Einer der wichtigsten Strommanager des Landes: TransnetBW-Chef Werner Götz Foto: TransnetBW

Hohe Strompreise belasten Verbraucher und Unternehmen. TransnetBW-Chef Werner Götz zeigt die Verbindung zur Energiewende auf – und erklärt, was jetzt dringend zu tun ist.

Werner Götz, Chef des Übertragungsnetzbetreibers TransnetBW, einer der vier verantwortlichen Konzerne für den sicheren Stromnetzbetrieb in Deutschland und Europa sowie den Ausbau der großen deutschen Stromautobahnen, verlangt von der neuen Bundesregierung einen Wandel in der Energiepolitik.

 

Der Strommanager macht sich für einen bezahlbaren Netzausbau stark, der auf realistischen Annahmen zu Stromerzeugung -und verbrauch basiert. An den Zielen der Energiewende will der 63-Jährige nicht rütteln – doch er regt an, die Ausbaugeschwindigkeit zu drosseln, damit Strom hierzulande bezahlbar bleibt.

Seit wenigen Tagen steht die neue Bundesregierung. Wie bewerten Sie die gefassten Beschlüsse?

Ich schaue da grundsätzlich sehr optimistisch drauf. Im Koalitionsvertrag sind viele Themen adressiert, die für uns wichtig sind. Ich würde mir wünschen, dass die neue Bundesregierung das Thema Energiepreise in ihrer Prioritätenliste ganz nach oben setzt.

Warum ist das so wichtig?

Ohne die Akzeptanz der Bürger funktioniert die Energiewende nicht. Ebenso sehe ich Risiken für die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts. Wir haben jetzt die Möglichkeit, die Weichen zu stellen: Wir müssen die Bezahlbarkeit stärker in den Fokus rücken.

Unternehmen und Verbraucher im Land ächzen unter hohen Strompreisen. Wie bleibt unser Energiesystem bezahlbar?

Wenn wir die Ausbaugeschwindigkeit in der Energiewende drosseln, würde sich das entlastend auf die Preise auswirken. Aktuell strapazieren wir die Lieferketten zu stark. Fast alle Komponenten sind teurer geworden, egal ob Transformatoren oder Konverter, bei denen wir aktuell in lange Lieferzeiten laufen. Die extrem hohe Nachfrage führt teils fast zu einer Verdopplung der üblichen Preise am Markt. Wären wir etwas geduldiger und würden Netzausbauziele zeitlich strecken, könnten wir die Energiewende zu deutlich günstigeren Preisen umsetzen.

Die Politik zwingt Sie bislang, die Stromautobahnen als Erdkabel zu legen – statt als günstigere Freileitungen. Können wir uns das leisten?

Bei neuen Großprojekten muss wieder das Thema Kosten im Vordergrund stehen. Wir leisten uns aktuell an der einen oder anderen Stelle den Luxus, Technologien einzusetzen, die nicht kosteneffizient sind. Wir hatten der alten Bundesregierung vorgerechnet: Wenn man die neu in der Diskussion befindlichen Stromautobahnen als Freileitung plant und nicht als Erdkabel verlegt, könnten bis zu 20 Milliarden Euro eingespart werden.

Die neue Bundesregierung will den Erdkabel-Vorrang nun streichen. Dafür kämpfen Sie schon lange…

Ja, an der Stelle hätten wir uns allerdings mehr Deutlichkeit gewünscht. Der Koalitionsvertrag sieht vor: Freileitungen, wo sie machbar sind. Das ist eine Einschränkung, die politisch interpretierbar ist. Wenn man nur den Vorrang streicht, verlagert man die Frage ob Freileitung oder Erdkabel in die Genehmigungsverfahren. Wir fordern einen klaren Vorrang für Freileitungen, weil sie im Bau und in der Wartung günstiger sind.

Wo sehen Sie noch Einsparpotenzial?

Wir sollten eine Debatte darüber führen, ob wir an den aktuellen Ausbauzielen bei den erneuerbaren Energien festhalten. Hier ließe sich ein signifikanter Betrag einsparen, der im zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich liegt.

Die politischen Ziele sehen 70 Gigawatt Offshore-Windenergie bis 2045 vor…

…man bekommt den gleichen Energieertrag aber auch mit weniger Windrädern. Denn die Flächen für Windparks in der Nordsee sind begrenzt. Das führt dazu, dass die Windturbinen nicht optimal ausgelastet sind, weil sie sich wechselseitig den Wind nehmen. Vergrößert man den Abstand der Turbinen, bekommt man zwar weniger Leistung untergebracht, erhält aber die gleiche Energieausbeute. Das spart Geld bei Windturbinen, aber auch bei Netzanschlüssen.

Sie geben diese Kosten über die Netzentgelte an alle Stromkunden weiter. Ist das fair?

