Trotz widriger Bedingungen etablierten sich im Landkreis Tübingen die Narren und Hexen. Der große Aufschwung kam in den 90er-Jahren. Seither gehört das lustige Treiben auch in protestantischen Gebieten zur festen Tradition.
Kreis Tübingen - Lange Zeit galt zumindest im Volksmund der Landkreis Tübingen als die nördlichste Bastion der Schwäbisch-Alemannischen Fasnet. Dahinter war dann das fastnachtliche "Niemandsland".
Gemessen an den Fastnachtshochburgen im Südwesten, ist die Fastnacht im Landkreis Tübingen, sieht man einmal von Rottenburg ab, jedoch noch relativ jung. Der Boom der schwäbisch-alemannischen Fastnacht machte aber auch hier nicht halt. Im Gegenteil, die Zuwachsrate an neuen Maskengruppen, Narrenvereinen und Zünften stieg immer stärker an.
Eine 1996 von zwei heimatkundlich engagierten Privatleuten durchgeführte exemplarische Erhebung für den Landkreis Tübingen zeigt die Entwicklung und insbesondere deren zunehmende Geschwindigkeit eindrucksvoll auf.
Grundstein liegt in Rottenburg
Danach gab es innerhalb des heutigen Landkreises Tübingen, der 61 Gemeinden umfasst, vor 1945 lediglich eine einzige Narrenzunft, nämlich die 1929 gegründeten Ahlande von Rottenburg. Im ersten Nachkriegsjahrzehnt, bis 1955, kamen zwei weitere Zünfte hinzu, in der nächsten Dekade, bis 1965, drei und in der folgenden wiederum zwei, so dass 1975 insgesamt acht Narrenzünfte im Landkreis existierten.
Dann setzte ein regelrechter Fastnachtsboom ein. Bis 1985 verdoppelte sich die Zahl der Narrenzünfte auf 16 und bis 1995 kletterte der Bestand auf sage und schreibe 43 Zünfte. Wobei von den 27 Neugründungen dieses letzten Jahrzehntes lediglich neun in die Zeit von 1985 bis 1990 und die restlichen 18, also zwei Drittel, in die Jahre 1990 bis 1995 fielen.
Obwohl sich die genannten 43 Vereine auf nur 33 Gemeinden konzentrierten, weil in einigen Orten zwei Zünfte nebeneinander entstanden waren, besaßen damit 1995 im Landkreis Tübingen von 61 Gemeinden noch ganze 28 keinen Fastnachtsverein.
Das ist umso erstaunlicher, als ein Großteil des Kreisgebietes altwürttembergisch evangelisches Territorium einschließt und damit eigentlich alles andere als ein fruchtbarer Boden für fastnächtliche Aktivitäten war.
Seit vielen Jahren hat aber sogar die Universitätsstadt Tübingen mehrere Narrenzünfte und was vor über 40 Jahren noch völlig undenkbar gewesen wäre, einen jährlichen Fastnachtsumzug, der von Zuschauern und Narren stark frequentiert wird.
Fasnet in fast jedem Dorf
Mittlerweile hat sich die Zahl der fastnachttreibenden Vereine noch einmal vergrößert. Man kann die Ortschaften, in denen keine organisierte Fastnacht stattfindet, faktisch an einer Hand aufzählen.
Dass seit einigen Jahrzehnten auch in den altwürttembergischen, evangelischen Gemeinden Narrenzünfte – und Gruppen entstanden sind, wird jedenfalls kritisch gesehen. Die etablierten Fasnetsmacher in der Region sprechen da gerne von einer (nachgemachten) Fasnet.
Allerdings findet man in Pfarrchroniken einiger Gemeinden auch Hinweise auf abgehaltene Fastnachtsbälle. Diese hatten, wie übrigens auch bei den alt eingesessenen Narrenvereinen, bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts, einen karnevalistischen Einschlag.
Überdrüssig ist man allerdings der vielen Hexengruppen, die mittlerweile entstanden sind, man mag sie fast nicht mehr sehen. Dazu kommt, dass Letztere in der schwäbisch alemannischen Fastnacht keinerlei Historie haben. Sie werden als Fabelwesen gesehen, haben aber in den älteren Zünften zum Teil eine langjährige Tradition.
Alemannische Tradition setzt sich durch
Einmal von diesen Narrengruppen abgesehen, sind Überlieferungen ein Indiz dafür, dass früher in den altwürttembergischen, evangelischen Gemeinden, die Fastnacht beileibe kein Fremdwort war.
Unter dem Strich bleibt festzustellen, dass sich viele der im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts gegründeten Narrenzünfte etabliert haben und sich auch – zumindest in Teilen – den Regeln der Schwäbisch-Alemannischen Fastnacht unterwerfen.
Letztlich sind auch zwei renommierte Narrenringe im Landkreis Tübingen vertreten. Einerseits ist die Landschaft "Neckar-Alb" der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte zu nennen. Ihr gehören die Narrenzunft Rottenburg, die Butzenzunft Kiebingen, sowie die Butzenzunft Hirrlingen an.
Zum andern der närrische Freundschaftsring Neckar-Gäu, mit den Zünften Bierlingen, Bühl, Ergenzingen, Felldorf, Hirschau, Schwalldorf, Seebronn, Wolfenhausen und Wurmlingen.