Tore Aleksandersen will so lange arbeiten, wie es ihm seine Gesundheit erlaubt. Foto: Baumann

Der norwegische Trainer hat mit den Volleyballerinnen von Bundesligist Allianz MTV Stuttgart das Double aus Meisterschaft und Pokal geholt. Offen ist, wie viel Zeit ihm für weitere Erfolge bleibt.

Alles könnte so einfach sein, so unkompliziert und so problemlos. In einer heilen Volleyballwelt würden sich Kim Renkema, die Sportdirektorin von Allianz MTV Stuttgart, Geschäftsführer Aurel Irion und Erfolgstrainer Tore Aleksandersen gemütlich bei einer Tasse Kaffee treffen, ein bisschen plaudern, kurz die Ziele für die nächste Zeit besprechen, die finanziellen Dinge klären – und den Vertrag um zwei, drei oder vielleicht sogar vier Jahre verlängern. Alle wären zufrieden, könnten sich wieder an die Arbeit machen.

 

Doch so einfach, unkompliziert und problemlos ist es nicht. Weil es sportlich unter Tore Aleksandersen (54) zwar nahezu perfekt läuft, aber niemand weiß, wie lange seine Gesundheit mitspielt. Nicht mal er selbst. „Derzeit geht es mir gut“, sagt der Norweger, „aber der Tag, an dem es nicht mehr geht, wird kommen. Deshalb ist es sinnlos, langfristig zu planen.“

Im Sport und in seinem Leben.

Der Tag der niederschmetternden Diagnose liegt fast drei Jahre zurück. Tore Aleksandersen, der Volleyball-Weltenbummler, der unter anderem mit den Frauen des SSC Schwerin zweimal Meister (2006, 2011) und Pokalsieger (2006, 2007) geworden war, trainiert den türkischen Erstligisten Nilüfer Belediyespor in Bursa im Nordwesten des Landes. Er fühlt sich wohl, fit, gesund. Doch dann stellen die Ärzte bei ihm Prostatakrebs fest, es finden sich bereits Metastasen in Lymphknoten und im Rückenmark. Die Mediziner sprechen von „Endstadium“ und raten ihm, schnell nach Hause zu fliegen und von nun an möglichst viel Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Das macht Tore Aleksandersen – im Gepäck die Gewissheit, nicht mehr gesund werden zu können, aber auch viel Kampfgeist und Lebensmut. „Natürlich war die Diagnose ein Schock“, sagt er, „doch auch nicht zu ändern. Es bringt folglich nichts, sich ständig Gedanken darüber zu machen.“

Wie viel Zeit bleibt noch?

In Norwegen beginnt Tore Aleksandersen eine Chemotherapie, bekommt Cortison verschrieben, legt deshalb an Körpergewicht zu. Schmerzen hat er keine, aber natürlich plagt ihn die Ungewissheit. Im Schnitt leben Patienten nach einer Diagnose, wie er sie erhalten hat, noch fünf Jahre. „Manche sterben nach zwei Jahren, manche schaffen aber auch zwölf“, sagt Tore Aleksandersen, „es gibt keine eindeutige Prognose. Sicher ist nur, dass ich kein alter Mann werde.“ Was also tun in der Zeit, die einem noch bleibt?

Die Antwort beginnt mit dem Klingeln des Mobiltelefons. Kim Renkema meldet sich. Sie sucht nach dem überraschenden Abschied von Giannis Athanasopoulos mitten in der Saison einen neuen Cheftrainer. Die Aufgabe ist reizvoll. Die Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart holten 2019 erstmals die Meisterschaft, die Verantwortlichen sind ehrgeizig, der Club ist finanziell gut aufgestellt, hat großes Potenzial. Aber natürlich fragt sich Tore Aleksandersen, ob er genügend Kraft hat, wie sich der Stress auswirken würde, was seine Familie denkt. Der Norweger bespricht sich mit seinen beiden erwachsenen Töchtern und seinem 16-jährigen Sohn – und sagt dem MTV zu. „Ich wollte mich nicht hinsetzen und warten, bis jemand Mitleid mit mir zeigt“, erklärt Aleksandersen, „meine Kinder wissen, dass ich Volleyball liebe und lebe und mich am besten fühle, wenn ich ein Team trainiere. Es war wichtig, ihnen zu zeigen, dass es weitergeht und ich noch etwas vom Leben haben möchte.“ Eine Herausforderung, Spaß und Zeit.

Über sich selbst spricht Tore Aleksandersen nicht gerne

Im Dezember 2020, mitten in der Coronapandemie, kommt Tore Aleksandersen nach Stuttgart. Er macht kein Geheimnis aus seiner schwierigen gesundheitlichen Lage, zur Jahreswende beschreibt er seinen Facebook-Freunden in einem emotionalen Post, wie es um ihn steht. Zugleich bittet er die Journalisten darum, seine Krebserkrankung nicht zu thematisieren. Er will mit seiner Arbeit überzeugen, dabei sollen an ihn dieselben Maßstäbe angelegt werden wie an alle anderen Trainer. Er gibt bereitwillig Auskunft über Ergebnisse, Erfolge und Enttäuschungen. Über sich selbst spricht er in der Öffentlichkeit nicht. Im Rückblick sagt er: „Es ist ganz gut gelaufen in den letzten fast zwei Jahren.“

Das gilt sportlich, aber auch persönlich. Am Ende seiner ersten Saison erreicht Tore Aleksandersen mit seinem Team die Play-off-Serie um die Meisterschaft, die gegen den Dresdner SC vor allem deshalb mit 2:3 verloren geht, weil in Kapitänin Krystal Rivers (in Spiel vier und fünf) sowie Mittelblockerin Juliet Lohuis (in allen Spielen) zwei wichtige Stützen nicht gleichwertig ersetzt werden können. Zu diesem Zeitpunkt steht längst fest, dass der Coach bleiben und das Projekt, das ursprünglich auf sechs Monate angesetzt war, fortgesetzt wird.

