Trauerredner? Jörg Bertsch erzählt von einer nicht alltäglichen Profession, die viel Empathie erfordert. Seit zwölf Jahren erleichtert er so manchen Abschied für immer.
Trauerredner? Wie wird man so was? Eigentlich ein Zufall, erzählt der 76-Jährige. „Vor über zwei Jahrzehnten überlegten wir mal im Freundeskreis, was wir nach der Rente machen könnten. Da fiel das Wort Trauerredner – was ich damals ziemlich abwegig fand.“
Das Thema kam ihm allerdings Jahre später wieder in den Sinn, auf der Heimfahrt von Südfrankreich. Auslöser war das im Radio gespielte „Long As I Can See The Light“ von Creedence Clearwater Revival. Das müsste man bei einer Beerdigung spielen – mit entsprechenden Worten, so sein Gedanke.
Jörg Bertsch befasste sich nun ernsthaft mit der Profession Trauerredner, die kein geschützter Beruf ist, und belegte in Dresden einen entsprechenden Intensivkurs. Dort bekam er Einblicke in die Psychologie der Trauer, in Redetechnik, es wurden Übungen gemacht, anhand ausgedruckter Lebensläufe galt es, eine Rede zu entwerfen.
Wie man richtig redet
Motivation, als Trauerredner zu wirken, war wohl auch die Teilnahme an der Beerdigung einer alten Schulfreundin, bei der die liebenswürdige, originelle, bemerkenswerte Verstorbene vom Pfarrer mit reichlich drögen Worten verabschiedet wurde. Außer den Lebensdaten habe man gar nichts über die Persönlichkeit erfahren, erinnert er sich mit Schaudern. Das kann man besser machen.
Die Menschen mitnehmen
Das richtige Reden: Es liegt einem – oder eben nicht. Jörg Bertsch hatte schon früher als Redner gewirkt – aus fröhlichem Anlass allerdings. Reden halten kann er, das machten die stets positiven Reaktionen deutlich. Wahrscheinlich sei das schon ein wenig wie im Journalismus, meint der ehemalige Redakteur mit Jurastudium: Techniken erlernen könne man viele, letztendlich müsse es einem aber im Blut liegen. „Ich spüre, dass ich die Menschen mitnehmen kann.“
Bei der ersten Rede war er natürlich extrem aufgeregt, erinnert er sich. Doch auch heute sei jede Rede etwas Besonderes, wie im Übrigen jeder Mensch auch, meint er.
Ganz viel zuhören
Wenn er einen Auftrag erhält, setzt er sich zunächst mit den Hinterbliebenen zusammen, meist über eine Stunde und länger. „Und dann höre ich ganz viel zu.“ Das sei ein oft intensiver, emotionaler Austausch. „Manchmal stimmt die Chemie sofort, und es kommt zu wunderbaren Gesprächen über den oder die Verstorbene“, sagt er.
Was war er für ein Typ?
Manchmal braucht es auch ein bisschen Zeit, müsse man sich herantasten. Letztendlich aber gebe es über jeden Menschen etwas zu sagen. Anekdoten, liebevolle Erinnerungen, stets auch humorvolle Szenen – das alles nimmt ein Trauerredner auf. „Mich interessiert die Persönlichkeit: Was war er für ein Typ? Was hat er gemacht? War er ein lustiger Mensch oder eher verschlossen? Was hat ihn ausgemacht? Bei jeder Trauerfeier darf übrigens auch mal gelacht werden.“
Das Reden über den geliebten Verstorbenen tue den Hinterbliebenen meist gut. Daraus werde dann die Rede geschrieben. „Ich lese sie zuhause immer mehrmals laut vor, damit ich sie auch gut vortragen kann und den Menschen dabei in die Augen schauen kann. Das ist sehr wichtig.“
Sich immer mit Tod und Sterben auseinanderzusetzen – ist das nicht auch sehr belastend? Man lerne damit umzugehen. „Es ist ja nicht meine Trauer.“
Mitfühlen nicht mitleiden
Das könne man mit der Arbeit eines Arztes vergleichen: „Der soll mitfühlen, darf aber nicht mitleiden. So geht es mir auch.“
Dennoch: Gibt es nicht auch Fälle, die ihn besonders nachhaltig beschäftigen? Die gibt es. Besonders tragische Suizidfälle blieben im Gedächtnis. „Normalerweise stehe ich so eine Feier stabil durch. Aber als dann entsprechende Musik dazu erklang, kam ich an meine Grenzen.“
Nach so einer Rede macht er gerne einen langen Spaziergang. In der Natur bekomme er den Kopf wieder frei.
Könnte der vierfache Vater auch im Falle eines toten Kindes reden? Jörg Bertsch denkt nach. „Ich würde mich dem stellen.“
Sinnreich und erfüllend
Trauerredner zu sein, ist für Jörg Bertsch eine sinnreiche, erfüllende, sinngebende Tätigkeit: „Man gibt den Leuten etwas – und man bekommt viel zurück von dankbaren und im besten Fall getrösteten Angehörigen.“
Einmal habe er eine noch recht junge Frau, die an Krebs verstarb, mit Worten begleitet. Die 80-jährige Mutter aus Bayern kam danach zu ihm und sagte: „Jetzt bin i fei gar nimmer traurig.“
Ein anderes Mal hielt er für einen bekannten Unternehmer eine Rede vor 150 Menschen. Hinterher wurde er angesprochen: „Gell, Sie hän ihn gut kennt.“ Dabei hatte Jörg Bertsch niemals Kontakt mit dem Verstorbenen. So müsse es sein. Diese Reaktionen zeigten ihm, dass es ihm meist gelinge, an Urne oder Sarg die richtigen Worte zu finden.
Ohne Scheu vor dem Tod
Für sich selbst wünscht er sich einst auch einen Trauerredner. „Ich weiß nur noch nicht, welchen“, sagt er und lacht. Im übrigen hat er seit seinen Erfahrungen als Trauerredner für sich eine Mappe angelegt. Darin stehe genau, was und wie er für seine Beerdigung wünscht. „Ich sehe ja immer das Chaos nach einem Todesfall, wie die Menschen erschlagen sind von der Trauer und nicht wissen, was sie jetzt als erstes organisieren müssen.“ Seinen Lieben möchte er das ersparen.
„Meine Tätigkeit hilft mir, die Scheu vor der Beschäftigung mit dem Tod, auch mit dem eigenen, und die Angst davor zu überwinden.“ Und sich sagen zu können: „Ich bin noch da, mir geht es gut.“