Ex-VfB-Coach Michael Wimmer ist seit Anfang 2023 Trainer bei Austria Wien. Foto: imago/Armin Rauthner

Nach dem Aus beim VfB Stuttgart ging Michael Wimmer zu Austria Wien nach Österreich. Im Interview spricht er über internationale Spiele, Derbys und Ähnlichkeiten zum VfB Stuttgart. Nach dem Aus beim VfB Stuttgart ging Michael Wimmer zu Austria Wien nach Österreich. Im Interview spricht er über internationale Spiele, Derbys und Ähnlichkeiten zum VfB Stuttgart.

Nach sieben Spielen als Cheftrainer hatte Michael Wimmer den VfB Stuttgart im November 2022 verlassen müssen. Sein Glück hat er nun bei Austria Wien in Österreich gefunden. Im Interview spricht der 43-Jährige über die Stärke der österreichischen Liga und über das Team des VfB.

 

Herr Wimmer, nach gerade einmal zwei Wochen Sommerpause und nur drei Wochen Vorbereitung starten Sie mit Austria Wien an diesem Donnerstag bereits mit einem internationalen Spiel. Das klingt alles eher ungewöhnlich.

Hat aber damit zu tun, dass wir auf dem Weg ins internationale Geschäft quasi nachsitzen mussten.

In den österreichischen Uefa-Europa-Conference-League-Play-offs. Geht nicht ganz leicht über die Lippen, das Wort.

(Lacht) Stimmt. Und ich musste mich tatsächlich auch erst einmal in den Modus hier in Österreich reinfinden, in dem der Fünfte der Meisterrunde gegen den Ersten oder Zweiten der Qualifikationsrunde um diesen Startplatz spielt. Aber schlussendlich wollten wir uns für internationale Auftritte qualifizieren. Das haben wir geschafft, deshalb haben wir diesen Umweg gerne genommen.

Zum Start geht es gegen gegen FK Borac Banja Luka aus Bosnien und Herzegowina. Die Reise durch Europa soll aber vermutlich länger dauern.

Natürlich wäre es wunderbar, wenn wir uns für die Gruppenphase qualifizieren würden. Aber das ist ein langer und schwieriger Weg über zwei Qualifikationsrunden und die Play-offs. Da steigen dann ja auch schon Topteams wie Eintracht Frankfurt, Aston Villa oder Juventus Turin in den Wettbewerb ein. Wir brauchen gute Leistungen – aber auch ein wenig Losglück.

Apropos Glück: Wie glücklich hätte es Sie im November des vergangenen Jahres gemacht, wenn Sie hätten Cheftrainer beim VfB Stuttgart bleiben dürfen?

Keine Frage: Ich hätte damals gerne weitergemacht und es mir auch zugetraut, mit der Mannschaft weiter zu arbeiten und am Ende den Klassenverbleib zu schaffen. Wir haben vier Siege aus sieben Spielen geholt, und gerade auf der USA-Reise nach Austin hatte ich auch das Gefühl, dass es zwischen Mannschaft, sportlicher Leitung und Trainerteam richtig gut passt. Das fühlte sich stimmig an.

Bei Austria Wien geht schnell die Tür auf

Der Verein hatte andere Pläne – mit Bruno Labbadia.

Und das ist für mich auch okay gewesen, zumal mich die Entscheidung – nachdem sich das Ganze etwas gezogen hat – am Ende ja nicht mehr überraschend getroffen hat. Ich war kurz enttäuscht, bin aber überhaupt nicht nachtragend. Zumal sich für mich schnell eine andere Tür geöffnet hat.

Und Sie ihr Ziel, Chef- statt Co-Trainer zu sein, bei Austria Wien erreicht haben.

Genau. Wobei für mich so oder so klar war, dass mein Engagement im Team von Pellegrino Matarazzo das letzte als Co-Trainer sein sollte. Das wussten auch beim VfB alle Beteiligten.

Als Sie den VfB Ende November 2022 verlassen haben – haben sie da damit gerechnet, dass es am Ende die Relegation braucht, um in der Liga zu bleiben?

Ehrlich gesagt, nein. Ich dachte, die Rettung gelingt schon etwas früher. Aber in einigen Partien war ja auch Pech dabei, sodass es am Ende eben recht knapp wurde.

Im letzten Saisonabschnitt hat die Mannschaft unter Sebastian Hoeneß wieder überzeugt. Spiegeln diese und die Wochen unter Ihnen das wahre Leistungsvermögen der Mannschaft wider?

Aus meiner Sicht, ja. Ich halte das VfB-Team der vergangenen Saison für qualitativ gut besetzt. Aber im Fußball spielen immer viele Faktoren eine Rolle, und um diese beurteilen zu können, bin ich in Wien einfach zu weit weg. Aus der Ferne traue ich der Mannschaft in der kommenden Runde zu, eine sorgenfreie Saison zu spielen. Das wünsche ich dem VfB auch von Herzen.

