Die 32-jährige Tamara Krieg leidet nach heftigen Schicksalsschlägen an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Eine tiergestützte Therapie im Schwarzwald hilft ihr.
Es ist ein bitterkalter Wintermorgen. Bei minus drei Grad und leichtem Schneefall hängen dicke Nebelschwaden zwischen den Schwarzwaldtannen am Berg über Sasbachwalden. Auf der Weide stehen die vier Esel Paco, Pepe, Leo und Samu eng aneinander gekuschelt in einer Ecke. Als ihre Besitzerin Bettina Mutschler, 57, das Gatter aufsperrt, zieht Paco die Oberlippe hoch, zeigt seine weißen Zähne und setzt zu einer lautstarken I-Ah-Begrüßung an, die weit hinab ins Tal hallt. Mutschler ist systematische Beraterin, bietet hier auf dem Spinnerhof-Gelände tiergestützte Therapie an. An diesem Tag hat sie ihre Klientin Tamara Krieg aus Gernsbach dabei. Die 32-Jährige kichert und sagt: „Na, Paco, freust du dich, dass ich mal wieder da bin?“
Auf den ersten Blick ist Tamara Krieg eine fröhliche junge Frau. „Aber noch vor anderthalb Jahren haben Panikattacken, ständig kreisende Gedanken und heftige Migräne und Magenschmerzen mein Leben lahmgelegt“, erzählt sie. Seit ihrer Jugend hatte Krieg, die heute als Altenpflegehelferin tätig ist, immer wieder depressive Phasen, die auch körperliche Beschwerden mit sich brachten. Starke seelische Verletzungen aus der Kindheit, über die sie nicht genauer sprechen möchte, sind einer der Gründe.
Der gescheiterte Lebensentwurf
In ihren jungen Erwachsenen-Jahren kamen zwei heftige Schicksalsschläge dazu: Frisch von ihrem langjährigen Partner getrennt, zieht sie mit Mitte 20 zum Jahresende 2017 wieder in ihr Kinderzimmer im Elternhaus. „Ich war so traurig und wütend, ein ganzer Lebensentwurf scheitert ja mit so einer Trennung“, sagt sie. Das Einzige, was ihr in dieser Zeit Halt gibt, ist ihre Chihuahua-Hündin Sina. Doch dann wird sie am Karfreitag 2018 nach dem Gassigehen überfahren: „Direkt vor meinen Augen rollten die Reifen eines fetten SUV über ihren Kopf, die Augen quollen raus – ich musste das alles sehen und brach mitten auf der Straße schreiend zusammen.“
Monatelang vergisst sie diese Bilder nicht mehr, weint sich in den Schlaf. Ihre Oma ist es, die ihr schließlich Mut macht und sagt: „Öffne dein Herz für einen neuen Hund, das darfst du!“ Als die kleine Lotte bei ihr einzieht, kann sie langsam wieder nach vorne blicken, beginnt die Einliegerwohnung in ihrem Elternhaus liebevoll einzurichten. „Ich bin endlich angekommen!“
Doch dann der nächste Schock: Knapp ein Jahr später, im Januar 2019, klingelt in dem Pflegeheim, in dem Tamara Krieg arbeitet, frühmorgens das Telefon. Sie hört nur: „Komm nach Hause, unser Haus brennt!“ Wie in Trance eilt sie los, bahnt sich vorbei an Feuerwehrleuten, dicken Wasserschläuchen und Polizei den Weg zur qualmenden Ruine und ruft in all dem Wirrwarr minutenlang verzweifelt nach ihrer Mutter. „Zum Glück wurde niemand verletzt, aber seit diesem Tag bekomme ich bei jeder Feuerwehrsirene eine Panikattacke“, sagt Tamara Krieg, „mein Herz rast, ich beginne zu schwitzen und meine Beine sacken zusammen.“
In all den Jahren hat sie psychologische Gespräche. Aber die helfen nicht. Erst ein auf Traumata spezialisierter Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeut stellt endlich die Diagnose: Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Tamara Krieg bekommt eine Überweisung zu Ani.Motion, dem Institut für tiergestützte Therapie in Sasbachwalden.