Lob von der Sportchefin Kim Renkema

Es folgt das beste Jahr der Vereinsgeschichte. Anfang 2022 wird Allianz MTV Stuttgart zuerst Pokalsieger, dann Meister, außerdem steht das Team im Finale um den europäischen CEV-Cup. Mehr? Wäre nicht möglich gewesen. „Tore macht einen super Job, die Erfolge sprechen für sich“, sagt Kim Renkema, „ich stehe voll hinter seiner Philosophie. Sportlich ist er absolut unantastbar.“

Doch der Coach arbeitet nicht nur mit der Mannschaft hart, sondern auch an sich. Er achtet auf seine Ernährung, macht viele Fitnessübungen, verpasst kaum eine Einheit mit seinem Team, bewahrt sich seine mentale Kraft. Tore Aleksandersen hat nie gegoogelt, was Krebspatienten droht. Er vertraut lieber auf seine Ärzte. Dank der Unterstützung seiner Sportchefin findet er an der Universitätsklinik Tübingen Krebsspezialisten, die sich intensiv um ihn kümmern, ihn regelmäßig untersuchen, sein Blutbild kontrollieren, die Medikation anpassen. „Kim Renkema hat alles organisiert und mir sehr geholfen“, sagt Tore Aleksandersen, „ich habe das große Glück, dass es in Tübingen neue Behandlungsmöglichkeiten und die beste Betreuung gibt, die man als Krebserkrankter finden kann.“

Zu Volleyball gibt es keine Alternative

Gleichzeitig wissen die Ärzte, dass sie bei ihrem Patienten ein Thema gar nicht erst ansprechen müssen. Tore Aleksandersen ist auch so bewusst, dass er sich dem Druck und Stress, mit dem ein Trainer im Profisport umzugehen hat, besser nicht aussetzen sollte. Doch eine Alternative gibt es für den Norweger nicht. „Volleyball ist mein Leben“, sagt er, „Coach zu sein ist genau die Aufgabe, die mich glücklich macht.“ Was Anpassungen ja nicht ausschließt.

Früher galt Tore Aleksandersen, der Titel in vier unterschiedlichen Ländern holte, als harter Hund. In Schwerin, das erzählt er selbst, hat er damals so viel trainieren lassen, dass die Spielerinnen kaum Zeit für andere Dinge hatten. Der Coach fordert immer noch viel von seinen Volleyballerinnen, aber er ist ruhiger geworden, gelassener, geduldiger. „Früher war er vielleicht einen Tick emotionaler, aber das ist ja auch klar: So eine Krankheit relativiert alles im Leben“, sagt Sportdirektorin Kim Renkema, „ich bewundere ihn für seine große mentale Kraft. Selbst ich habe zu mehr Ruhe gefunden, seit ich mit ihm zusammenarbeite. Seine Situation macht einem klar, wie unbedeutend ein Problem im Volleyball sein kann.“

Alle wollen die Zusammenarbeit fortsetzen

Aurel Irion sieht das ganz ähnlich. „Wie Tore Aleksandersen mit seiner Krankheit umgeht, ist absolut bemerkenswert. Ihm ist nichts anzumerken, er liefert Topleistung ab“, erklärt der Geschäftsführer, „das zeigt, was für eine starke Persönlichkeit er ist. Die Souveränität, die er ausstrahlt, tut allen im Verein gut.“ Weshalb die Verantwortlichen des Meisters die Zusammenarbeit mit ihrem Coach gerne fortsetzen würden. Das will auch Tore Aleksandersen. „Ich möchte bleiben und kann so viel sagen: Wenn ich weiter als Trainer arbeite, dann nur in Stuttgart. Alles hängt an meiner Gesundheit – und am nächsten Check.“

Derzeit steht nicht zu befürchten, dass die Werte bald schlechter werden könnten. Aber Sicherheit gibt es nicht für einen Krebspatienten und damit auch nicht für sein Umfeld. Dennoch werden sich Kim Renkema, Aurel Irion und Tore Aleksandersen irgendwann in den nächsten Wochen auf einen Kaffee treffen, ein bisschen plaudern, Ziele besprechen, die finanziellen Dinge klären – und vermutlich den Vertrag verlängern. Allerdings nur für ein Jahr und im Wissen, dass alles anders kommen kann. „Uns ist bewusst, dass wir womöglich mitten in der nächsten Saison einen neuen Chefcoach benötigen“, sagt Kim Renkema, „aber das ist der Preis, den wir als Club gerne zu zahlen bereit sind.“

Für einen Trainer, der Volleyball lebt.