„Ich bin noch wer“: Auch die Kunsttherapie half Benjamin Hoch dabei, wieder zurück ins Leben zu finden. Foto: Niklas Ortmann

Benjamin Hoch war „dem Boden ganz nah“: Durch einen Motorradunfall hatte er ein Trauma erlitten, das ihn bis ans Ende seiner Kräfte brachte. Dann kam er in eine Klinik in Schenkenzell.

Benni lebt jetzt wieder. Er war nicht tot, seinen schweren Motorradunfall hat er überlebt, aber es fühlte sich für ihn so an, als wäre der „alte“ Benni mit dem Unfall gestorben. Dann kam er nach Schenkenzell. Nach neun Wochen in Martina Dürrs Privatklinik für psychosomatische Medizin an der Winterhalde wird er sagen, dass er sich wie neugeboren fühlt. Ein Besuch in der Klinik, in der Menschen geholfen wird, die sich andernorts unverstanden fühlen.

 

Benjamin Hoch, ein 44-jähriger Niedersachse, der sich nur als Benni vorstellt, grüßt mit einem lockeren „Mahlzeit“. Er sitzt auf dem Balkon, genießt die Frühlingssonne und die Idylle der blühenden Landschaft. „Als ich hier angekommen bin, war noch alles kahl und mit Nachtfrösten. Ich habe erlebt, wie alles grünt und sprießt – inklusive mir“, sagt er.

Dem Boden ganz nah

„Gefühlt schon ein Jahr“, tatsächlich aber erst seit Ende März, ist Benjamin Hoch Patient in der Klinik, die ihren Namen zumindest optisch nicht verdient. Das frühere Hotel sieht nämlich noch wie ein solches aus: Die Blumenkästen an den Balkonen und das steile Dach geben von außen das Bild eines typischen Schwarzwaldhofes, das nur durch die provisorische Fluchttreppe an der Gebäudefront gestört wird; innen knüpfen Holzwände und -möbel, die sogar die Badezimmer dominieren, nahtlos daran an. Im Speisesaal thront ein übergroßer offener Kamin, auf einem Regal stehen neben einer Spielesammlung Bücher über Naturheilkunde und Briefe von Hildegard von Bingen. Benjamin Hoch holt sich einen Kaffee und nimmt an einem der wenigen Tische neben Chefärztin Martina Dürr Platz. So offen, wie er mit unserer Redaktion über seinen Aufenthalt spricht, könnte man wirklich meinen, er sei zum Urlaub machen in den Schwarzwald gekommen. Und so fröhlich, wie er wirkt, würde man ihm fast nicht abnehmen, dass er vor nicht allzu langer Zeit „dem Boden ganz nah“ war.

Der Tag, der alles änderte

An einem Tag im Oktober 2022 „fing das Elend an“, wie er erzählt. Hoch war wieder mal mit seinem Motorrad auf Tour, als es passierte: Ein anderer Motorradfahrer übersah ihn beim Überholen eines Lastwagens und stieß frontal mit ihm zusammen.

Hoch verbrachte zwei Monate im Krankenhaus, dann vier Monate in einer Rehaklinik. Nach und nach kämpfte er sich ins Leben zurück. Hoch, der sich als „Schaffer“ definiert, gab wieder Vollgas – „bis es mir nicht mehr gut ging“.

Unerklärliche Rückenschmerzen

Dabei sagte ihm sein Verstand, dass alles in Ordnung sei: „Ich hatte mich für stärker gehalten.“ Doch physisch ging es ihm immer schlechter – er litt an Alpträumen, Flashbacks, Übelkeit, Zittern, Bauch- und vor allem Rückenschmerzen. Er habe zwar geahnt, dass all das mit seinem Unfall zusammenhänge. „Was ich nicht wusste ist, dass ich ein Trauma habe.“ Er ging zur CT, zur MRT und zu einem Chiropraktiker, doch niemand konnte die Ursache für seine Schmerzen finden. Es kam der Punkt, an dem Hoch dachte, dass er eine Krankheit habe, die noch nicht entdeckt wurde. „Niemand hat erkannt, dass es auch psychosomatisch war.“ Er rutschte immer tiefer in eine Depression.

