Wolfgang Reichart in Salzstetten präsentiert seinen selbst restaurierten Schlüter-Traktor S 650. Eine Premium-Marke und sein persönliches Traum-Vehikel. Foto: Maier

Schlepper-Experten gibt es in Deutschland viele, doch der Traktoren-Papst kommt aus Salzstetten: Der erfahrene Wolfgang Reichart gilt in Sachen historische Landmaschinen als profunder Kenner und exzellenter Ratgeber.

Waldachtal-Salzstetten - Für den Oldtimer-Freak ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Der 73-Jährige präsentiert stolz seinen Schlüter S 650 Traktor. Das Fahrzeug in rot-silber hat er in den Corona-Jahren 2020/21 selbst restauriert. Mehr als 160 Stunden Schrauber-Arbeit investierte er.

Seit rund fünf Jahren schlummerte sein "Heiligtum" im Dornröschenschlaf im Schuppen vor sich hin. Um diesen Premium-Traktor zu restaurieren, ist er unter anderem mehrfach hunderte Kilometer weit gefahren, um Teile zu besorgen. Sein mit Originalteilen erneuertes Glanzstück Baujahr 1961 verfügt über eine Leistung von 58 PS und einen Hubraum von 4300 ccm. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 32 Km/h. Der Schlüter-Mythos lebt: Schlüter verfügt bei Traktoren über einen Nimbus wie Mercedes oder Porsche bei Autos. Traktoren mit diesem Emblem waren früher für viele Landwirte nicht erschwinglich. Blaublütige wie Barone und Grafen, so erzählt der Experte, haben standesgemäß solche Fahrzeuge gekauft. Oldtimer-Urgestein Reichart, der lange nach einem gefragten Schlüter-Oldtimer gesucht hat, erinnert sich: Den fairen Deal machte er vor Jahren in der Mönchhofsägemühle in Vesperweiler, als er sich mit dem früheren Besitzer-Ehepaar aus Leinstetten über den Kauf dieses restaurierungsbedürftigen Schlüter-Traktors handelseinig wurde.

So ein begehrtes Fahrzeug zu finden, brauche es auch etwas Glück. Unter "Anton Schlüter München" wurden in dem vom gleichnamigen Kommerzienrat 1898 gegründeten Unternehmen im Werk Freising Premium-Traktoren gebaut. In den Jahren 1965/66 hat Schlüter den 500 PS starken Supertruck gebaut, der insbesondere für amerikanische Farmer gemünzt war, aber selbst denen zu teuer gewesen ist. "Das war seinerzeit der stärkste Traktor auf der ganzen Welt", punktet Wolfgang Reichart mit seinem Fachwissen. Diese teuren Dieselrosse wurden nicht in Großserien gefertigt, sondern nur Stückweise. Nur ein paar wenige an einem Tag.

Nur 800 Stück

Ein solches Unikat hat Wolfgang Reichart ergattert. "Mir gefallen Schlüter", bekennt der Wahl-Salzstetter. Von diesem Modell sind nur etwa 800 Stück gebaut worden. Und: "Mein Schlüter ist wie ein Goldschatz für mich." Über den heutigen Marktwert seines selbst restaurierten Dreitonners mit schwergewichtigem Gußblock-Langhuber-Motor und stärkerem ZF-Getriebe ist sich Salzstettens Traktoren-Spezialist bewusst: "Meinen Schlüter S 650 würde ich kaum unter 30 000 Euro hergeben." Seinerzeit zählte diese Marke zu einer der Teuersten überhaupt. Premium-Traktoren sind auf dem Markt rar und gesucht.

In der Spitze hatte Wolfgang Reichart einmal 40 Oldtimer-Traktoren in seinem Bestand. 18 davon nennt er noch sein eigen. Ein Hela D 47 mit Produktionsnummer 002, der bei Hermann Lanz in Aulendorf gefertigt wurde, ist nicht nur sein ältester, sondern auch so alt wie er selbst (Geburtsjahr 1947). In den vergangenen eineinhalb Jahren hat er schweren Herzens elf selbst restaurierte Fahrzeuge gewinnfrei abgegeben. "Jedes Mal, wenn ein verkaufter Traktor vom Hof ging, hatte ich das Gefühl, wie wenn man sein eigenes Kind hergibt." Steckte er doch passionierte Arbeit bis ins Detail und viel Herzblut in die Restaurierungen. Auch im Alter von 73 Jahren arbeitet der "Ruheständler" täglich sechs Stunden für sein Hobby Oldtimer zu restaurieren und Schrauben. "Das ist meine Altersbeschäftigung", zwinkert der ehemalige Landmaschinenmechaniker und im Fahrzeugbau-Beschäftigte mit dem Auge. Er liebt Herausforderungen: "Mit Kollegen zusammen versuche ich unlösbare Probleme zu lösen." Und: "Es hat noch nichts gegeben, das wir nicht gelöst haben."

Rat ist bundesweit gefragt

Bundesweit ist der Rat des Salzstetter Traktoren-Experten sehr gefragt. Erst dieser Tage konnte er einem Eicher-Schmalspur-Schlepper-Besitzer aus Hannover helfen, der Probleme mit der Einspritzpumpe hatte. Auf seinem Werkstatt-Anwesen in der Ortsmitte von Salzstetten, wo auch die Freunde alter Fahrzeuge Waldachtal ihr Domizil haben, geben sich oft Oldtimer-Traktoren-Freunde aus nah und fern ein Stelldichein. Täglich wird Reichart von seiner treuen sechsjährigen Labrador-Dogge-Mix-Hündin Malu begleitet, seiner Wächterin. Dort, wo früher zwei Wohnhäuser der Familie Berge standen, hat der Urvater der Freunde alter Fahrzeuge Waldachtal nach eigenen Angaben eine "Goldperle" für seine liebste Freizeitbeschäftigung gefunden. Dort in heimeliger Umgebung fühlt sich der aus Diessen-Dettenhofen von einem 36 Hektar-Hof stammende gelernte Hufschmied wohl und heimisch.

Was bewegt den Mittsiebziger? "Es ist mein Wunsch, dass das Domizil Freunde alter Fahrzeuge erhalten bleibt und dass das jemand jüngerer übernimmt und weiter betreibt." Der Oberbayer lebt mit Familie seit 50 Jahren in Salzstetten-Süd. Wolfgang Reichart lernte seine spätere Frau 1966/67 über einen Bundeswehrkameraden kennen. Goldene Hochzeit feierten der Bayer Wolfgang Reichart und die Schwäbin Thea Raba im März dieses Jahres im engsten Familienkreis zuhause in Salzstetten. Aus der Ehe gingen die Kinder Jürgen und Tina hervor. Die Großeltern freuen sich über drei Enkeltöchter.

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