Geballte Freude: der VfB-Trainer Sebastian Hoeneß jubelt hier über einen Sieg. Foto: Baumann

Beim VfB laufen die Verhandlungen mit dem Chefcoach als geheime Kommandosache – und jetzt hat der Fußballlehrer überraschend den Vertrag verlängert. Wir erklären die Hintergründe.

Der VfB Stuttgart hat auf die Kraft der Bilder gesetzt. Knapp eine Minute dauert das Video, das der Fußball-Bundesligist zunächst über die sozialen Netzwerke am Freitagvormittag verbreitete. Zu sehen ist vor allem eine Person: Sebastian Hoeneß, der Cheftrainer. Wie er über die sportliche Herausforderung spricht, wie er seine Verbundenheit zum Verein und zur Stadt ausdrückt, wie er im Mannschaftskreis mit Glanz in den Augen redet. Alles mit emotionalen Jubelszenen untermalt und von dramatischer Musik begleitet. Eine schöne Inszenierung, an deren Ende Hoeneß die frohe Botschaft an die Fans verkündet: „Unser gemeinsamer Weg geht weiter.“

 

Hoeneß hat seinen Vertrag vorzeitig um zwei Jahre verlängert, bis 2027. Das ist die überraschende Nachricht, die aus dem Clubhaus mit dem roten Dach an der Mercedesstraße kommt. Just zu einem Zeitpunkt, als in der Fußballbranche schon kräftig darüber spekuliert wurde, ob der VfB seinen Erfolgscoach nach der Saison nun an den FC Bayern oder Bayer Leverkusen verliert. Das sind die beiden einzigen Mannschaften, die in der Tabelle aktuell vor den Stuttgartern stehen, und womöglich gibt es nach dieser Spielzeit, die für den Rekordmeister aus München ungewohnt enttäuschend verläuft, eine Trainerrochade.

Thomas Tuchel verlässt die Bayern sicher, Xabi Alonso eventuell den Spitzenreiter aus Leverkusen in Richtung München oder Liverpool – und Hoeneß bleibt nun, wo er ist. Der 41-Jährige ist einfach vom Trainerkarussell gesprungen, auf dem er nach eigenem Bekunden gar nicht sitzen wollte. Seinen Platz sieht Hoeneß in Stuttgart, wo er vor einem knappen Jahr das VfB-Team als Schlusslicht übernommen hat. Jetzt winkt die Qualifikation für die Champions League. Ein beachtlicher Reifeprozess. Dank Hoeneß, der von Anfang an einen Draht zu den Spielern gefunden hat. „Er hat an das Potenzial der Mannschaft und des gesamten Clubs geglaubt und die Dinge mit großem Engagement auf den richtigen Weg gebracht“, sagt der Vorstandschef Alexander Wehrle.

Dabei hat Hoeneß der schon immer talentierten und noch immer jungen Mannschaft die Flausen ausgetrieben. Aus sogenannten Potenzialspielern entwickelte der Trainer Qualitätsspieler, aus guten Profis machte er Kandidaten für die Nationalmannschaft. „Ich kann es ohne Umschweife sagen: Die vorzeitige Verlängerung des Vertrages mit Sebastian Hoeneß ist für unsere weitere sportliche Entwicklung von derartiger Bedeutung wie aktuell keine andere Personalie im Verein“, sagt der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth.

Ein beachtlicher Reifeprozess

Eng arbeitet das Duo in der sportlichen Führung zusammen, ohne eine Schicksalsgemeinschaft einzugehen. Sowohl Hoeneß als auch Wohlgemuth (sein 2025 auslaufender Vertrag soll ebenfalls verlängert werden) haben ihren eigenen Kopf.

Was den Trainer und den Sportdirektor vor allem verbindet, ist der Gleichklang in puncto Seriosität und Professionalität. Sie haben beim VfB eine neue Leistungskultur etabliert: Die Mannschaft steht an erster Stelle, und es zählt nur das nächste Spiel. Einfache Regeln, die nahezu alles dem Erfolg unterordnen. Die Spieler, die bereits länger zum Kader gehören, halten sich daran, und jede Neuverpflichtung wird einem Charaktercheck unterzogen, um das Mannschaftsgefüge nicht zu sprengen.

