Der Außenstürmer des FC Bayern präsentiert sich im EM-Trainingslager der DFB-Elf in Seefeld als ein Typ mit zwei Gesichtern – und macht damit so manchen Mitspieler wütend.
Seefeld - Wer ist dieser Mann, der da auf dem Trainingsplatz von Seefeld in der einen Einheit teilnahmslos über den Rasen schlurft und bei Besprechungen ins Leere starrt? Der alleine auf dem Grün hockt, während die Kollegen drum herum flachsen, sich unterhalten oder gemeinsam Trinkpause machen am kleinen Tisch am Spielfeldrand?
Wer ist dieser Mann (und: ist es derselbe wie der oben), der dann am nächsten Tag plötzlich flachst, aufmerksam zuhört, der mitten im Kreis der Kollegen ist – und dann im Trainingsspiel der beste Mann ist? Der explodiert, der sie alle nass macht, der Tore vorbereitet und selbst erzielt?
Leroy Sané (25) muss einer sein, und nicht zwei. Zumindest gibt es für die These inzwischen viele verlässliche Zeugen, dass hinter den zwei Gesichtern mit all den Rätseln und Widersprüchen doch eine Person steckt.
Ein Künstler auf Stand-by
Einer davon ist Hansi Flick, der künftige Bundestrainer, der mit Sané zuletzt beim FC Bayern arbeitete. „Leroy ist teilweise ein Künstler, der das eine oder andere Mal ein bisschen auf Stand-by ist“, sagte Flick kürzlich. Bei einem Spiel in Leverkusen war Sané mal so sehr auf Stand-by, dass Flick ihn erst ein- und wenig später auswechselte. Das ist die so genannte „Höchststrafe“.
Der nächste Zeuge heißt Marcus Sorg. Der Assistent war im Trainerstab Joachim Löws vor drei Jahren mitverantwortlich für die Ausbootung des Hochbegabten aus dem WM-Kader fürs Turnier in Russland. Sané selbst sagt heute darüber, dass das „das Härteste war“. Er spricht auch vom „größten Rückschlag meiner Karriere“.
Emre Can, ein Mann der klaren Worte
Drei Jahre später, im EM-Trainingslager von Seefeld, sagt Sorg nach einem Lob über dessen Entwicklung dies über Sané: „Klar ist, dass nicht jeder Spieler gleich ist. Da muss man gewisse Dinge in Kauf nehmen.“ Welche Dinge, das weiß Emre Can genau. Der Mittelfeldmann von Borussia Dortmund ist ein Mann des klaren Wortes, auch auf dem Platz, also sagt er nach den ersten Eindrücken in Tirol dies über seinen Mitspieler in der DFB-Elf: „Leroy ist genial, hat ab und an aber ein bisschen eine andere Körpersprache.“ Da müsse man, so Can, ihm „mal lauter etwas sagen oder Körperkontakt haben“.
Ein Mann, ein Rätsel – Sané lässt keinen kalt. So wissen die Mitspieler und seine Trainer, wie sehr sie den Freigeist mit der feinen Technik brauchen können. Wie sehr sie auf seine genialen Momente angewiesen sind. Auf Sanés Tempodribblings, auf seinen Antritt, auf den Abschluss mit links. Auf sein Gespür für die kleinen und die großen Pässe.
Ein Programm für die Ohren
Die Trainer und die Teamkollegen wissen aber auch, dass Sané plötzlich sein anderes Gesicht zeigen kann. Über das sie hinwegsehen bis zu einer gewissen Grenze, weil sie ja wissen, wie genial der Leroy sein kann. Manchmal aber, da gibt es kein Halten mehr, wenn dieser Leroy mal wieder nicht mitmacht. Wenn er so den Erfolg gefährdet, und sei es nur den kurzfristigen – etwa in einem gemeinsamen Pressingmoment während einer Partie. Dann kann man ihn irgendwann nicht mehr einfach so machen lassen.
Fußballspiele sind aufgrund der fehlenden Fans im Stadion ja immer auch Hörspiele – besonders eindrucksvoll war das Programm für die Ohren am vergangenen Mittwochabend im kleinen, engen Innsbrucker Tivoli. Es läuft die 57. Minute im ersten EM-Testspiel der DFB-Elf gegen Dänemark – und dann passiert das: Dänemark fängt einen deutschen Angriff in der eigenen Hälfte ab. Die deutsche Elf geht ins Gegenpressing. Thomas Müller, Joshua Kimmich und Serge Gnabry gehen drauf – nur Leroy Sané will offenbar nicht mitmachen.
„Hör’ auf zu jammern, Alter!“
Kimmich brüllt zweimal: „Leroy, geh’ drauf!“. Doch Sané bleibt stehen und feuert verbal zurück. Sekunden später grätscht Sané wütend den dänischen Verteidiger Wass um, sieht für das Frustfoul die Gelbe Karte. Nach dem Foul redet Sané weiter auf Kimmich ein. Doch der kontert, für alle Anwesenden im Stadion gut hörbar mit einem Brüller: „Hör’ auf zu jammern, Alter!“
So kann das gehen, wenn Sané die Kollegen wütend macht. Kimmich kennt das schon vom FC Bayern, wo Sané nach Verletzungssorgen eine durchwachsene erste Runde hinter sich hat. Die er aber für sich selbst aufgearbeitet hat.
Kurz nachdem er in den ersten beiden Trainingseinheiten in Seefeld seine zwei Gesichter gezeigt hat, grüßt Sané aus dem Mannschaftshotel in einer Videoschalte – und präsentiert sich im Gespräch mit unserer Zeitung selbstkritisch. „Wenn man meine Leistungen in der letzten Saison mit denen davor vergleicht, habe ich keine gute Saison gespielt, das weiß ich“, sagt er also: „Ich wollte zu alter Stärke zurückfinden und wusste, dass das Zeit braucht.“ Jetzt aber, so Sané, fühle er sich fit. Schon vorher gab sich Sané reflektiert. „Mein Spiel ist natürlich sehr riskant, weil ich viel ins Eins gegen Eins gehe“, sagte er. Und: „Der leichte Weg ist halt nicht meiner.“
Das gilt wohl auch für den Weg in die deutsche Startelf bei der EM. Denn in der Offensive hat Bundestrainer Löw in Thomas Müller, Serge Gnabry, Timo Werner, Kai Havertz und auch Jamal Musiala viele Hochbegabte zur Verfügung. Der Mann für die genialen Momente heißt aber Leroy Sané. Er muss sie jetzt nur noch auf den Platz bringen.