Wir subventionieren Offshore-Wind durch einen Gratis-Netzanschluss. Da waren wir in der Vergangenheit sehr großzügig. Über die Netzentgelte landen diese Kosten bei Ihnen und mir auf der Stromrechnung. Würde jeder Windpark seinen Netzanschluss selbst zahlen, gäbe es plötzlich eine ganz andere Wirtschaftlichkeit. Für die Bürger würde damit eine Entlastung bei den Netzentgelten einhergehen.

Heißt: Wer etwas haben möchte, muss es auch bezahlen?

Das halte ich für richtig – und zwar im Kleinen wie im Großen. Wer den Nutzen hat, sollte zahlen. Wir müssen hin zu einem stärkeren Verursacherprinzip und davon wegkommen, die Systemkosten wie aktuell über steigende Netzentgelte auf alle Schultern zu verteilen. Warum soll Lieschen Müller in ihrer Zweizimmerwohnung im dritten Stock den Hausanschluss meiner Wärmepumpe oder den Ladepunkt meines E-Autos bezahlen?

Lieschen Müller muss bei negativen Preisen für Solarstrom auch den Stromverbrauch subventionieren. Ist das sozial verträglich?

Nein, die Förderung der erneuerbaren Energien sollte umgestellt werden. Wir haben heute die Situation, dass wir eine garantierte Einspeisevergütung beim Solarstrom haben. Das führt dazu, dass wir selbst bei negativen Preisen einen Plusbetrag an die Erneuerbaren-Betreiber bezahlen. Diese sind in einer bequemen Position – für die Bürger ist das aber ein teures Konzept, weil sie die Differenz bezahlen. Würden wir die Spielregeln ändern, könnten wir wirklich Geld sparen. Das würden die Menschen am Ende des Tages im Geldbeutel spüren.

Sind wir zu ambitioniert mit unseren Klimazielen?

Nein, aber wir haben uns ein Stück weit verrannt. Wir haben in den letzten Jahren versucht, uns immer wieder mit politischen Zielsetzungen selbst zu überholen. Die Klimaneutralität ist ein wertiges Ziel, aber ob sie 2040, 2041 oder 2045 erreicht sein wird, ist nicht so relevant. Wir sind gut beraten, wenn wir uns die Kehrseite ansehen und fragen: Was kostet uns dieses Jahr früher oder später eigentlich – in CO2, aber auch in Euros. Am Ende des Tages haben wir eine Verantwortung den Bürgern und dem Wirtschaftsstandort gegenüber. Die Energiewende ist nicht umsonst, aber wenn wir umsichtig handeln, wird sie günstiger.

Was ist aus ihrer Sicht der drängendste Punkt, der am schnellsten umgesetzt werden sollte?

Am heftigsten drückt uns der Schuh am Kraftwerkssicherheitsgesetz. Da geht es um die steuerbare Leistung, die wir brauchen, um auch an Tagen, an denen Sonne und Wind nicht zur Verfügung stehen, unser Energiesystem stabil zu halten. Dafür brauchen wir diese für uns steuerbare Gesamtkapazität. Ganz konkret müssen wir nach Berechnungen der Bundesnetzagentur ab 2031 21 Gigawatt steuerbare Kraftwerkskapazitäten zur Verfügung haben. Sollte der Kohleausstieg langsamer vonstatten gehen und der Stromverbrauch geringer als bisher angenommen ansteigen, reicht natürlich ein geringerer Kraftwerksneubau bis 2030 aus.

Wie viele dieser Kraftwerke sollen in Baden-Württemberg stehen?

Die neuen Kraftwerke sollen an systemdienlichen Standorten entstehen, also dort, wo aktuell viele Eingriffe zur Stabilisierung der Stromnetze für Mehrkosten im System sorgen. Als Übertragungsnetzbetreiber haben wir unter den bisherigen Annahmen zum Kohleausstieg und zur Entwicklung des Stromverbrauchs 6,5 Gigawatt nach Baden-Württemberg verortet. Mit Blick auf die Bundesrepublik heißt das: Rund ein Drittel im Norden und zwei Drittel im Süden.

Sie warten jetzt schon zermürbend lange auf die Strategie. Wie viel Geduld haben Sie noch?

Es ist in der Tat ein drängendes Problem. Wir legen der neuen Bundesregierung stark ans Herz, das jetzt zur Priorität zu machen. Aktuell nutzen wir den bisher vorhandenen Kraftwerkspark. Das sind im Wesentlichen alte Kohlekraftwerke aus den 60er, 70er, 80er Jahren. Diese Anlagen sind bald am Ende ihrer technischen Lebensdauer. Wir müssen in den nächsten Jahren damit rechnen, dass uns diese Anlagen nicht mehr zur Verfügung stehen. Damit haben wir ein eingeschränktes Zeitfenster, um diese alte Technik durch die neue abzulösen.