Unverstanden gefühlt

So wie dem 44-Jährigen gehe es vielen Traumapatienten, erklärt Fachärztin Dürr. Sie ist der Meinung, dass sich das Gesundheitssystem grundlegend ändern muss. Statt auf viele einzelne, kurze Behandlungen zu setzen, plädiert sie dafür, die Patienten lieber einmal lange und intensiv zu betreuen – also die Brandherde zu löschen, statt immer nur mit dem Feuerlöscher die Flammen zu bekämpfen.

Benjamin Hoch kann ein Lied davon singen. Er kam in eine Akutpsychiatrie, eine „sterile Klinik“, wie er sie nennt. Wie er sich dort fühlte, beschreibt er mit drei Worten: unverstanden, unpersönlich, unnatürlich.

Eine Reise ins Ungewisse

Dann wurde Hoch an Dürrs Privatklinik vermittelt und trat eine Reise ins Ungewisse an: Was ihn an der Winterhalde erwarten würde, wusste er nicht, und als er es dann erfuhr, war er zunächst skeptisch: Eine Morgenmeditation? Entspannung war für einen „Schaffer“ wie ihn ein Gefühl, das Angst machte. Bewusste Ernährung? Das, was es im Supermarkt zu kaufen gibt, wird schon gesund sein, dachte er bisher. Kunsttherapie? Darüber konnte Hoch anfangs nur schmunzeln.

Chefärztin Martina Dürr freut sich über die Fortschritte ihres Patienten. Foto: Niklas Ortmann

Aus der Industriestadt Wolfsburg, wo er sich in einem materialistischen Umfeld befunden hatte, kam er also nun in das kleine Schwarzwalddorf Schenkenzell, wo er sich in erster Linie mit sich selbst beschäftigen sollte. Es dauerte eine Weile, bis sich Hoch auf seinen neuen Alltag einließ: drei Mal die Woche progressive Muskelentspannung, einmal Kunsttherapie, zwei bis drei Mal Sport. Dazu Einzel- und Gruppentherapiestunden. Und natürlich die Morgenmeditation. Als er dann im Therapieraum saß, so ganz ohne Handy, den Klangschalen und den Texten von Hildegard von Bingen lauschte, konnte er gar nicht anders, als zu entspannen. Einer von vielen kleinen „Aha-Momenten“, die er nach und nach erlebte.

Dürr setzt in ihrer Klinik aber nicht nur auf jahrhundertealte Methoden, sondern auch auf moderne psychosomatische Medizin. Eine wichtige Rolle spielt bei Traumapatienten die EMDR-Therapie, mit der die Augenbewegung und damit der Verarbeitungsprozess wieder in Gang gesetzt wird.

Man werde gezwungen, das Erlebte zu verarbeiten, beschreibt Hoch. „Es kommt alles wieder hoch.“ Man fühle sich danach wie nach einem Ehestreit, scherzt er. Anfangs hatte er nicht an eine solche Methode geglaubt – jetzt kommen ihm fast die Tränen, wenn er darüber spricht.

Ein innerer Kampf hört auf

Denn die Therapien zeigten Wirkung. Nach einigen Wochen waren die Rückenschmerzen verschwunden. Das Druck- und Dämpfgefühl in seinem Kopf, so beschreibt er es, löste sich. Es fühlte sich für ihn so an, als würde ein innerer Kampf aufhören. „Das Erlebte ist immer noch da. Aber nicht mehr negativ strahlend.“In den neun Wochen setzte er sich nicht nur mit dem Unfall auseinander, sondern stellte sein ganzes Leben auf den Prüfstand. „Ich habe mich komplett neu orientiert.“

Beim Besuch unserer Redaktion sind es noch drei Tage bis zu seiner Abreise. Er sei schon ganz „hibbelig“, sagt Hoch. Nicht wegen des Gefühls, die Klinik endlich verlassen zu können, wie es sonst immer der Fall war – sondern weil er weiß, dass es an der Zeit ist, zurück ins Leben zu gehen. Er geht nicht als der „alte“ Benni, der er vor seinem Unfall war. Es scheint aber nicht so, als wäre er traurig darüber.