Florian Lipowitz (re.) im Kreis der Besten auf dem Podium der Tour de France. Foto: IMAGO/Photo News

Die Dominanz von Tadej Pogacar geht weiter, doch nach dieser Tour gehört auch ein Deutscher zu den besten Rundfahrern. Und: Er hat noch mehr Potenzial, kommentiert unser Autor.

Nach den schweren Bergetappen in der dritten Woche der Tour de France war das Erstaunen bei vielen Beobachtern groß. Tadej Pogacar hatte keine der drei Bergankünfte am Mont Ventoux, am Col de la Loze und in La Plagne für sich entschieden, weshalb sich die Frage stellte: Ist der Slowene doch nur ein Mensch? Selbst wenn die Antwort ein „Ja“ sein sollte, ändert dies nichts an der Tatsache, dass Tadej Pogacar auch diese Frankreich-Rundfahrt dominiert hat.

 

Der Superstar des Radsports gewann nicht nur die Gesamtwertung, er holte sich auch das gepunktete Trikot des besten Bergfahrers und fünf Etappensiege, war viermal Zweiter und einmal Dritter – und kämpfte sogar auf der letzten Etappe bei strömendem Regen um den Tagessieg, anstatt sich eine Tour d’honneur zu gönnen. Der Weltmeister ist mit seinen 26 Jahren der jüngste Profi, der die Tour viermal gewonnen hat – und es bestehen, wenn er auf diesem Niveau weitermacht, kaum Zweifel daran, dass er schon bald die wichtigsten Rekorde des Rennens halten wird. Was Folgen hat.

Längst gibt es in den Diskussionen um die unglaubliche Leistungsfähigkeit von Tadej Pogacar zwei Lager, deren Positionen immer unverrückbarer werden. Für die einen ist er neben dem legendären Eddy Merckx bereits jetzt der Größte, den dieser Sport je gesehen hat, für die anderen ein Radler, dessen Überlegenheit nur damit zu erklären ist, dass er alle Mittel ausschöpft, auch unerlaubte. Sie begründen ihre Meinung unter anderem mit der unleugbar schlimmen Dopingvergangenheit von Mauro Gianetti, der als Chef des Teams UAE Tadej Pogacar zum Seriensieger geformt hat. Welche These der Wahrheit näher kommt? Wird die Zukunft zeigen – vielleicht.

Doch zurück in die Realität. Der zweite Radprofi, der diese Tour geprägt hat, war Florian Lipowitz (24). Das war nach seinen Auftritten in dieser Saison zwar nicht gänzlich überraschend, dass seine Klasse, seine Willensstärke und seine Form aber so außergewöhnlich sein würden, kam dann doch unerwartet. Der frühere Biathlet aus dem schwäbischen Laichingen, der erst seit fünf Jahren Radrennen bestreitet und nun bei der Frankreich-Rundfahrt im weißen Trikot des besten Jungprofis aufs Podium kletterte, ist zweifelsohne der Aufsteiger des Jahres.

Florian Lipowitz hat sich beeindruckend durch die Tour gekämpft. Foto: IMAGO/Belga

Sein dritter Platz ist umso bemerkenswerter, weil er von seinem Team Red Bull-Bora-hansgrohe weit weniger Unterstützung bekam als seine Konkurrenten von ihren Mannschaften. Schon auf der ersten Etappe wurde er nach einem Defekt alleine gelassen, die Taktik seines Rennstalls erschien auch auf vielen anderen Etappen wenig durchdacht. Altstar Primoz Roglic (35) zog meist lieber sein eigenes Ding durch, als den jungen Kollegen zu unterstützen, und im Rest des Teams fand sich kein formstarker Bergfahrer mehr. Dass Florian Lipowitz trotzdem als erster Deutscher seit Andreas Klöden 2006 aufs Tour-Podium fuhr, zeigt sein enormes Potenzial – von dem seine Trainer glauben, dass es physisch und taktisch noch lange nicht ausgeschöpft ist.

Viel zu verfrüht wäre es, Florian Lipowitz schon jetzt zum neuen deutschen Radsport-Helden auszurufen oder ihn gar mit Jan Ullrich zu vergleichen, der mittlerweile Dopingbetrügereien gestanden hat. Klar ist aber auch, dass dieser bescheidene und bodenständige Athlet beste Voraussetzungen hat, um weiterhin zu den stärksten Rundfahrern der Welt zu gehören. Ob er eines Tages sogar Tadej Pogacar schlagen kann? Ist eher unwahrscheinlich. Und, ehrlich gesagt, vielleicht auch gar nicht wünschenswert.