Wembley war gestern, mit dem Saisonstart der Frauen-Bundesliga sind die EM-Heldinnen zurück im Alltag. Was strahlt vom Glanz auf die Basis ab? Theresa Merk, die neue Trainerin des SC Freiburg, gibt eine Einschätzung.
Die Fußball-Bundesliga der Frauen startet an diesem Freitag (19.15 Uhr/Eurosport) mit der Partie Eintracht Frankfurt gegen FC Bayern München in die neue Saison. Trainerin Theresa Merk vom SC Freiburg gibt einen Ausblick, spricht über notwendige Konzepte und das neue Projekt Frauenfußball beim VfB Stuttgart.
Frau Merk, Wembley und das EM-Endspiel vor 90 000 Zuschauern war gestern, am Sonntag geht es zum Aufsteiger SV Meppen – und wie viele schauen zu?
Ich hoffe genau so viele (lacht). Im Ernst, ich kann es nicht einschätzen.
Vergangenes Jahr lag der Schnitt – auch wegen der Corona-Krise – bei 804 Besuchern. Welchen Schub bringt der sommerlichen Hype ums Nationalteam?
Ich glaube ich schon, dass vom EM-Hype, von der Begeisterung etwas hängen bleibt für die Liga. Die Euphorie ist aber nur dann etwas Wert, wenn auch die Bereitschaft da ist, etwas zu ändern, verbunden mit klaren Zielen. Es ist Aufgabe der Vereine und Verbände, das Produkt Frauenfußball besser zu promoten.
Ist in dieser Richtung schon etwas passiert?
Für das Saisoneröffnungsspiel an diesem Freitag zwischen Eintracht Frankfurt und dem FC Bayern gab es eine größere Kampagne im gesamten Rhein-Main-Gebiet. Da dürfte die bisherige Bestmarke in der Frauen-Bundesliga geknackt werden (Anm.d.Red.: 12 464 Zuschauer). Frankfurt ist ein gutes Pflaster, das zeigte sich ja auch beim Empfang des Nationalteams nach der EM auf dem Römer.
Haben Sie denn den Eindruck, dass vom Glanz des Nationalteams etwas nach unten abstrahlt?
Ich denke schon, dass mehr Mädchen Lust bekommen, mit Fußballspielen anzufangen. Das wäre auch enorm wichtig, da sich die Anzahl der Mädchenteams seit 2010 halbiert hat. Aber aktuell liegen noch keine Zahlen vor.
Das deutsche Frauen-Nationalteam war Olympiasieger, zweimal Europameister, holte acht EM-Titel. Warum wirken sich diese Erfolge nicht stärker auf die Basis aus, obwohl Fußball der populärste Sport ist und der DFB der größte Fußballverband der Welt ist?
Da muss man natürlich schon unterscheiden zwischen Mädchen- und Jungen-Fußball. Die Masse an Talenten ist im weiblichen Bereich viel, viel geringer. Zudem geht der Trend in der Gesellschaft insgesamt zu weniger Vereinssport.
„Mehr Konkurrenz belebt“
Teilen Sie die Auffassung, dass es nur über die Breite gelingt, den Frauenfußball populärer zu machen?
Je mehr Mädchen beginnen, Fußball zu spielen, desto größer ist die Chance, dass ein Talent dabei ist. Mehr Konkurrenz würde das Geschäft beleben. Damit ein Talent, das ohnehin besser ist als die anderen, nicht ohne Widerstände ins Frauenteam aufrückt.
Welche konkreten Konzepte wären hilfreich?
Grundsätzlich geht das nur über die Kooperation Verein-Schule. Seit Jahrzehnten versucht man etwas auf die Beine zu stellen, aber in Deutschland funktioniert das mit dem Bildungssystem schwierig. Und es fehlt an hauptamtlichen Trainern, die um 14 Uhr Training an einer Ganztagesschule geben könnten. Der größte Fortschritt wäre es, Trainer im Jugendbereich sinnvoll zu entlohnen, wozu die Vereine wiederum nicht in der Lage sind. Das ist ein Teufelskreis.
Was halten Sie vom ins Gespräch gebrachten Mindestlohn für Bundesligaspielerinnen?
Das fände ich super. Wenn du nebenher arbeiten musst, kannst du dich nicht so auf deinen Sport fokussieren. Wenn du nicht die entsprechende Regenerationszeit hast, steigt das Verletzungsrisiko. Und wir sprechen hier ja nicht von Millionen, sondern von Mindestlohn.
Sie hatten schon einmal moniert, dass es in Deutschland salonfähig ist, sich negativ zum Thema Frauenfußball zu äußern. Hat sich daran etwas geändert?
Was ich damit meinte ist, dass es wünschenswert wäre, wenn das Thema Leistung im Vordergrund steht und nicht das Geschlecht. Blöde Kommentare wird es immer geben, da muss man drüber stehen. Aber es sollte einfach darum gehen, wie toll die Frauen Fußball gespielt haben, welche Leidenschaft sie an den Tag gelegt haben. Es sollten Dinge verglichen werden, die man auch vergleichen kann. Nicht die, bei denen man ohnehin weiß, dass der Mann stärker und schneller ist. Das ist ja so was von ausgelutscht.
