Deniz Undav und Chris Führich erleben bei der Nationalmannschaft den Sommer ihres Lebens, doch abseits der Heim-EM gibt es für die Stuttgarter Schwierigkeiten.
Fußball kann so schön sein. Deniz Undav und Chris Führich erleben jedenfalls den Sommer ihres Lebens. Sie genießen die Zeit bei der Nationalelf, haben ihre ersten EM-Einsätze erlebt – und das noch in Stuttgart, ihrem neuen Sehnsuchtsort. „Das kann man schon so beschreiben, auch in Verbindung mit dem VfB und dem Erreichen der Champions League“, betont Führich. Undav spricht gar von einem Gänsehautmoment, als die Fans in der Cannstatter Kurve beim Spiel am Mittwoch gegen Ungarn (2:0) seinen Namen riefen.
Emotionaler geht es kaum, und aktuell empfangen Führich und Undav Pässe von Größen wie Toni Kroos oder Ilkay Gündogan und – bei allem Respekt – nicht mehr von Zweit- oder Drittligaspielern. Das alles grenzt schon an ein Wunder für Undav, der noch sehr genau weiß, wie es vor wenigen Jahren für ihn war, als er mal darüber nachdachte, mit dem Berufssport aufzuhören.
Die Botschaft von Deniz Undav
Doch die Sprache hat es dem Offensivspieler natürlich nicht verschlagen. Gerade mit Blick auf die eigene Zukunft, die es zu regeln gilt. „Ich habe schon 290-mal gesagt, dass ich mich beim VfB pudelwohl fühle. Ich mag den Verein, und ich liebe die Fans“, sagt der 27-Jährige. Undav bleibt also Undav. Ein Gute-Laune-Typ – jemand, der sein Herz auf der Zunge trägt und sich von den Geschäftsgepflogenheit nicht beeindrucken lässt. Das hat ihn neben seinen 18 Treffern und zehn Torvorlagen beim VfB Stuttgart zum Publikumsliebling gemacht. Die Fans wollen ihn weiter im Trikot mit dem Brustring sehen, die Verantwortlichen wollen ihn halten, und er will bleiben.
Doch so prächtig sich alles in Stuttgart entwickelt hat, so schwierig gestaltet sich der Transfersommer für den VfB Deutschland. Ein Dilemma möchte man meinen, da es dem Verein ergeht wie dem FC Girona in Spanien und dem FC Bologna in Italien. Sie waren zu gut und zahlen nun den Preis des Erfolgs, da ihnen die zahlungskräftigen Konkurrenten die besten Spieler wegkaufen.
Nach Hiroki Ito (FC Bayern München) hat sich nun auch Waldemar Anton – mit seinen VfB-Kollegen Undav, Führich und Maximilan Mittelstädt Teil des deutschen EM-Kaders – zu einem Wechsel entschlossen. Er wird sich Borussia Dortmund anschließen, der Ligarivale macht von Antons Ausstiegsklausel in Höhe von 23,5 Millionen Euro Gebrauch .
Während diese Entscheidung gefallen ist, steigert sich der Undav-Poker immer weiter. Ausgang offen. Dem Wunsch des Angreifers zum Trotz: Er hat bei Brighton & Hove Albion, seinem eigentlichen Arbeitgeber, mehrfach hinterlegt, nicht mehr zu dem Premier-League-Club zurückkehren zu wollen. Selbst nachdem er mit dem neuen Trainer Fabian Hürzeler (bisher FC St. Pauli) telefoniert hat. Mit der Konsequenz, dass der Clubbesitzer Tony Bloom aus der Leihgabe einen Businessfall macht. Eiskalt durchgerechnet.
Zieht der VfB seine Kaufoption, was er bis zum Monatsende tun wird, kontert Brightons starker Mann wohl mit der Rückkaufoption. Sie erlaubt es den Engländern, Undav weiter an sich zu binden und auf dem Transfermarkt veräußern zu können. Mit dem Nebeneffekt, dass der VfB zunächst Geld einnehmen würde. Es sei denn, Alexander Wehrle und Fabian Wohlgemuth erhöhen die bereits stattliche Ablösesumme. 20 Millionen Euro zum Ersten, 25 Millionen Euro zum Zweiten – und wie viel zum Dritten?
Wie viel Geld gibt der VfB Stuttgart aus?
Der Vorstandschef und der baldige Sportvorstand der VfB AG überlegen jedoch genau, wie viel Geld sie für einen dann 28-Jährigen ausgeben wollen, dem sie zudem noch ein üppiges Gehaltspaket samt Treueprämie und Beraterhonorar schnüren müssen. Eine schwierige Entscheidung. Zumal es nicht die Einzige ist, die Wehrle und Wohlgemuth bei der Kaderplanung beschäftigt.
Einerseits soll es ja nicht zu viel Geld sein, das die Stuttgarter für leistungsstarke Spieler ausgeben – um nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Wie anno 2007, als der VfB den Titel gewann und in den Folgejahren der fragwürdige Meister darin war, die meisten falschen Managemententscheidung getroffen zu haben. Darunter hatte der Verein eine gefühlte Ewigkeit zu leiden. Andererseits soll es nicht zu wenig Geld sein, das in die Mannschaft fließt, um die gerade erstarkte Gruppe nicht gleich wieder zu verlieren. Genau in diesem Spannungsfeld bewegen sich die VfB-Verantwortlichen. Man ist jetzt stolzer Champions-League-Teilnehmer, weiß im Grunde aber nicht, ob dafür ein konkurrenzfähiges Team zur Verfügung stehen wird. Das böse Wort des Ausverkaufs macht die Runde.
Führich gibt an, „beim VfB unter Vertrag zu stehen“ und sich voll auf die EM zu fokussieren, und Undav betont, „man muss abwarten, es ist genug Zeit. Alles entspannt“. Das VfB-Duo befindet sich dabei im Quartier der Nationalelf in bester Gesellschaft. Denn nicht einmal Joshua Kimmich und Leroy Sané wissen, ob sie den nächsten Sommer beim FC Bayern München erleben werden.