Jedes Frühjahr begeben sich Frösche, Molche und Kröten auf die Wanderung in ihr Laichgebiet. In der Vergangenheit waren das mindestens 4500 Tiere allein bei Holzbronn, wie Markus Mosdzien von der Stadt Calw erzählt. Doch es werden zusehends weniger. Das ist die traurige Bilanz der Amphibienwanderung 2021.
Calw - Sitzt man im Sommer abends draußen in der Nähe eines Teichs, quakt und rumort es überall. Doch es ist stiller geworden in den vergangenen Jahren. Denn der Bestand an Amphibien geht bundesweit zurück. Von 18 in Baden-Württemberg beheimateten Arten gelten 13 als gefährdet, wie der Homepage des Landesverbands Baden-Württemberg des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) zu entnehmen ist. Diese Entwicklung ist auch in Calw zu spüren, wie Markus Mosdzien weiß. Er ist Umweltbeauftragter der Stadt Calw und selbst seit knapp 25 Jahren aktiv im Schutz der Amphibien.
Zeitfenster verschiebt sich
Jedes Frühjahr hilft Mosdzien den Tieren bei ihrer Wanderung zu deren Laichgebieten. Er hat daher ziemlich genau im Blick, wie sich die Lage in den vergangenen Jahren verändert hat. Bei Holzbronn zum Beispiel, wo die Amphibienstrecke seit 30 Jahren ehrenamtlich betreut wird, "wanderten in der Vergangenheit bis zu 4500 Amphibien (Erdkröten, Grasfrosch, Springfrosch, Molche)", meint er. Mosdzien geht sogar von einer noch höheren Zahl aus, denn die gezählten Tiere stammen nur von der betreuten Strecke entlang der Straße. 2020 und 2021 seien im Vergleich bei Holzbronn im Vergleich gerade einmal 1800 Frösche und Erdkröten gezählt worden. "Aufgrund eines geringeren Nahrungsangebotes treten weniger Amphibien die Reise zum Laichgewässer an, oder es werden erst gar keine Eier produziert und angelegt, beziehungsweise diese bei schlechten Rahmenbedingungen wieder resorbiert."
Und Mosdzien spricht noch von einer anderen Beobachtung: Die Wanderzeit der Amphibien habe sich vor etwa zehn Jahren zunehmend von April in den März vorgeschoben. Immer öfter komme es auch vor, dass sich die Tiere bereits im Herbst auf Wanderung in Richtung Laichgewässer begeben, wenn es wirklich feucht ist. Das letzte Stück werde dann aber meist im Frühjahr absolviert, weiß der Umweltbeauftragte. Dass es bis in den Mai hinein verhältnismäßig viel geregnet hat, sei für die Amphibien keine Hilfe. Die Feuchtigkeit, die die Tiere dringend brauchen, sei zu spät gekommen.
Erschwerend komme hinzu, dass in Holzbronn um den Teich herum viel gedüngt werde, erläutert Mosdzien. Auch das wirke sich nachteilig auf die Wanderung aus. "Es bleibt abzuwarten, inwieweit sich aufgrund der potentiellen Änderung der Frühjahrsniederschläge auch die Wanderzeiten wieder verschieben werden."
Aber auch die Uhrzeiten, zu denen Kröten und Co. unterwegs sind, scheinen sich zu ändern. Sie seien laut Mosdzien immer öfter dann unterwegs, wenn die Strecke nicht betreut wird. "Hier hilft sicherlich die Amphibienleiteinrichtung, die nächstes Jahr erstellt werden soll."
Apropos betreut: Das wird die Strecke bei Holzbronn von rund zehn Familien, berichtet der Umweltbeauftragte der Stadt Calw. Und diese begeben sich durch ihren Einsatz zuweilen tatsächlich in Gefahr, fügt er an. "Leider nahmen doch einige Autofahrer in der Vergangenheit wenig bis keine Rücksicht auf die Helfer an der Straße, so dass es hier trotz Geschwindigkeitsbegrenzungen immer wieder zu gefährlichen Situationen kam." Corona, beziehungsweise Ausgangssperre sei Dank, sei es dieses Jahr etwas ruhiger zugegangen.
Die Strecke in Richtung Stammheim hingegen werde laut Mosdzien nicht betreut, dort stehen lediglich Schilder. "Hier findet man leider im Frühjahr einige überfahrene Tiere."
Schlösser beschädigt
Ein anderes Thema ist Wimberg. Durch den Bau des Regenrückhaltebeckens entstand dort einst ein Laichplatz für Amphibien. "Auch hier wurden, bevor die Straßensperrung umgesetzt wurde, mittels ehrenamtlicher Hilfe anfangs bis zu 2000 Amphibien betreut", erzählt Mosdzien. Nun gebe es Schranken, die von Ehrenamtlichen geöffnet und geschlossen werden. Doch auch hier keine erfreulichen Nachrichten: Das Becken sei 2021 nahezu ausgetrocknet gewesen, sodass Mosdzien einen zahlenmäßigen Rückgang der Tiere erwartet. Ganz genau weiß man das aber noch nicht. Erst wenn im Juli der sogenannte "Froschregen" kommt (also ein nasser Sommertag), fügt er an, könne man beobachten, wie viele Jungfrösche- und Kröten unterwegs sind.
Menschen scheinen jedenfalls genügend vorbeigekommen zu sein. Denn die Schlösser seien immer wieder beschädigt oder aufgebrochen worden. "Manchen Menschen ist ein zweiminütiger Umweg für den Amphibienschutz dann doch zu viel", so das Urteil Mosdziens.
Prinzipiell jedoch seien die Sperrung und die Ausschilderung ein Erfolg – "und natürlich besser, je mehr Leute sich daran auch halten und Rücksicht nehmen auf die Amphibienwanderung".