnung noch gelebt wird.