Und weder Hoeneß noch Wohlgemuth nehmen sich in der Öffentlichkeit zu wichtig. „Sebastian selbst ist es, der sich zurücknimmt und immer den Teamgedanken in den Vordergrund stellt“, sagt der Sportdirektor über den Coach, der mit seiner unaufgeregten Art sehr gut zum aufgeregten Traditionsverein von 1893 passt. Hoeneß bevorzugt die ruhigen Töne. Er wählt seine Worte stets mit Bedacht, ohne es an Klarheit vermissen zu lassen. Auch kann er emotional werden, was an der Seitenlinie zu beobachten ist. Ansonsten gewährt der gebürtige Münchner jedoch nicht zu viele Einblicke in sein Innerstes.

Eine neue Leistungskultur

Als geheime Kommandosache lief auch die Vertragsverlängerung. Nur wenige Leute waren in die vertraulichen Gespräche mit Sebastian Hoeneß und dessen Vater Dieter eingebunden. Der frühere VfB-Manager fungiert als Mentor und Berater seines Sohnes, mit all seiner Erfahrung aus dem Profisport. Nichts sollte also nach außen dringen in den vergangenen Wochen. Allen Spekulationen zum Trotz. Noch am Tag vor dem Heimspiel am Freitagabend gegen den 1. FC Union Berlin, betonte Hoeneß erneut, dass er keinen Kontakt zu anderen Clubs habe.

Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass der Trainer symbolträchtig einen Stift in die Hand nehmen würde. Herausgekommen ist nach den Verhandlungen schließlich ein Bekenntnis zur Zusammenarbeit und ein Kontrakt, der höher dotiert ist. Denn als Hoeneß im vergangenen April als Nachfolger von Bruno Labbadia zum VfB kam, da galt er zwar als aufstrebender Fußballlehrer, doch bei der TSG Hoffenheim musste er vorzeitig gehen.

Die anfängliche Skepsis wich in Stuttgart jedoch schnell der Erkenntnis, dass da plötzlich jemand mit seinem Trainerteam (sein Co-Trainer und engster Vertrauter David Krecidlo hat ebenfalls verlängert) am Werk ist, der die Mannschaft versteht und die VfB-Elf nach zwei Jahren im Abstiegskampf nicht nur auf dem Rasen neu austariert hat. Mit der nötigen Balance zwischen Defensive und Offensive, aber ebenso mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Befindlichkeiten der Spieler. Hoeneß schenkt dabei vor allem Vertrauen – und die Spieler danken es mit konstant guten Leistungen.

Beispiel Enzo Millot: ein französischer Fußballfilou mit feinster Technik und hohem Tempo. Immer wieder ließ der 21-Jährige in der Vorsaison seine Begabung aufblitzen. Mehr nicht. Die größte Aufmerksamkeit erregte der Mittelfeldspieler allerdings, als er mitten im Abstiegskampf einen Tätowierer einfliegen ließ, um sich frische Tattoos stechen zu lassen. Unprofessionell schrien die einen voller Empörung, eine Jugendsünde beruhigte Hoeneß – und gewann Millot für sich.

„Es hat von Anfang an Spaß gemacht, mit dieser Mannschaft und dem Trainerteam sowie dem gesamten Staff zu arbeiten und diese fantastische Unterstützung unserer Fans zu erleben“, sagt Hoeneß, der beim VfB auf der operativen Ebene die Wertschätzung erhält, die er für sein Tun braucht. „Nicht zuletzt haben mich die konstruktiven Gespräche mit Alexander Wehrle, Fabian Wohlgemuth und Christian Gentner dazu bewogen, meinen Vertrag vorzeitig zu verlängern“, sagt der Trainer.

Das angefangene Projekt will Hoeneß nun fortführen. Mit allem, was er an fußballerischem Sachverstand und Mannschaftsführung einbringen kann, aber ohne sich vom zuletzt wachsenden Rummel um seine Person ablenken zu lassen. „Mein Fokus ist nun mehr denn je auf die entscheidende Phase der laufenden Saison gerichtet“, sagt der Trainer. Zehn Bundesligaspiele sind es noch – der Countdown für ein neues VfB-Video mit emotionalen Bildern und einer frischen Erfolgsstory läuft.