Serie Trauer und Hoffnung In den Gruppen der Hospizgruppe Dreiländereck treffen Trauernde auf Menschen, die Ähnliches erlebt haben und können sich austauschen.
Irène Passlick engagiert sich seit 2008 ehrenamtlich in der ambulanten Hospizgruppe Dreiländereck, wo sie anfangs schwer kranke und sterbende Menschen begleitete. Vor 15 Jahren entschied sie, sich zur Trauerbegleiterin ausbilden zu lassen. Zusammen mit Waltraud Bernhardt, die auch ausgebildete Trauerbegleiterin ist, leitet und moderiert sie die Gruppe „Trauer-Wege“. In den erst diesen Oktober bezogenen neuen Räumen am Rathausplatz in Weil am Rhein finden zwölf Treffen statt. Sie beginnen im Herbst und enden im Frühjahr.
Trauer als heilsamen Prozess zulassen
Bernhardt führte auch ihre persönliche Geschichte zu ihrem Engagement. Als Kind verstarb ihr Vater. Was ihr damals gefehlt habe: Menschen, die ihr Halt hätten geben können. „Dazu kommt mein Interesse an Menschen und ihren Geschichten. Und das Bedürfnis, etwas Sinnvolles zu tun“, umschreibt sie ihre Motivation. Passlick beschreibt es ähnlich: auch sie habe ein „großes Interesse an Menschen“.
Es sei „sinnstiftend, Trauernde zu unterstützen“. Sie habe einen „Riesenrespekt“ davor, was diese leisten. Sie betont: Schmerz und Trauer seien eine völlig normale und natürliche Reaktion auf einen Verlust. Trauer sei keine Krankheit, sondern ein Teil des menschlichen Lebens und der Entwicklung. „Wir müssen sie zulassen, als wichtigen Prozess“.
Anders, als lange angenommen wurde, verläuft Trauer nicht in Phasen. Auch das Trauerjahr, nach dem es für Hinterbliebene angeblich leichter werden soll, mit dem Verlust umzugehen, gebe es in dem Sinne nicht. Manchmal intensiviere sich Trauer nach Jahren des Verlustes, oft überraschend heftig. Zu trauern sei ein hochindividueller Prozess, deshalb sagt Bernhardt: Richtiges oder falsches Trauern gibt es nicht. So viel stehe fest: Oft dauert es Jahre, bis die Trauernden Entlastung spüren.„Wir unterstützen Menschen darin, ihren eigenen Umgang, ihren eigenen Weg mit der Trauer zu finden.“ Im besten Fall unterstützten auch nahestehende Menschen, die die Trauernden nicht alleine ließen, sondern die, wie Bernhardt rät, anbieten: „Ich höre zu und bleibe an deiner Seite, solange du es brauchst.“ Und sie rät davon ab, gut gemeinte Ratschläge zu erteilen, trösten zu wollen, besser sei schlicht, die Trauer zu respektieren.
Trauernde brauchen zuverlässige Menschen
Wer einen geliebten Menschen verliert, für den bricht die Welt zusammen. Außenstehenden, das wissen die beiden Frauen, falle es oft schwer, damit umzugehen. Trauernde hätten nicht die Kraft, auf andere zuzugehen. Deshalb raten beide dem Umfeld, initiativ zu werden, auch mal mit einer gekochten Suppe vor der Haustür zu stehen.
Laut Bernhardt könne sich das Umfeld oft nicht hineinversetzen in den völlig veränderten Alltag der Trauernden. Manchen würde unterstellt, sie trauerten zu lang oder zu intensiv. Kommentare wie „Jetzt könnte sie doch wieder arbeiten“, oder „Jetzt weint er immer noch“ seien unangebracht. Und könnten den Rückzug noch begünstigen. Trauernde benötigen Unterstützung, Wärme und Zuneigung anderer, vor allem: „zuverlässige Menschen“, sagt Bernhardt.