Also hat sich nichts geändert?
Doch, weil sich eben auch gesamtgesellschaftlich etwas tut in Richtung modernem Feminismus. Das spürt man in allen Bereichen. Der Jargon in der Öffentlichkeit und in der Presse hat sich verändert, auch die Art der Berichterstattung.
„Das Aussehen sollte nicht im Zentrum stehen“
Haben Sie ein Beispiel?
Es geht nicht mehr nur um Giulia Gwinn als hübscheste Fußballerin, sondern um ihre sportliche Leistung. Dass unsere Spielerinnen attraktiv sind, steht außer Frage. Aber das sollte nicht mehr der zentrale Punkt der Berichterstattung sein.
Sie waren zuletzt in der Schweiz tätig. Geht man im Ausland anders mit diesem Thema um?
Ich glaube vor allem, dass es in Sachen Fan-Kultur anders zugeht. In England oder Spanien sind die Stadien voll, da bist du Fan eines Vereins, da bist du Fan eines FC Barcelona, egal von welchem Team und welcher Sportart. Hierzulande ist man Fan der Fußball-Männermannschaft oder von einem einzelnen Spieler oder einer Spielerin.
Auch in Freiburg?
Wir sind von der Fanszene her schon etwas anders als andere Clubs in Deutschland. Wir sind ein Standort mit viel Bodenständigkeit, da ist nicht viel drumherum. Auf der Straße sieht man bei den Menschen kein anderes Trikot als das SC-Trikot. Ich glaube in Stuttgart auf der Königsstraße kann schon mal ein Bayern-Trikot auftauchen.
Stichwort Stuttgart. Wie beurteilen Sie, dass er VfB nun mit einem Frauenteam in der Oberliga am Start ist?
Das finde ich gut, es wurde auch Zeit, dass sich der VfB bewegt. Zu meiner Zeit beim VfL Sindelfingen vor zehn Jahren wäre der Verein gerne eine Kooperation eingegangen, doch der VfB wollte nicht. Jetzt bleibt die Frage, ob man das Team als Hobbytruppe sieht oder ob man das Projekt ernsthaft weiterverfolgt.
Der VfB will nach oben.
Das kann man schon sagen, aber entscheidend ist, was nachhaltig gemacht wird. Es gab schon abschreckende Beispiele wie den VfL Bochum oder den HSV, wo das Ganze wegen finanzieller Sorgen wieder eingestampft wurde.
Der VfB machte den im Frauenfußball unerfahrenen Heiko Gerber zum Trainer – eine richtige Entscheidung?
Absolut, das ist ein gutes Signal. Heiko Gerber hat brutale Erfahrung als Fußballer und Sachverstand – das muss Priorität eins sein. Zudem hat er in Lisa Lang eine frauenfußballerfahrene Co-Trainerin.
Wie sehr würde es Sie reizen, ein Männerteam zu trainieren?
Es müsste passen. Das müsste ein Club und ein Team sein, die zu mir passen. Das zutrauen für mich als Person müsste da sein, unabhängig vom Geschlecht.
„VfL Wolfsburg wird Meister“
Der SC Freiburg wäre kein schlechter Club dafür.
(lacht) Er ist zumindest anders als viele andere Clubs.
Wie lautet Ihr Meistertipp für die neue Saison?
Der VfL Wolfsburg wird es wieder packen.
Und wo wollen Sie mit dem SC Freiburg hin?
Wir wollen die Spielerinnen weiterentwickeln, nichts mit dem Abstieg zu tun bekommen. Es gibt keine klare Richtlinie vom Verein. Ob wir Achter oder Fünfter werden – je weiter oben desto besser.
Theresa Merk
Karriere
Theresa Merk wurde am 25. Oktober in Ravensburg geboren. Sie spielte beim TSV Eschach und stieg später mit dem VfL Sindelfingen in die Bundesliga auf. Beim VfL trainierte sie das U-17-Bundesligateam und führte den TV Derendingen in die Regionalliga. Sie arbeitete drei Jahre für den Verband Mittelrhein, absolvierte 2019 ihre DFB-Fußball-Lehrer-Lizenz (neuerdings Pro Lizenz) – unter anderem gemeinsam mit Ex-Nationalspieler Andreas Hinkel und Ex-Kickers-Profi Cristian Fiel. Es folgte von 2019 bis 2021 die Zeit als Co-Trainerin beim VfL Wolfsburg, in der die deutsche Meisterschaft (2020) und die DFB-Pokalsiege (2020 und 2021) errungen wurden. In der vergangenen Saison trainierte sie den Schweizer Frauen-Erstligisten Grashopper Club Zürich. Seit 1. Juli Cheftrainerin des SC Freiburg.
Privates
Theresa Merk schloss ein Sport-Management-Studium in Tübingen ab. Ihre Hobbys: in der Natur sein, essen gehen, Squash, Klettern, Eishockey. (jüf)