Wie viel Tracht braucht die nächste Generation? Und: Wie ist der Begriff Heimat definiert? Diese beiden Fragen stellte der Volkskundler Werner Mezger bei der Hauptversammlung des Bunds Heimat und Volksleben in den Mittelpunkt.
Das gelebte Brauchtum auf der Bühne und im Saal sowie die fast schon wissenschaftliche und nie langweilige Aufarbeitung des Themas Heimat und Bräuche durch Werner Mezger – sie standen im Mittelpunkt des Jubiläumsfestaktes 75 Jahre Bund Heimat und Volksleben (BHV) am Sonntag Nachmittag in der Bräunlinger Stadthalle.
Präsident Siegfried Eckert ging nochmals kurz auf die Versammlung am Vormittag ein und dankte der Stadt Bräunlingen, die „extra für das Jubiläum ihre schöne Halle saniert hat“. Und weiter: „Die Zähringerstadt bürgt für Qualität.“ Eckert freute sich auch sehr über die Aufritte der Jugendgruppen des örtlichen Heimat- und Trachtenbundes.
Vize Jürgen Bertsche aus Bräunlingen beleuchtete die geschichtliche Entwicklung des BHV und erinnerte an mehrere Vorsitzenden sowie ihre Weichenstellungen. Er blickte kurz in die Zukunft, in einem Verband der sich in Richtung Zukunft weiterentwickeln wolle.
Definition des Heimatbegriffs
Mit der Frage „Gibt es Heimat noch, oder ist das ein alter Hut?“ begann Volkskundler Werner Mezger seinen Festvortrag zum Thema: „Bräuche, Ehrenamt, Heimat und Tradition, braucht das noch die nächste Generation?“. Anhand verschiedener Bilder und Postkarten mit Bollenhut verdeutlichte er die unterschiedlichen Sichtweisen zum Heimatbegriff.
Mezger stellte dabei die drei Kulturdimensionen Zeit, Raum und Gesellschaft in den Mittelpunkt seiner Worte. Diese Begriffe verändern die Welt: „Ist Heimat objektiv fassbar und in unseren Köpfen formbar?“, fragte Mezger. Er ging anhand einiger Beispiele darauf ein und stellte fest, dass der Begriff Heimat mehr subjektiv als objektiv sei.
Geschichtliche Entwicklung
Kurz skizzierte er die geschichtliche Entwicklung und erläuterte wie heute die Meinung aussehe: „Wo Trachten sind, da ist ein Fest“, meinte Mezger, der den Spruch „Sage mir wie du feierst und ich sage dir, wer du bist“ hervorhob. Mezger erläuterte die historischen Schritte, darunter den Rechtsbegriff, die Romantisierungen, Bollwerk gegen das Moderne, die Pflege und den Schutz, eine politische Instrumentalisierung, den Heimatverlust sowie Inklusion und Exklusion. Dies auch mit Beispielen.
Beim Brauchtum, das beim BHV präge, sei das gemeinschaftliche Handeln, die festgelegten Handlungsmuster, die regelmäßige Wiederkehr, durch die Traditionen gefestigt und die äußere Form mit innerem Sinn, wichtige Merkmale in der Gesellschaft.
Sehr interessant war auch der Kurzvortrag von Urban Bacher, der zum Thema „Bürger im bunten Rock. Historisch und doch modern“ referierte. Dabei ging er auch auf die Tradition und einige Merkmale der heutigen Zeit ein. Die Alphornbläser Mittlerer Schwarzwald und der Gebirgstrachtenverein Almfrieden aus Schwenningen, bekamen viel Applaus für ihre gut zum Gesamtrahmen passenden Vorführungen. Oberst Hajo Böhm und Oberst Jürgen Rosenäcker sprachen Grußworte von ihren Landesverbänden der Bürgerwehren.
Info
Bund Heimat und Volksleben:
Der BHV mit seinen 196 Mitgliedsvereinen wurde 1948 gegründet und setzt sich sehr stark für die Erhaltung und Pflege sowie Förderung des bodenständigen Volkslebens und des heimatlichen Brauchtums ein. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich über das ehemalige Land Baden, mit dem Rhein als westliche Grenze. Viele Trachtengruppen, Bürgerwehren und Trachtenkapellen sind im BHV organisiert. Der Bund blickt auf eine stolze Anzahl von über 13 000 Mitgliedern. Vizepräsident ist Jürgen Bertsche aus Bräunlingen.