Schon vor Bruno Labbadia ist eine Reihe von Trainern mehrfach für den VfB Stuttgart tätig gewesen. Huub Stevens gehört zu ihnen – und blickt auf die besonderen Schwierigkeiten.
Natürlich steht Jürgen Sundermann an der Spitze der Liste. Dreimal saß die erst im Oktober verstorbene Trainerlegende auf der Bank des VfB Stuttgart. Das erste Mal in der Saison 1976/1977 – in der zweiten Liga. Unter ihm gab es im Aufstiegsjahr nicht nur den berühmten Hundert-Tore-Sturm mit Ottmar Hitzfeld, sondern ebenso eine Elf, in der die Talente Hansi Müller und Karlheinz Förster durchstarteten. Eine Ära, die den Fußball-Bundesligisten prägte.
Sundermann, der Wundermann, übernahm den VfB nach 1979 dann nochmals von 1980 bis 1982 und für wenige Wochen 1995. Ein Freundschaftsdienst für seinen Herzensclub war das – und nach seiner Trainerkarriere verpasste der Mann aus dem Ruhrpott in mehr als 20 Jahren fast kein Heimspiel seines VfB. Mehrfach die Woche tauchte er zudem auf dem Vereinsgelände auf, um die Stimmung auszuloten. Bis es die Gesundheit zuletzt nicht mehr zuließ.
Steigt der Druck beim zweiten Engagement?
Wichtig war es für Sundermann zu wissen, wie es im Team aussieht, ebenso der Plausch mit seinen Nachfolgern. Umarmt hat er die immer jünger werdenden Kollegen gerne zur Begrüßung an der Mercedesstraße. Nähe wollte er spüren, und je zweimal kamen in der jüngeren Vergangenheit auch noch Trainer-Haudegen nach Stuttgart: Armin Veh und Huub Stevens. Wie Bruno Labbadia nach ihnen und eine ganze Reihe vor ihnen seit der Bundesligagründung 1963 (Franz Seybold, Albert Sing, Karl Bögelein, Willi Entenmann) arbeiteten sie doppelt für den VfB.
Veh, der Meistermacher von 2007, kehrte knapp sechs Jahre nach seiner Entlassung zurück – aus alter Liebe. Die Beziehung erwies sich aus Vehs Sicht jedoch schon wenige Monate später als Missverständnis. Er trat beim verflixten zweiten Mal im November 2014 zurück, weshalb erneut Stevens einen SOS-Ruf erhielt. Der erste war im Februar zuvor erfolgt. Der Niederländer erhörte ihn und hatte während der Engagements immer nur eines im Sinn: den Klassenverbleib. Beide Rettungsmissionen erfüllte er – 2015 auf den letzten Drücker mit dem emotionalen Sieg beim SC Paderborn. „Beim zweiten Mal wird die Arbeit nicht leichter“, sagt Stevens nun, „denn die Erwartungen sind in der Regel höher, wenn du beim ersten Mal Erfolg hattest, das erhöht den Druck.“
Doch inmitten der Stimmungslage rund um Labbadias Wiederverpflichtung hätte wohl nicht einmal der Ehrenschwabe Sundermann so recht sagen können, ob dessen erste Trainerzeit beim VfB erfolgreich war. Viele Fans würden das auf der gefühligen Ebene verneinen. Rein sachlich betrachtet, sind die Stuttgarter mit Labbadia (Dezember 2010 bis August 2013) jedenfalls nicht abgestiegen und sogar in den Europapokal eingezogen. Das gab es seither nicht mehr. Dafür zweimal den Absturz in die Zweitklassigkeit, den dritten innerhalb von sieben Jahren gilt es nun zu verhindern.
„Ich denke, Bruno ist erfahren genug, um diese schwierige Situation mit der Mannschaft zu meistern“, sagt Stevens. 69 Jahre ist er mittlerweile alt, und der königsblaue Jahrhunderttrainer weiß, wie wichtig es ist, den Leistungsstand der Mannschaft umgehend einzuschätzen. Insgesamt viermal hat Stevens den FC Schalke 04 angeleitet, zuletzt zweimal interimsmäßig als Nothelfer. „In solchen Phasen geht es darum, schnell zu erkennen, in welcher Verfassung sich das Team nicht nur konditionell befindet, und auch rasch herauszufinden, welche Qualitäten und Möglichkeiten in ihm stecken“, sagt Stevens, der den Trainer-Ruhestand genießt.
Als talentiert gilt die junge VfB-Mannschaft, aber sie benötigt Selbstvertrauen, um das eigene Spiel durchzusetzen. Und sie darf mit den Niederlagen nicht weiter an Sicherheit verlieren. „Junge Mannschaften haben immer mehr Höhen und Tiefen als Mannschaften mit erfahrenen Spielern“, sagt Stevens, „für den VfB wird es nun wichtig sein, Konstanz in seine Leistungen zu bekommen.“ Ein Prozess, der für Labbadia und sein Trainerteam am Montag konkret mit den Spielern beginnt.
Viel Arbeit wartet, mit neuen Methoden. Dabei wird es bis zur Ligafortsetzung am 21. Januar gegen Mainz 05 spannend zu sehen sein, wie Trainer und Team zueinanderfinden. Die Vorbereitungszeit samt Trainingslager ist ein Vorteil. „Da wird nicht nur taktisch und konditionell gearbeitet, sondern ein Trainer lernt in diesen Tagen den Charakter eines Spielers besser kennen“, sagt Stevens. In Gesprächen, aber ebenso im Verhalten der Gruppe gegenüber. Denn für den Trainer-Veteranen ist der Kampf gegen den Abstieg immer auch eine Charaktersache.