Mario Dieringer hat in Rangendingen einen "Baum der Erinnerung" gepflanzt. Foto: Beiter

Mario Dieringer hat auf seiner Reise um die Welt am "Hochsträß" in Rangendingen einen Bergahorn gepflanzt. Dieser Baum hat für den Initiator des Vereins "Trees of Memory" auch persönlich eine ganz besondere Bedeutung – als "versöhnlicher Reiseabschnitt" und einen Neuanfang.

Rangendingen - Bis zu seinem 20. Lebensjahr hat Mario Dieringer in Rangendingen gelebt. Seine Erinnerungen an diese Zeit sind wegen "dunkler Flecken", wie er sagt, nicht alle leicht für ihn zu ertragen. Zu Hause ist er damals rausgeflogen. Dem Ort hat er seither den Rücken gekehrt. "Die Geschichte meiner Depression hat in meiner Kindheit und in diesen Jahren ihren Anfang", erzählt er in einer schonungslosen Offenheit.

55-Jähriger erlebt die Auswirkungen der Depression am eigenen Leib

Was diese Krankheit mit einem Menschen anstellen kann, hat der 55-Jährige am eigenen Leib erfahren. Nach Dieringers Suizidversuch, den er nur dank einer 20-minütigen Reanimation überlebt, nahm sich sein Lebenspartner 2016 das Leben. Ein Ereignis, das Mario Dieringers Leben "verändert und gerettet" hat, wie er erzählt.

In seinem offenen Umgang mit den Erfahrungen aus seinem Leben wuchs in ihm die Idee zu "Trees of Memory". Gemeinsam mit weiteren Personen gründete er den gleichnamigen Verein, der Menschen, die einen geliebten Angehörigen oder Freund durch Suizid verloren haben, eine neue Lebensperspektive geben soll. Der Verein möchte auch diejenigen unterstützen, die selbst Suizidgedanken entwickelt haben - sei es durch die extremen psychischen Belastungen der Trauer oder als Folge von Depressionen. Unter den Gründungsmitgliedern sind auch Birgit Klaiß aus Rangendingen und Walter Kohl, der Sohn des Altkanzlers Helmut Kohl.

Dieringer pflanzt 15 Erinnerungsbäume in 13 Ländern

"Ich habe mein Leben abgewickelt, alles verkauft und mich auf meinen Weg um die Welt gemacht", erzählt Dieringer. Auf diesem hat er seit 2018 bis heute 40 "Bäume der Erinnerung" gepflanzt – bis jetzt ausschließlich in Deutschland. Doch von Rangendingen geht es jetzt hinaus in die Welt. Nach drei weiteren Pflanzungen in Norddeutschland ist er dann in Österreich, Slowenien und Italien unterwegs. In 13 Ländern wird er in diesem Jahr 15 Erinnerungsbäume pflanzen.

Die Gedanken, in seiner einstigen Heimat einen "Erinnerungsbaum" für alle Suizid-Opfer der Umgebung und einen "Mutmacher-Baum" für die Hinterbliebenen zu pflanzen, habe er nach seinem Besuch im vergangenen Sommer in Rangendingen verfolgt. Mit Bestürzung habe er sich an mindestens vier Menschen erinnert, die während seiner Jugendzeit dort durch einen Suizid das Leben verloren hätten. "Das waren immer auch Eltern, Geschwister, Ehepartner oder Kollegen."

Baum ist auch immer Trauersymbol für die Hinterbliebenen

Ein Baum der Erinnerung sei deswegen immer auch "nicht allein für die, die gegangen sind, sondern auch für jene, die geblieben sind" – damit sie ihr "Drama loslassen können, ohne zu vergessen." Denn, so sagt Mario Dieringer: Für sie bedeute das „lebenslange“ Auseinandersetzung. Der Bergahorn in Rangendingen habe deshalb auch eine "Zukunftsorientierung" – und stehe damit zugleich für seine eigene "Versöhnung" mit dem Teil der alten Heimat und einer Zeit, die ihm selber nicht nur Gutes angetan hat.

In Siegfried Kuhn und Rangendingens Bürgermeister Manfred Haug fand Dieringer in den vergangenen Tagen bereitwillige Unterstützer für seine Pflanzaktion. Sie kümmerten sich um die Organisation vor Ort und den Pflanzort. Dieser wurde neben dem Gedenkstein der "Hohenzollerischen Jakobusgesellschaft" am ehemaligen Römerweg bewusst gewählt.

Ort am Wanderweg auf dem "Hochsträß" wurde mit Bedacht gewählt

An diesem Platz, einem der schönsten, den Rangendingen biete, erfahre der Erinnerungsbaum diese Bedeutung und Anerkennung, die er durch das Engagement von Mario Dieringer verdiene, sagte Haug bei der Pflanzung.

Und noch ein weiterer Besucher war ans "Hochsträß" gekommen: Bereits vor 35 Jahren hatten sich die Wege von Norbert Dilger, damals noch Pfarrer in Rangendingen, und Mario Dieringer bei dessen Engagement in der KJG der Kirchengemeinde gekreuzt. Durch den "Tod Jesu am Kreuz wurde der Baum ein Zeichen des Lebens", sprach der Pfarrer i.R. ein Segensgebet.

Als Symbol auch für die Enttabuisierung der Suizid-Opfer stehen

Als er sich vor vier Jahren von Eltville am Rhein aus auf seinen Weg machte, habe er zu "einem neuen Gottvertrauen für mein Leben" gefunden, so Mario Dieringer. Im Rangendinger "Baum der Erinnerung" wolle er auch seine eigenen Lebenserinnerungen bündeln. Er könne für alle ein "Symbol der Hoffnung, der Erinnerung und der Achtsamkeit für sich und die Liebsten" sein, so dass er in einer damit einhergehenden Enttabuisierung der Suizid-Opfer etwas Gutes bewirken könne.