Bernd Ballmann ist in seiner Wahlheimat London gestorben. Er hat sich um das kulturelle Leben in Horb verdient gemacht.
Bernd Ballmann ist vielen Horbern als ein Mann von Bildung und Kultur in Erinnerung. Im Jahr 1974 von Biberach kommend, zog Familie Ballmann in das väterliche Haus in der Panoramastraße ein.
Als Germanist und Anglist am damals noch namenlosen Gymnasium Horb bezeichnete er sich im Freundeskreis gerne und bewusst mit dem antiquierten Begriff „Schulmeister“, dem er mit seinem hohen Fachwissen und seinem Perfektionsstreben mehr als gerecht wurde. Soweit zum Pflichtteil seines Lebens.
Museumsarbeit initiiert Bemerkenswert, ja hervorstechend die Kür, die durch seine Neigungen zu Literatur und Kunst in seinem freizeitlichen Schaffen zu hoher Blüte und bleibenden Einrichtungen seiner Vaterstadt Horb führte. Das Tandem Franz Geßler und Bernd Ballmann als Vorstände des Kultur- und Museumsvereins (1983–1993) stand für einen bedeutenden Aufbruch im Kulturleben unserer so geschichtsträchtigen Kleinstadt Horb. So ist der Name Bernd Ballmann untrennbar mit Berthold Auerbach, dem Weltautor des 19. Jahrhunderts, und den Horb-Münchner Malern der Familie Kaltenmoser und Salomon Hirschfelder verbunden.
Verdienst um Auerbach Begleitet von einer Handvoll Interessierter initiierte Ballmann 1982 eine Gedächtnisausstellung im Nordstetter Schloss zum 100. Todestag und 170. Geburtstag zum Leben und Werk des Dichters Auerbach, zwei Daten, die nur drei Wochen auseinander lagen.
Die Ausstellung mit über 250 Exponaten aus der Landesbibliothek Stuttgart, dem Literaturarchiv Marbach und Beiträgen privater Sammler sollte zum unerwarteten „Startschuss“ für eine Wiederbelebung des Gedenkens an den vergessenen und in der Nazizeit verfemten jüdischen Autor, ja zu einer erneuten Wahrnehmung Auerbachs in der germanistischen Wissenschaft werden.
Lobende Anerkennung von Walter Jens
Die lobende Anerkennung der Ausstellung durch den Tübinger Rhetoriker Walter Jens und die schätzende Wahrnehmung dieser lokalen Vorarbeit durch das Literaturarchiv Marbach gipfelten schon vier Jahre später in der Einrichtung einer dauerhaften Gedenkstätte im besagten Nordstetter Schloss durch den Arbeitskreis literarischer Museen in Marbach. Professor Thomas Scheuffelen richtete die Gedenkstätte in Kooperation mit Bernd Ballmann und dem Kultur- und Museumsverein ein und holte mit seinem Marbacher Magazin Nr. 36 zu Berthold Auerbach den Autor aus dem wissenschaftlichen Vergessen. Das kleine Museum mit Bernd Ballmann als erstem Kustos wurde zu einem Ort von Ausstellungen, Vorträgen und Lesungen.
Malerei und Literatur Zeitnah wurden die Grabstätten des Nordstetter Judenfriedhofs, des Ruheorts Auerbachs und seiner Vorfahren, durch Tübinger Judaisten dokumentiert. Diese Initiativen waren der Anlass für mittlerweile zahllose Beiträge und Begegnungen für die so besondere deutsch-jüdische Geschichte unserer näheren Heimat – damals ins Leben gerufen ohne fremde Anstöße von außen, wie der Volkskundler Professor Hermann Bausinger später zurecht feststellte.
Ein besonderes Interesse Bernd Ballmanns war die Verbindung von Literatur und ihre Interpretation durch Illustratoren; so war es für ihn kein weiter Weg gewesen, sich den bis dahin kaum wahrgenommenen Horb-Münchner Genremalern zu nähern. Er verschaffte sich einen Überblick über die wenigen privaten Bestände zu Caspar Kaltenmoser.
Dessen Sohn Max und Salomon Hirschfelder waren damals so gut wie nicht präsent. Alle drei Maler wirkten in München, waren Zeitgenossen von Spitzweg. Insbesondere die sozialkritischen Hauptwerke Hirschfelders – „Die Brotvisitation“ und „Das Dienstmädchenbüro“ – trafen das Interesse Ballmanns, deren Ankauf und Ausstellung er erwirken konnte. Eine stattliche Sammlung ist in den letzten Jahrzehnten gewachsen, ausgestellt im Heimatmuseum.
Wichtiger Ideengeber Jenseits dieser Schaffensschwerpunkte ließen sich noch zahlreiche Verdienste aufreihen, als wenige Beispiele seien genannt: die Anregung von Vereinspublikationen, die kulturkundliche Begleitung von Vereinsstudienreisen und nicht zuletzt die Idee für eine Festschrift anlässlich der Pensionierung von Professor Thomas Scheuffelen, dem Vater zahlreicher literarischer Gedenkstätten in Baden-Württemberg.
Für alle, die mit Bernd Ballmann, der immer zuerst an die Sache und zuletzt an sich dachte, in Projekten zu tun hatten, war es immer ein angenehmes Zusammenarbeiten.
Die Liebe zu London Mit seinem Eintritt in den Ruhestand 2003 verlagerte sich sein Lebensmittelpunkt zunehmend nach London, seine und seiner Frau Wahlheimat. Dort genoss er den Zugang zu den unerschöpflichen Quellen der Wissenschaft, war Dauergast in „seiner“ London Library, die gleichsam zu einem zweiten Wohnzimmer von ihm wurde. Nach wie vor seiner Heimatstadt Horb und seinem Heimatland verbunden, blieb er weiter aktiv und suchte neue Schwerpunkte, so als Mitglied der Chamisso-Gesellschaft, für die er 2014 eine wichtige Ausstellung zum 200. Erscheinungsjahr des Hauptwerkes Adelbert von Chamissos „Peter Schlemihl“ im Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder kuratierte. Mit Publikationen zu Chamissos Hauptwerk war er ein anerkannter Spezialist.
All diese beeindruckende Schaffensfülle wurde mit ermöglicht durch seine ihn zeitlebens liebevoll umsorgende Frau Maria, die ihn voll für sein Tun und seine Ideen freistellte. Der Kultur- und Museumsverein Horb ist ihm in Dankbarkeit verbunden und wahrt ihm ein ehrendes Andenken.
Autor des Nachrufs ist Albrecht Regenbogen, Singen