Viele Medikamente werden durch halb Europa transportiert, bevor sie in der Apotheke landen – das sorgt für Verwirrung. Foto: Fotolia

Importarzneien sparen dem Gesundheitswesen jedes Jahr viele Millionen. Unter Patienten und sogar Apothekern stiftet die weit gereiste Medizin allerdings oft Verwirrung. Kritiker fordern die Abschaffung der staatlich geförderten Importmedikamente.

Stuttgart - Tabletten, die mal weiß, beim nächsten Rezept plötzlich gelb sind – daran haben sich Patienten im Zuge von Rabattverträgen und Nachahmer-Präparaten gewöhnt. Als der Stuttgarter Patrick W. ­neulich seinen vom Arzt verordneten Paracodin-Hustensaft aus der Apotheke abgeholt hat, stutzte er dennoch: Die Packung war auf allen Seiten mit Aufklebern bedruckt, zudem offensichtlich schon einmal geöffnet worden. Zeit dafür war reichlich: Ein Aufkleber weist eine Firma in Nord­italien als Hersteller aus. Von dort reiste der Saft im Gepäck eines Arzneimittelimporteurs ins schleswig-holsteinische Trittau, wo der Karton beklebt und mit einem deutschsprachigen Beipackzettel bestückt wurde. Über den Tresen gingen die Paracodin-Tropfen in einer Apotheke in Stuttgart.

Ein solcher Umweg eines Medikaments nennt sich Parallelimport, für die Arzneimittelversorgung in Deutschland wird dieser Vertriebsweg immer wichtiger. Gemessen an den Einkäufen der öffentlichen ­Apotheken haben die rund 50 Importeure bundesweit ihren Marktanteil von 2,2 Prozent 1999 auf mehr als 12 Prozent im vergangenen Jahr gesteigert. Bei zuletzt 2,7 Milliarden Euro Umsatz spart die Branche Krankenkassen und Selbstzahlern jährlich rund 300 Millionen Euro, erklärt der Verband der Arzneimittelimporteure (VAD).

Das funktioniert so: Die Firmen impor­tieren Arznei aus einem europäischen Staat, in dem diese weniger kostet als in Deutschland. Dann tauschen sie den Beipackzettel aus, ändern die Verpackung und verkaufen das Präparat an einen Großhändler, der hiesige Apotheken beliefert. Obwohl der Importeur den Transport, Steuern sowie das händische Umpacken bezahlt, verdient er selbstverständlich an dem Geschäft – und das Präparat aus Italien oder den Niederlanden ist trotzdem billiger als das Original. Gleiches gilt für sogenannte Reimporte, die einen noch weiteren Weg bis zum Patienten zurücklegen: Der Marktführer der Importeure, die Firma Kohlpharma, bezieht zum Beispiel die Antibabypille Microgynon aus den Niederlanden. Hergestellt wird das Verhütungsmittel vom Bayer-Konzern in Deutschland, Kohlpharma bringt das Präparat zurück, packt es in seiner Zentrale im Saarland um und gibt es in den deutschen Handel.

Vergleichsweise hohe Preise in Deutschland

Obwohl solche Geschäfte seit mehr als 20 Jahren gemacht und vom Staat gefördert werden, häuft sich jüngst die Kritik an dem Modell. „Da werden Arzneimittel ins Ausland und zurück gebracht, von Hand umgepackt und sind trotzdem noch günstiger als die entsprechenden Originalpräparate, die diesen Umweg nicht machen – das ist schon ein seltsames Konstrukt“, heißt es im Referat für Arzneimittel- und Apothekenwesen des hessischen Sozialministeriums. Aufgrund vergleichsweise hoher Preise ist Deutschland in Europa Hauptabnehmer für um die 1000 verschiedene Importarzneien, der Staat fördert die Einfuhren, indem er Apotheken vorschreibt, fünf Prozent des Umsatzes mit den Präparaten zu machen.

Im Zuge diverser Gesundheitsreformen hat das Instrument zur Preisregulierung zuletzt Konkurrenz bekommen, insbesondere Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Pharmaherstellern versprechen Experten zufolge effizientere Einsparungen. Zum Vergleich: Rabattverträge haben den Krankenkassen 2010 rund 1,3 Milliarden Euro gespart, seither hat ihre Zahl weiter zugenommen. Eine im gleichen Jahr verordnete Erhöhung des Zwangsrabatts, den die Hersteller den Krankenkassen einräumen müssen, bescherte im vergangenen Jahr 2,5 Milliarden Euro Ersparnis.

Das hessische Sozialministerium hält die einzelnen Kostendämpfungsinstrumente für „nicht mehr überschaubar“. Die Behörde fordert, sämtliche Maßnahmen auf Wechselwirkungen zu prüfen – „unsinnige Instrumente müssen abgeschafft werden“. Die Förderung von Importarznei gehört zwingend dazu, meint der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (VFA). Diese sei bei über zehn Prozent Marktanteil „nicht mehr zu rechtfertigen“. Bei teuren Krebs- und HIV-Therapien sowie Psycho-Pharmaka ist fast jedes zweite Präparat importiert.

Importarzneien oft nicht lieferbar

Den Apothekern erschweren Importe zunehmend das Leben. Sie müssen einerseits die Rabattverträge der Krankenkassen bedienen, andererseits für jede Kasse die Importquote von fünf Prozent erfüllen. In der Praxis kollidieren diese Vorschriften oft, Nichterfüllung bezahlen die Pharmazeuten mit Honorarabzug. Hinzu kommt, dass Importarzneien oft nicht lieferbar sind und es für Apotheker aufgrund wechselnder Preise bei jüngeren Originalpräparaten immer schwerer zu durchschauen ist, welches das günstige Präparat ist. Ihre Wut über die Regelungsflut lassen die Pharmazeuten unter anderem in Online-Foren heraus: Auf dem Portal „DAZ online“ schreibt eine Apothekerin über die eigene Profession als „Ausführungsdepp einer überbordenden aberwitzigen Bürokratie“.

Eine  Studie des Gesundheitsdienstes IMS Health bestätigt dies: „Im Abgabe-Dschungel zwischen Parallelimporten einerseits und Rabattverträgen andererseits gehen einzelne Apotheker immer wieder verloren“, heißt es da. Schlecht sind die ­Zukunftsaussichten für Importe deswegen nicht: Die anhaltende Konjunkturflaute in Südeuropa hält aus Sicht der Marktforscher die Preise zwischen den Staaten weiterhin unterschiedlich hoch – und macht Importe somit interessant. Der Patient muss also weiter damit leben, dass seine Tabletten ­ Farbe, Name oder Hersteller ändern – weil sie nachgeahmt, rabattiert oder importiert sind.

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