Seit 30 Jahren gibt es die Trachtengruppe Lehengericht. Anlass genug, das Brauchtum interessierten Besuchern näher zu bringen.
Der noch junge Verein hatte zu einem Tag der offenen Tür in den neuen Vereinsraum im ehemaligen Schulhaus Hinterlehengericht eingeladen.
Vorsitzende Esther Schuler freute sich über die große Resonanz und erinnerte an die Gründung 1993. Den Anstoß habe der Erntedank 1991 mit einer selbst gefertigten Erntekrone mit fünf Personen gegeben. Walburga und Karlheinz Schillinger vom Höfenhof seien die treibende Kraft gewesen, für den Erhalt des Brauchtums eine Trachtengruppe ins Leben zu rufen. Zwei Jahre später seien dann Nägel mit Köpfen gemacht worden, seit 2020 sei die Trachtengruppe ein eingetragener Verein.
„Aktuell sind wir 29 Mitglieder und freuen uns über weiteren Zuwachs gleich welchen Alters“, warb die Vorsitzende. Eine Abordnung der Trachtenkapelle Lehengericht stimmte mit volkstümlichen Weisen in den Nachmittag ein.
Nachdem sich die Besucher an der Ausstellungsvitrine und Schautafeln mit Bildern und Zeitungsberichten einen ersten Eindruck über die Lehengerichter Tracht verschafft hatten, führte Historiker Hans Harter mit seinem Vortrag „Wilhelm Hasemann und die Lehengerichter Tracht“ tief ins Thema hinein.
Der gebürtige Preuße (Mühlberg an der Elbe) sei als Schwarzwaldmaler bekannt und so fest mit der Lehengerichter Tracht verbunden gewesen wie kein anderer Künstler. Um von der Malerei leben zu können, sei Hasemann immer auf der Suche nach Aufträgen für illustre Zeitungen gewesen. Er sei auch begeisterter Anhänger des Gutacher Baustils gewesen. Dort müsse es ihm wohl gefallen haben, da er heimisch geworden sei, folgerte Harter.
Auftrag von Berthold Auerbach
Die genauen Umstände zu Hasemanns Verbleib in Gutach erläuterte Gerlinde Hirschbühler, Vorsitzende des dortigen Kunstvereins Hasemann-Liebich. Ihr zufolge kam der Künstler 1880 erstmals nach Gutach, weil er von Schriftsteller Berthold Auerbach aus Horb-Nordstetten den Auftrag erhielt, dessen Roman „Die Frau Professorin“ zu illustrieren. Vom Verlag sei Hasemann zunächst abgelehnt worden. Zwei Jahre später sei Auerbach verstorben, der Roman aber noch nicht veröffentlicht gewesen. Hasemann habe 72 Zeichnungen abgeliefert und 1885 sei das Buch dann erschienen, schilderte Hirschbühler.
Hasemann, so Harter fortfahrend, habe Fotos für die Eröffnung der Eisenbahnlinie Freudenstadt-Offenburg eingereicht. Ziel der Auftraggeber sei die bildhafte Darstellung gewesen, was man während der Fahrt ins Kinzigtal sehen kann. Hasemann habe sich für Flößer, Bauern und Trachtenträger entschieden, so genannte „Schwarzwälder Typen“. Hierfür habe er sich ein Flößerwehr in Schenkenzell ausgesucht und das Wehr mit Bleistift auf Karton abgezeichnet. „So war seine Arbeitsweise: vor Ort, nach der Natur gezeichnet“, erklärte Harter.
Taufzüge mit Lehengerichter Tracht
Wenn Hasemann Personen malen sollte, habe er sie zu sich nach Hause bestellt und in Tracht abfotografiert, um sie dann auf Papier zu bringen. So seien etliche Bilder von Taufzügen mit Lehengerichter Tracht entstanden. Auch das Kulissenbild in der Gemeindehalle Vorderlehengericht, ein Paar in Lehengerichter Tracht in freier Schwarzwaldlandschaft, entstamme einem Motiv von Hasemann.
Ebenso ein Bild der zehnjährigen Tochter Erika des Schramberger Unternehmers Arthur Junghans in Lehengerichter Tracht, zeigte Harter mit einem Foto auf der Leinwand. „Hasemann ging es darum, Tracht und bäuerliche Ästhetik zu erhalten. In Bayern ist es noch gang und gäbe, in Tracht auszugehen. Bei uns in Baden-Württemberg leider nicht mehr“, bedauerte der Historiker in seinem Fazit.
Nach Harters kurzweiligem Vortrag gab es bei Grillwurst, Getränken, Kaffee und Kuchen Gelegenheit, sich mit Kennern auszutauschen.