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Totensonntag So wird in Calw das immaterielle Kulturerbe gepflegt

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Die Stadt steckt viel Arbeit in die Pflege des Friedhofs.  Foto: Fritsch

Am letzten Sonntag vor dem ersten Advent ist Totensonntag. An diesem Tag kommt dem Friedhof eine ganz besondere Bedeutung zu. Wie viel Arbeit in die Pflege der Friedhöfe gesteckt wird, erfahren Sie in unserem (SB+)-Artikel.

Calw - Während die römisch-katholische Kirche das Gedächtnis der Verstorbenen an Allerseelen, 2. November, also einen Tag nach Allerheiligen, feiert, ist der Totensonntag oder Ewigkeitssonntag in den evangelischen Kirchen in Deutschland der Gedenktag für die Verstorbenen. Er ist der letzte Sonntag vor dem ersten Adventssonntag und damit der letzte Sonntag des Kirchenjahres. Auch konfessionslose Menschen gehen aus diesem Anlass auf den Friedhof, um die Gräber der Verstorbenen zu besuchen und mit Trauergestecken zu schmücken. Auf den ersten Blick ist der Friedhof gerade an solchen Tagen ein Ort der Stille und Trauer. Dabei leistet diese Stätte weitaus mehr.

"Friedhöfe sind auch ein Ort der Begegnung, vor allem für Senioren", sagt Jürgen Vogel, Leiter der Calwer Friedhofsverwaltung, im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten. Denn der Tod hinterlasse viele Menschen alleinstehend. Auf dem Friedhof würden sie vom selben Schicksal Betroffene und Gleichaltrige treffen, kämen ins Gespräch und "knüpfen dabei neue Kontakte".

Der Ort der Toten wird also zu einem lebendigen Ort. Auch deshalb, weil Menschen dort ihre eigenen Lebenslinien nachzeichnen können. Gräber von Nachbarn, ehemaligen Lehrern oder Freunden erinnern an die eigene Entwicklung und prägende Lebensphasen. Nicht ohne Grund ist die Friedhofskultur in Deutschland mit ihren zahlreichen Facetten offiziell zu immateriellem Kulturerbe ernannt worden (siehe "Info").

Summe reicht nicht aus

Die Hinterbliebenen finden am Grabdenkmal nicht nur Halt, sondern sind während des Erinnerns an den Verstorbenen auch der Natur sehr nah. Ein gutes Beispiel dafür ist der Calwer Friedhof, einer von insgesamt neun im gesamten Stadtgebiet. Die Anlage am Welzberg ist parkähnlich gestaltet. Besonderes Wissen in Sachen Gärtnern und Landschaftsplanung ist hier gefragt. Für die Pflege der Friedhöfe in Calw und den Stadtteilen wird ein großer Aufwand betrieben. "Es wird oft unterschätzt, wie viel Arbeit damit verbunden ist", betont Vogel.

Die Bereiche Müllentsorgung, Heckenschnitt und Mäharbeiten seien sehr umfangreich. "Jetzt im Herbst kommt man mit dem vielen Laub kaum nach." Viel Handarbeit sei nötig, um die Anlagen in Schuss zu halten. Allein auf dem Calwer Friedhof müssten insgesamt acht Kilometer Thujahecken geschnitten werden. Das würden Mitarbeiter der Gemeinnützigen Werkstätten und Wohnstätten (GWW) GmbH übernehmen. Außerdem müssten die Brunnen gepflegt sowie an- und abgestellt werden. Auf jedem Friedhof in der Stadt sei im Übrigen inzwischen ein frostsicherer Wasserhahn installiert worden.

Sehr zeitaufwendig und umfangreich ist laut Vogel die Kontrolle der Grabsteine auf Standsicherheit, sowie der Bäume, Treppen und Wege auf eventuelle Schäden. "Auf dem Calwer Friedhof haben wir ein großes asphaltiertes Wegenetz. Da die Erde in Bewegung ist, gibt es immer wieder Setzungen und Teile des Weges brechen weg." Insgesamt sind im aktuellen Unterhaltungshaushalt der Stadt 120.000 Euro für die Friedhöfe vorgesehen. Die Summe werde erfahrungsgemäß nicht reichen, weil stets Unvorhergesehenes auftauche und erledigt werden müsse. "Wir sind bestrebt, die Friedhofsanlagen so hochwertig wie möglich zu erhalten. Schließlich sind sie so etwas wie ein Aushängeschild für die Stadt", äußert sich Vogel.

Bevor die Trauerphase und das Verarbeiten des Verlusts eines geliebten Angehörigen beginnen kann, müssen Hinterbliebene zahlreiche Entscheidungen treffen. Dazu gehört unter anderem die Grabart. Auf den städtischen Friedhöfen werden Wahl- und Reihengräber ebenso angeboten wie Urnenwahl-, Urnenreihen- sowie Urnenanonymgräber, Baumgräber oder ein muslimisches Grabfeld auf dem Heumadener Friedhof, das gen Mekka ausgerichtet ist.

"Anfang der 2000er hatten wir 20 bis 30 Prozent Urnen- und 70 Prozent Erdbestattungen. Heute ist das Verhältnis genau umgedreht", weiß Vogel zu berichten, der sich – und das nicht nur an Gedenktagen –­ eines für den Umgang mit den Calwer Friedhofsanlagen wünscht: "Respekt vor der Würde des Ortes".

Info: immaterielles Kulturerbe

Die Friedhofskultur in Deutschland ist immaterielles Kulturerbe. Auf Empfehlung der Deutschen Unesco-Kommisssion hat im März 2020 die Kultusministerkonferenz die Aufnahme in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes beschlossen.

Dieses immaterielle Erbe umfasst nicht die Friedhöfe an sich, sondern die "lebendigen Ausdrucksformen, die von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitervermittelt und stetig neu geschaffen und verändert werden", wie es die deutsche Unesco-Kommission formuliert. In Bezug auf die Friedhofskultur betrifft dies zwei große Themenfelder: Zum einen geht es darum, was man auf dem Friedhof tut: trauern, erinnern und gedenken sowie gestalten, pflegen und bewahren. Zum anderen würdigt die Ernennung zum Erbe den vielfältigen Wert der Friedhofskultur für die Gesellschaft: kulturell, sozial oder historisch, aber auch in Bezug auf Klima- und Naturschutz, gesellschaftliche Integration oder nationale Identität (Quelle: Kuratorium immaterielles Erbe Friedhofskultur e.V.).

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