Die Esel haben jetzt noch keine Lust
Seit rund anderthalb Jahren kommt Tamara Krieg alle 14 Tage hierher. An diesem Tag haben die Esel zunächst keine Lust auf menschlichen Kontakt. Bettina Mutschler und Tamara Krieg akzeptieren das und setzen sich vor dem Schnee geschützt mit Klappstühlen in den offenen Stall, um sich über die vergangenen Wochen auszutauschen. „Wie war deine Woche?“, fragt die systemische Beraterin. Krieg beginnt zu erzählen, dass vor einigen Tagen der Rauchmelder der Nachbarin losgegangen ist. „Ich hatte wieder sofort Herzrasen und konnte nicht mehr atmen“, sagt sie, „dabei hatte sie nur Speck angebraten!“
Solche Erfahrungen kennt Bettina Mutschler bestens aus ihrer langjährigen Arbeit mit Menschen mit PTBS: „Betroffene leben in ständiger Angst vor dem nächsten Trigger, sind oft noch viele Jahre in ihren traumatischen Erlebnissen gefangen“, erklärt die Expertin. „Auf der Eselweide schaffen wir einen spielerischen und offenen Arbeitsraum, der nachweislich entspannt.“
Und dann ist es auch soweit: Neugierig lugt der erste Esel in den Stall, schnuppert an Tamara Krieg und positioniert sich mit seinem Hinterteil direkt vor ihr, sodass sie ihn kraulen kann. Das tut sie grinsend, während sie weiter von ihrer Woche erzählt – von Besuchen im Fitnessstudio, Kaffeetreffen mit Freundinnen und davon, wie sie sich mit ihrem Mann das erste Mal im Wurstmachen versucht hat. Bettina Mutschler staunt und sagt: „Klasse, das sind Riesenfortschritte!“ Tamara Krieg lächelt und sagt: „Ja, stimmt! Früher wäre das alles undenkbar gewesen. Ich war immer unter Strom, hab ständig das Haus geschrubbt, mir nie auch nur eine Mini-Auszeit gegönnt.“
Diesen Drang nach Perfektion und Präkrastination (den Drang, Aufgaben so schnell wie möglich zu erledigen) kennt Mutschler von vielen ihrer Klienten. Sie sagt: „Damals hattest du große Angst vor Kontrollverlust, diese immer gleichen Abläufe haben dir Sicherheit gegeben.“
Die Tiere helfen ihr, sich auf das Hier und Jetzt einzulassen
Das Herz der Altenpflegerin ist leichter geworden – und das hat sie auch den Eseln zu verdanken: Die Tiere schulen Betroffene darin, sich beim Schmusen, Stall ausmisten oder gemeinsamen Spaziergang durch die Natur wieder achtsam und lebensfroh auf das Hier und Jetzt einzulassen. Hier wird kein Esel gezwungen, in Kontakt mit Betroffenen zu treten, sondern sie kommen, wenn sie selbst den Kontakt suchen: „Sie haben ihren eigenen Willen, stehen für sich ein, hören auf ihre eigenen Bedürfnisse. Dass ich das auch darf, habe ich hier auf der Weide gelernt“, sagt Krieg und fügt stolz hinzu: „Ich frage mich jetzt ganz oft: Was brauche ich jetzt, dass es mir gut geht? Ich nehme mir dann Zeit für meine Handarbeit, den Sport oder sage Einladungen ab, auf die ich einfach keine Lust habe.“
Nach und nach betreten auch die anderen drei Esel den Stall, mampfen schnaubend Heu, fordern bei den beiden Frauen auf den Klappstühlen Streicheleinheiten ein. Genüsslich reckt Paco den Hals, während Tamara Krieg fest, aber liebevoll zupackt und ihn krault. „Es ist nicht immer so wunderschön hier“, sagt sie und schluckt, „manchmal kommt ganz viel hoch und ich weine viel. Aber dann kommt einer der Esel, legt seinen Kopf auf meine Schulter und ich fühle bedingungslosen Trost!“ Während sie sich früher oft für ihre vielen Tränen selbst gehasst habe, könne sie Momente heute so annehmen und akzeptieren, wie sie sind. „Die Esel verurteilen mich nicht und das tue ich auch nicht mehr“, sagt Tamara Krieg, „ich habe gelernt, Selbstliebe zuzulassen und mich um mich selbst zu kümmern.“
Auch zwischen den Therapiesitzungen geben ihr die Esel Kraft: Ganz viele Selfies auf ihrem Smartphone mit Pepe und Paco zaubern ihr zwischendurch ein Lächeln ins Gesicht. „Und ich habe ein kleines Esel-Säckchen bekommen, in dem Haare und Hufsplitter stecken“, sagt Tamara Krieg. „Wenn ich mal Mut im Alltag brauche, weil zum Beispiel ein Feuerwehrauto samt Sirene an unserem Haus vorbeifährt, schnuppere ich daran oder knete es in meiner Jackentasche: Das gibt mir ganz viel Kraft!“ Ganz gesund und sorglos könne sie vielleicht nie werden. Aber heute weiß Tamara Krieg: „Das Leben ist gut zu mir!“ Im vergangenen Jahr hat sie geheiratet und schmiedet gemeinsam mit ihrem Mann wieder Zukunftspläne.