Gastronom Nico Blancone, seine Tochter Paola, seine Frau Margherita und sein Sohn Giovanni (v. l.) Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In die Trattoria Vivaldi in Stuttgart-Gablenberg kommen seit einem Vierteljahrhundert Fußballprofis, um Pasta zu speisen. Was ist das Erfolgsrezept der Gastwirtsfamilie Blancone?

Die besten Geschichten können sie leider nicht erzählen, aber die Blicke, die sich Paola und Giovanni Blancone zuwerfen, sprechen Bände. Die Kinder des Gastronomen Nico Blancone, Inhaber der Trattoria Vivaldi in Stuttgart-Gablenberg, sind mit mehreren Generationen VfB-Stars aufgewachsen. Ob Giovanni Trapattoni, Armin Veh, Mario Gomez oder Konstantinos Mavropanos – sie alle gingen und gehen hier ein und aus.

 

Auf den ersten Blick wirkt die Trattoria Vivaldi wie der typische Italiener von nebenan: ein paar Blümchen am Eingang, das Werbeschild einer Brauerei. Das Haus verfügt zwar über einen größeren Platz vor der Pforte an der sonst engen Bergstraße, wirkt aber ansonsten von außen eher unscheinbar. Auch innen – die rustikalen Tische sind ordentlich eingedeckt, der Weinschrank gut gefüllt – schaut’s aus wie in den meisten italienisch-schwäbischen Restaurants.

Die Gäste sind jedoch außergewöhnlich – was klar wird, wenn man die Fotos betrachtet, die an den Wänden hängen. Während man gerade ein Bild von Joachim Löw betrachtet, das den ehemaligen VfB- und Bundestrainer Arm in Arm mit Gastgeber Nico Blancone zeigt, ploppt auf dem Smartphone seines Sohns Giovanni Blancone eine Whatsapp-Nachricht von Ex-VfB-Profi Kevin Großkreutz auf: „Mama, der Kevin kommt am Samstag wieder.“ Die Reservierung wird gleich notiert. Alltag bei den Blancones.

Trapattoni will von Fußball angeblich nichts mehr wissen

Nun wischt Papa Blancone auf seinem Smartphone herum, bis ein Video startet. Darauf zu erkennen ist die Familie, sie befindet sich offenbar unterwegs auf irgendeiner Autobahn, „auf dem Weg in den Urlaub nach Italien“, wie Nico Blancone sagt. Viel interessanter ist aber die Stimme, die aus der Freisprechanlage des Autos kommt und Giovanni Trapattoni gehört. „Wir haben noch immer Kontakt“, sagt Nico Blancone. „Giovanni erkundigt sich regelmäßig nach unserem Befinden.“

Trapattoni trainierte den VfB lediglich von Juni 2005 bis Februar 2006 – dann wurde er entlassen. Dabei zählt er seinerzeit zu den erfolgreichsten Trainern der Welt. Sieben italienische Meistertitel, eine deutscher Meisterschaft (mit Bayern München) und diverse Pokaltitel hatte er bereits gewonnen, als er in Stuttgart landete. „Heute will er von Fußball nichts mehr wissen, auch nicht mehr darüber reden“, verrät Nico Blancone, für den die Begegnung mit Trapattoni zwar ein Meilenstein war, nicht aber der Beginn des Bands, das die Familie Blancone mit dem VfB knüpfte.

Das geschah vor 24 Jahren. „1998 kamen hier Jogi Löw, Thomas Berthold und Fredi Bobic rein. Ich habe sie alle erst nicht erkannt“, erzählt der 59-Jährige, der in Süditalien aufwuchs und im Alter von 18 Jahren gemeinsam mit seinem Bruder mit dem La Romantica am Kernerplatz seinen ersten Gastronomiebetrieb in Stuttgart-Mitte eröffnete, noch vor der Trattoria Vivaldi, „als wahrscheinlich jüngster selbstständiger Gastrounternehmer damals in Stuttgart“, wie Blancone stolz sagt. Der Fleiß wurde belohnt, offenbar hat es der prominenten Gesandtschaft des Vereins mit dem Brustring geschmeckt. „Danach kamen sie immer wieder – und auch andere“, sagt Blancone.

Pizza in die Trainingskabine

Und 2005 kam dann auch Giovanni Trapattoni – und zwar „jeden Tag“, wie Nico Blancone versichert. Er habe sich so zu Hause gefühlt, dass er sich nie die Hände auf der Toilette, sondern immer am Tresen gewaschen habe. Wenig später, als ihm Armin Veh als VfB-Trainer gefolgt war, sei es kaum anders gewesen. In dieser Zeit, erzählt Nico Blancone, sei er auch gefragt worden, ob er nicht für den VfB Stuttgart offiziell kochen wolle: „Ich habe Ja gesagt.“ Das habe er dann bis 2014 gemacht, aber auch danach hätten viele Vereinsgrößen weiterhin sein Lokal besucht. Beim VfB Stuttgart ist es ein offenes Geheimnis, dass auch die aktuelle Spielergeneration die Nähe zu dem Italiener pflegt. Es soll sogar vorkommen, dass das Vivaldi Pizza direkt in die Umkleidekabine liefert.

Profisportler zu bekochen ist etwas anders, als normale Gäste zu bekochen. „Man muss auf individuelle Wünsche Rücksicht nehmen“, sagt Blancone. Stichwörter: glutenfrei, fettarm und bei Spielern muslimischen Glaubens halal. Dazu kommen Vorlieben, die von Mensch zu Mensch variieren. Margherita Blancone kennt sie bei den VfB-Profis alle. „Mama weiß alle Einzelheiten“, sagt ihre Tochter Paola – dieser Spieler mag keinen Knoblauch, jener will weniger Salz.

Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten. Fußballstars – man denke nur an den ehemaligen Bayern-Profi Frank Ribéry und seine Passion für vergoldete Steaks – haben kulinarisch mitunter einen Hang zur Extravaganz. So dekadent ist die aktuelle VfB-Generation nicht, ein bisschen Chichi darf es aber auch bei ihnen sein. „Schwarze Pasta und Pizza, Wildbrokkoli, Südtiroler Speck und Trüffel sind bei fast allen beliebt“, sagt Margherita Blancone. Wildbrokkoli hat sie gerade beim Großmarkt gekauft. Jeden Morgen gehen die Blancones dorthin.

Zu VfB-Glanzzeiten teurere Autos vor dem Lokal

Die Blancones erinnern sich an Zeiten, in denen es glamouröser zuging als heute, wo sich der Stuttgarter Bundesligist im Abstiegskampf behaupten muss. 2007 wurde der VfB deutscher Meister. Zu jener Zeit parkten häufig Luxusautos vor dem Vivaldi in Gablenberg. Sie gehörten den Jungen Wilden – hochbegabten Kickern wie Mario Gomez, Sami Khedira, Andreas Beck und Serdar Tasci –, die Stuttgart in die Champions League katapultierten und die Prosecco-Korken im Vivaldi knallen ließen. Geschenkt: Die Blancones stehen auch in Krisenzeiten zu ihrem Verein.

„Ohne fußballerischen Sachverstand kann man nicht zum Stammlokal für einen Bundesligaverein werden“, ist sich Giovanni Blancone sicher. Die Wirtsfamilie hat einen etwas anderen Blick auf das Geschehen auf dem Platz als der Durchschnittszuschauer, auch wenn sie jedes VfB-Heimspiel besucht. „In der Ersten und Zweiten Bundesliga sind überall Spieler, die schon bei uns zu Gast waren“, sagt Giovanni Blancone – schließlich ist es die Ausnahme, dass ein Kicker ein Fußballerleben lang bei einem Verein bleibt.

Nico Blancones Kinder wirken selbstbewusst, aber nicht abgehoben. Beide besuchten die Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule. Paola studierte anschließend Marketing und Management mit Stationen in Mailand und New York, Giovanni Internationale Wirtschaft in Newcastle und Rom. In seiner Jugend galt er als talentierter Straßenfußballer. Seine Grenzen bekam Giovanni Blancone bei Gasttrainings mit den VfB-Profis aufgezeigt. Noch heute denkt er ungern daran, wie ihn der technisch versierte Daniel Didavi schwindelig dribbelte. Nach der A-Jugend bei der TSG Backnang hat Giovanni Blancone seinen Kindheitstraum von einer Profikarriere begraben.

Die Wirtstochter war in der DFB-Auswahl

Seine Schwester Paola Blancone brachte es als Jugendfußballerin sogar zu Einsätzen in der DFB-Auswahl, entschied sich dann aber auch, beruflich andere Pfade zu beschreiten. Heute betreut sie gemeinsam mit ihrem Bruder die Social-Media-Aktivitäten der Trattoria, die 20 Jahre lang ohne Internetpräsenz ausgekommen war. Auf ihrem persönlichen Instagram-Account hat Paola mehr als 7500 Follower, sie teilt mit ihnen Work-outs, Dubai-Urlaube oder wie sie morgens die ersten Sonnenstrahlen in Stuttgart genießt. „Ich habe immer viel Spaß daran gehabt, nebenher zu modeln“, sagt die ehemalige Zweitplatzierte bei der Wahl zur Miss Stuttgart. Aber auch sie packt im Familienbetrieb dort an, wo es gerade nötig ist.

Nico Blancone sagt, dass es für ihn keinen Unterschied mache, ob es sich bei dem Gast um einen Fußballprofi oder Otto Normalbürger handelt. Selbst Cristiano Ronaldo müsste ohne Reservierung an dem Holztresen warten, an dem sich Trapattoni einst die Hände gewaschen hatte, bis ein Tisch frei wird. In dieser Gleichbehandlung sehen die Blancones einen wichtigen Teil ihres Erfolgsrezepts. Bei ihnen könnten auch die VfB-Spieler für ein, zwei Stunden ganz normale Menschen sein. Und wenn jemand für ein Selfie an den Tisch drängelt, während Konstantinos Mavropanos oder Borna Sosa gerade in Ruhe ihre Pasta essen wollen? „Dann müssen wir sie ein bisschen abschirmen“, antwortet Nico Blancone. Mit etwas Geduld und Höflichkeit seien Fotos meistens kein Problem.

Was im Vivaldi gesagt wird, bleibt im Vivaldi

Ein weiteres Gebot, das gilt, wenn man in der Welt des Profifußballs als Gastronom des Vertrauens bestehen will, ist Diskretion. Giovanni Blancone kennt das von Kindesbeinen an. „Oft wurde ich gelöchert, das hat manchmal schon genervt“, erinnert er sich. Die Details, die er hätte verraten können, wären wahrscheinlich brisant gewesen. „Hier gab es Krisensitzungen mit Spielern und ihren Beratern, wenn es mal nicht so lief“, erzählt sein Vater Nico Blancone. Aber was in der Trattoria Vivaldi gesagt wird, bleibt in der Trattoria Vivaldi. Die besten Geschichten – sie können leider nicht erzählt werden.