Serie: Trauer und Hoffnung – Wie ein Mensch trauert, ist sehr individuell. „Aber reden hilft immer“, weiß Pfarrerin Bettina von Kienle. Sie leitet das Trauercafé in Schliengen.
Das Trauercafé sei für sie ein „Herzensanliegen“ gewesen, sagt Bettina von Kienle, seit Herbst 2024 Gemeindepfarrerin von Auggen und Schliengen, im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wenn wir die Menschen beerdigen, sind wir auch für die Angehörigen zuständig“, findet sie.
Bereits in ihrer früheren Gemeinde im Schwarzwald leitete die evangelische Pfarrerin über Jahre hinweg ein solches Angebot. In Schliengen betreut sie die Gruppe gemeinsam mit Kirchengemeinderätin Marguerite Josten, die aktuell eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin macht.
„Wir zünden eine Kerzen an, dann wird erzählt“, gibt von Kienle einen Einblick ins Trauercafé, das Anfang des Jahres erstmals im Gemeindehaus der Prälat Hebel-Kirche stattgefunden hat. Die Teilnehmerzahl schwanke bei den Treffen zwischen vier und einem Dutzend Personen.
Verständnis wichtig
Die Kirche schreibt betroffene Personen aus dem Kooperationsgebiet (Neuenburg, Schliengen/Auggen und Eggenertal-Feldberg) persönlich an – drei Monate nach der Beerdigung eines Angehörigen, präzisiert von Kienle. Die Gruppe steht indes allen Trauernden offen, unabhängig von der Konfession.
„Trauern tut jeder – das Wie ist aber sehr individuell“, weiß die 63-Jährige aus ihrer langjährigen Arbeit in der Seelsorge. Wer länger als das berühmte Trauerjahr unter dem Verlust leide, mache oftmals die Erfahrung, dass das Umfeld eher ablehnend reagiere. Das sei im Trauercafé anders. „Hier gibt es für alle Verständnis, weil alle betroffen sind.“
Austausch in der Gruppe
Das Gespräch über die eigene Trauer und die Verstorbenen steht bei den Treffen im Mittelpunkt, umrahmt wird das Trauercafé von einem geistlichen Einstieg und einem Abschlussgebet. Außerdem gibt es Kuchen, Kaffee, Tee und Wasser. Das hat auch diesen Grund: „Viele Trauernde trinken zu wenig“, sagt die Pfarrerin und Trauerbegleiterin.
Reden ist wichtig
Ein Patentrezept für den richtigen Umgang mit Trauernden gebe es nicht, so von Kienle, auch keine generellen Ratschläge. Was aber praktisch allen helfe, sei: Reden, der Austausch in der Gruppe und von anderen verstanden zu werden. Auch dahingehend, dass der Trauerprozess nicht in gleichmäßigen, festen Bahnen geschehe. „Trauer kann phasenweise verlaufen, sie kann einen plötzlich wie eine Welle erfassen.“ Manchmal seien es Kleinigkeiten, die große Trauer auslösen beziehungsweise erneut befeuern, weiß von Kienle.
„Ein Trauernder kommt sich manchmal vor wie von einem anderen Stern. Im Trauercafé trifft er auf Menschen, denen es genauso geht“, sagt von Kienle. Das mache auch den besonderen Wert einer solchen Gruppe aus, „weil sich die Teilnehmer auch gegenseitig stützen können“. Daraus könnten manchmal sogar neue Freundschaften entstehen.
Wie eine unsichtbare Wand
In der eigenen Familie würden sich Betroffene hingegen oftmals gehemmt fühlen, beispielsweise, weil man den eigenen Kindern das Ausmaß der Trauer nicht zumuten wolle. „Als ob es eine unsichtbare Wand gebe“, beschreibt es von Kienle. Dazu komme, dass das Trauern etwas sei, das die heutige, hedonistische und auf Konsum fokussierte Gesellschaft in gewisser Weise verlernt habe.
Das ganze Leben
Die Trauerarbeit sei ein Prozess, der sich auch in der Gruppe widerspiegele. Denn mit der Zeit ändere sich, „wie die Betroffenen über ihren Verlust sprechen“, hält von Kienle fest.
Wichtig sei ihr bei der Trauerarbeit auch, dass sich der Fokus und die Bilder eines verstorbenen geliebten Menschen „nicht auf die letzten Stunden konzentrieren und alles andere Dagewesene verdrängen“. Vielmehr gehe es darum, „das ganze Leben in den Blick zu nehmen und darüber zu sprechen“.
Humor hilft
Bei all der Trauer und Schwere, die die Betroffenen mit sich tragen, sei es umso schöner, „wenn auch mal in der Runde gelacht wird“, findet von Kienle. Als ausgebildete Humortrainerin weiß die Pfarrerin um die heilsame Wirkung, wobei es nicht darum gehe, Witze zu reißen. Sondern darum, „das Schwere leichter zu machen“. Humor helfe dabei, die Dinge einmal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, sagt die 63-Jährige. Auch für ihre eigene Resilienz sei Humor ein entscheidender Faktor.
Eine Perspektive
Mit dem Trauercafé wollen Bettina von Kienle und ihre ehrenamtliche Kollegin dabei unterstützen, mit dem Verlust zu leben lernen – und besser mit den Verletzungen umzugehen. Denn mancher trage die Trauer um einen geliebten Menschen ein Leben lang mit sich. „Wir wollen Impulse setzen, um die Trauernden einen Schritt weiterzuführen.“ Es gehe darum, wieder eine Perspektive aufzuzeigen.
Glaube und Hoffnung
Dabei könne der Glaube eine große Stütze sein und neue Hoffnung schenken – „dass es eine andere Welt gibt, wo all das nicht mehr ist, was uns hier beschwert“.
Wobei es nicht allein nur um die Erlösung nach dem Tod gehe. Sondern auch darum, eine persönliche Wende zu schaffen und aus der tiefen Trauer wieder zurück ins Leben zu finden – „auch eine Form der Auferstehung“, sagt von Kienle, die damit auf eine zentrale Botschaft von Jesus verweist: „Das Reich Gottes ist schon angebrochen.“
Trauercafé in Schliengen
Das nächste Treffen
findet am Montag, 17. November, ab 16 Uhr im Gemeindehaus der Prälat-Hebel-Kirche, Bellinger Straße 12, in Schliengen statt.
Die Leitung
haben Pfarrerin Bettina von Kienle und Kirchengemeinderätin Marguerite Josten.