Die eigene Unsicherheit immer wieder ansprechen
„Das hören wir immer wieder“, erzählt die Trauerbegleiterin. „Im Trauerprozess zeigt sich: wen kann ich aushalten, wen nicht?“ In dieser Erkenntnis liege „nicht nur Enttäuschung, sondern auch viel Klarheit“. Wenn die bis zu sechs Betroffenen in den Trauergruppen davon erzählen, wie groß das Unverständnis oder die Hilflosigkeit in ihrem Umfeld ist, und wie verletzend hilflose Kommentare sein können, dann nickten die anderen. Wer nicht weiß, wie er unterstützen kann, ist überfordert und oft leider auch: still. Bernhardt rät, gegenüber Trauernden die eigene Unsicherheit offensiv anzusprechen.
Einzelgespräche sind immer möglich
Die Verlusterlebnisse der Gruppenteilnehmer sind unterschiedlich lange her. Im Einzelgespräch wird vorher geklärt, ob der oder die Trauende schon bereit ist für die Teilnahme an der Gruppe. Auf die Einzelgespräche können die Teilnehmer immer wieder zurückgreifen, etwa, wenn sie in der Gruppe etwas nicht preisgeben wollen. Ist der Tod des geliebten Menschen erst ein paar Wochen her, kann es sein, dass der Schmerz noch zu groß, zu dominant ist und verhindern könnte, dass andere Teilnehmer ihren Raum bekommen. Das, sagen beide Trauerbegleiterinnen, sei der schwierigste Part der Gruppenleitung: Darauf zu achten, dass jeder während der zweieinhalbstündigen Treffen die Möglichkeit bekommt, von sich und seiner Situation zu erzählen.
Alle sind ihren Gefühlen ausgeliefert
Die Trauerarbeit bestehe auch darin, viele Fragen zu stellen. Bernhardt: „Wir geben keine Antworten. Aber wir hören zu, ohne zu bedrängen.“ In der Gruppe sei „das Wichtigste das gegenseitige Verständnis“. Alle wüssten, was die anderen gerade durchmachen, alle teilten das Gefühl des Schmerzes und der Ohnmacht. Passlick ist immer wieder erstaunt darüber, wie schnell die Teilnehmer Vertrauen schöpften, sich öffneten, und die Treffen nutzten, um sich im geschützten Raum mitzuteilen. „Ich bin zutiefst berührt und beschenkt durch das Vertrauen der Teilnehmer“, sagt die Trauerbegleiterin. Es habe etwas Heilsames, diese tiefen Gefühle miteinander zu teilen.
Freundschaften und Therapie werden nicht ersetzt
Bernhardt betont, die Gruppe sei ein geschützter Raum. „Hier können sich die Teilnehmer öffnen, sie müssen es aber nicht.“ Passlick ergänzt: „Oft kommen sie und sagen: Heute möchte ich nichts sagen, mir geht es zu schlecht. Und dann tun sie es doch.“
Obwohl es oft schwer sei, empfinden Passlick und Bernhardt ihre Arbeit als ungemein bereichernd. Dabei sei wichtig, auf ihre Grenzen hinzuweisen: „Freundschaften und Therapeuten können wir nicht ersetzen.“
Es gibt das Trauercafé und Trauerwandern
Der geteilte Schmerz schweiße die Gruppe enorm zusammen, immer wieder äußerten Teilnehmer das Bedürfnis, nach den Treffen in Kontakt zu bleiben. Auch dafür gibt es das Trauercafé immer am letzten Freitag im Monat, von 15 bis 17 Uhr. Wer sich bei frischer Luft austauschen möchte, kann am Trauerwandern teilnehmen: Einmal im Monat wird zusammen gewandert – teilnehmen kann, wer sich vorher anmeldet, oft endet der Ausflug mit einer gemeinsamen Einkehr.
Die ambulante Hospizgruppe Dreiländereck
Die Website:
www.hospizambulant.de
Das Verbreitungsgebiet:
Sie bietet Sterbe- und Trauerbegleitungen in den drei großen Kreisstädten und Gemeinden zwischen Eimeldingen und Schwörstadt.
Die Adresse:
Rathausplatz 3, 79576 Weil am Rhein (rechts neben Alnatura)
Kontakt:
Tel. 07621/579 10 42 oder Email an info@hospizambulant.de
Spenden:
Ambulante Hospizgruppe Dreiländereck, Volksbank Dreiländereck