Bereits am Sonntagvormittag lag der Geruch von Benzin über dem Kurpark. Nicht unangenehm – eher wie eine Erinnerung, die man schon fast vergessen hatte. Was wurde den Gästen geboten?
Im Kurort, wo sonst Gäste gemächlich die Alleen entlangschlendern, herrschte an diesem Morgen eine andere Stimmung: Vorfreude, laut und chromblitzend. Vor der Zufahrt am Kurhaus drängten sich Besucher auf Straße und Bürgersteigen, Schulter an Schulter, Jung und Alt.
Mittendrin, unübersehbar und unerschütterlich: Fritz Sander. Zylinderhut, Stehkragen, Fliege, Orden – als hätte man ihn direkt aus dem Jahr 1923 herüberteleportiert. Der Mann ist ein Urgestein der Oldtimerfreunde Bad Liebenzell und an diesem Tag ihr Zeremonienmeister an der Einfahrt. Die Fahrzeuge, die an ihm vorbeizogen, zählte er irgendwann nicht mehr. „Bei 600 Fahrzeugen haben wir aufgehört zu zählen“, sagt er und lächelt dabei so verschmitzt, als wäre das die eigentliche Pointe.
Es war eine Schau der ganzen motorisierten Nachkriegsgeschichte
Was dann im Kurpark auf einen wartete, war mehr Volksfest als Oldtimerschau. An Buden und Ständen reihten sich ellenlange Schlangen. Kinder zeigten mit dem Finger. Väter erklärten. Großväter schwelgten. Und überall Geschichten – nicht über die Fahrzeuge, sondern durch sie hindurch: Erinnerungen an erste Ausfahrten, an Hochzeiten, an Sommer, die längst vorbei sind. Denn hier rollte nicht nur alles auf vier Rädern an: Krafträder blitzten in der Sonne, Traktoren thronten bullig und selbstbewusst neben Militärfahrzeugen, deren olivgrüne Patina von ganz anderen Zeiten erzählte. Es war eine Schau der ganzen motorisierten Nachkriegsgeschichte – laut, bunt und überraschend bewegend.
Eigens dimensionierte Garage
Uschi Gritzbach aus Dettenhausen sitzt in der Sonne und lacht. Neben ihr, auf sieben Meter blauem Chevrolet Cabriolet aus dem Jahr 1970, eine Freundin – beide im blau-gepunkteten Kleid mit passendem Petticoat, als wären sie dem Fahrzeug entsprungen. Den Wagen hat sich das Ehepaar Gritzbach als Erinnerung an die eigene Hochzeit gekauft, damals, als sie sich in einem ähnlichen Auto das Ja-Wort gaben. Dass das Schmuckstück eine eigens dimensionierte Garage brauchte, nahm man in Kauf. Der Vorteil des riesigen Schlittens? „In engen Straßen geht uns jeder aus dem Weg“, sagt Uschi und lacht noch etwas breiter.
Nicht weit davon entfernt steht Oliver Armbruster aus Bad Rippoldsau-Schapbach neben seinem Reise-Bulli. Das Fahrzeug, einst in Brasilien vom Band gelaufen, glänzt mit verchromten Schlafaugen und einer Inneneinrichtung, die so gemütlich ist, dass man am liebsten gleich einziehen würde. Armbruster sammelt Oldtimer – aber dieser hier zieht besonders viele an, die andächtig durchs Fenster schauen und dabei weich werden. Ähnliches gilt für die anderen Reisemobile, die in der hinteren Parkreihe stehen: rollende Wohnzimmer aus den Siebzigern, mit Vorhangstoffen und Holzvertäfelungen, die heute kein Hersteller mehr wagen würde.
Rund wie ein Ei
Weich werden viele an diesem Tag. Besonders die Kinder, die vor den kleinen historischen Fahrzeugen stehen: ein Fiat 500, kaum größer als ein Schreibtisch. Eine BMW Isetta, rund wie ein Ei. Der Messerschmitt Kabinenroller, der mehr Motorrad als Auto ist. Hier halten die Väter und Großväter inne, und plötzlich fließen die Geschichten. Nicht weil man sie erzählen müsste – sondern weil man sie einfach nicht lassen kann.
Das Oldtimertreffen Bad Liebenzell ist kein Museum. Es ist ein Ort, an dem die Zeit nicht stillsteht, sondern sich erinnert. Und an dem der Benzingeruch im Kurpark für einen einzigen Sonntagvormittag nach etwas riecht, das man guten Gewissens Nostalgie nennen darf.