Haben Sie noch Kontakt nach Stuttgart?

Zu einigen Spielern besteht der Kontakt noch, zumal ich ja auch wirklich intensive und schöne dreieinhalb Jahre in Stuttgart hatte. Denken Sie allein an den letzten Spieltag der Saison 2021/2022 und das Heimspiel gegen den 1. FC Köln. So etwas vergisst man nicht.

Derzeit kein Platz für Ömer Beyaz

Stehen Sie auch in Kontakt zu Ömer Beyaz? Zuletzt hieß es immer wieder, er wäre ein Kandidat für einen Transfer zu Austria Wien.

Ich halte ihn für einen sehr talentierten Spieler. Aber derzeit gilt: Sollten uns nicht noch Spieler verlassen, dann sind unsere Kaderplätze besetzt. Aber natürlich beobachten wir stets den Markt, falls sich noch etwas tun sollte.

Spieler aus der österreichischen Liga sind ja durchaus anderswo beliebt, vor allem auch in der deutschen Bundesliga.

Nach wie vor gilt die österreichische Bundesliga bei talentierten Spielern als gutes Sprungbrett in einer der Top-5-Ligen. Natürlich ist hier alles ein bisschen kleiner als in Deutschland. Vermutlich könnten die zwei, drei Topteams der Liga auch im deutschen Oberhaus eine gute Rolle spielen . . .

. . . selbst der Kaderwert des VfB Stuttgart wird mit über 100 Millionen Euro mehr als jener von Austria Wien angegeben.

Es reduziert sich nicht immer nur alles auf den Kaderwert. Hier in Österreich wird gut gearbeitet, das wird gesehen und kann der Beginn eines richtig guten Karrierewegs sein.

Für Spieler und – das hat nicht erst die jüngere Vergangenheit gezeigt – auch für Trainer. Denken Sie auch schon an den nächsten Schritt?

Überhaupt nicht. Ich identifiziere mich voll und ganz mit der Aufgabe bei Austria und fühle mich hier wirklich pudelwohl.

Obwohl der Start nicht ganz einfach war. Ihr Vorgänger Manfred Schmid war bei den Fans sehr beliebt.

Das stimmt, und viele Anhänger konnten den Trainerwechsel zum damaligen Zeitpunkt auch nicht verstehen.

Wie haben Sie es geschafft, die Fans von sich zu überzeugen?

Zunächst einmal hatte das eine ja nichts mit dem anderen zu tun. Da ist es wichtig, zu differenzieren. Die Fans haben die Arbeit meines Vorgängers honoriert, das ging aber nie gegen mich. Ich persönlich nehme mich da auch nicht zu wichtig. Ich habe einfach vom Start weg versucht, mit der Mannschaft gute Arbeit abzuliefern.

Starke Quote gegen den Stadtrivalen Rapid Wien

Die Derbys haben der Stimmung sicher nicht geschadet, oder?

Dreimal haben wir gegen Rapid gespielt in den vergangenen Monaten, zweimal haben wir gewonnen, eine Partie endete unentschieden. Und tatsächlich habe ich schnell gemerkt, welche Bedeutung diese Duelle für die Fans in Wien haben. Generell ist Austria – ähnlich wie der VfB – ein Club mit unheimlich viel Tradition, entsprechend emotional wird er begleitet. Auch unsere Fans machen fast jede Auswärtspartie zu einem Heimspiel.

Nicht mehr dabei sein bei diesen Spielen wird Nikola Dovedan sein. Er ist zum 1. FC Heidenheim zurückgekehrt und spielt künftig mit dem FCH in der deutschen Bundesliga. Wie sehr schmerzt sein Verlust?

Natürlich war er für uns ein wichtiger Spieler, den wir erst einmal ersetzen müssen. Er ist ein sehr ambitionierter und ehrgeiziger Profi – deshalb hat er nun die Chance genutzt und das Angebot aus Heidenheim angenommen. Ich kann ihn da durchaus verstehen – obwohl er mit dem FCH nun eben nicht international spielt. (Lacht)

Michael Wimmer

Spieler
Am 18. Juni 1980 wird Michael Wimmer im niederbayerischen Dingolfing geboren. Fußball spielt er beim FC Dingolfing, in der Jugend des TSV 1860 München, beim SV Lohhof und beim FC Ismaning.

Trainer
In der Nachwuchsabteilung des 1. FC Nürnberg beginnt sein professioneller Karriereweg als Trainer. Über den FC Augsburg kommt er im Sommer 2019 als Co-Trainer der Zweitligamannschaft zum VfB Stuttgart. Im Sommer 2021 beendet er erfolgreich die Ausbildung zum Fußballlehrer. Im Herbst 2022 übernimmt er nach der Entlassung von Pellegrino Matarazzo für vier Spiele als Cheftrainer beim VfB, seit dem 3. Januar 2023 ist er Chefcoach des österreichischen Erstligisten Austria Wien.