Von über 180 auf null Euro: Die Aktie des strauchelnden Batteriekonzerns Varta entwickelt sich zum Totalausfall. Wie geht es für Anleger weiter?
Die Aktie des Batterieherstellers Varta aus Ellwangen zählte zu den großen Favoriten deutscher Kleinaktionäre – in Onlineforen und Youtube-Clips wurden Anleger zum Einstieg animiert. Doch Varta geriet in die Krise, und jetzt ist das bittere Ende fast besiegelt: Nach zähen Verhandlungen mit den Gläubigern steht das Sanierungskonzept. Der Plan: Mit Hilfe von Porsche wird Varta gerettet. Aber das Grundkapital sinkt dabei auf null Euro – bestehende Aktien verlieren komplett ihren Wert. Für Anleger werden die schlimmsten Befürchtungen wahr, ihnen droht der Totalverlust.
Aktionärsschützer fordert Anleger zum Widerstand auf
„Aus Aktionärssicht ist das eine Katastrophe“, sagt Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), unserer Zeitung. Der Aktionärsschützer versucht mit seiner Organisation, Anleger zusammenzutrommeln, um eine „kalte Enteignung“ zu verhindern. „Aktionäre müssen JETZT aktiv werden“, schlug die DSW bereits vor knapp zwei Wochen Alarm.
Doch von geschätzten bis zu 40 000 Aktionären hätten sich der Initiative nur ein paar Tausend angeschlossen. Die meisten verhielten sich passiv, obwohl es sich zu kämpfen lohne. Laut DSW-Mann Tüngler besteht zwar nicht mehr viel Hoffnung, allerdings sei die Situation auch noch nicht ganz aussichtslos. Es werde noch einen sogenannten Erörterungs- und Abstimmungstermin geben, bei dem der Restrukturierungsplan theoretisch angefochten werden könnte. Dafür müssten sich jedoch alle Aktionäre wehren.
Auf großen Widerstand deutet derzeit wenig hin, auch wenn der Frust bei einigen Anlegern groß ist. „Hasardeure haben die komplette Anlegerschaft abgezockt“, schimpft etwa ein Nutzer des Finanzportals Ariva.de. Besonders Vartas Mehrheitsaktionär und Aufsichtsratschef Michael Tojner steht in der Kritik. Der Investor aus Österreich will das kriselnde Unternehmen zusammen mit dem Autobauer Porsche rekapitalisieren. Eine Möglichkeit, an einem erfolgreichen Comeback Vartas zu verdienen. Eine lukrative Chance, die auch andere Aktionäre gerne hätten.
„Jetzt wird man sich als Retter feiern lassen“, sagt Aktionärsschützer Tüngler mit Blick auf Tojner und Porsche. Der Sportwagenbauer hat gemeinsam mit Varta die Entwicklung neuer Batterien vorangetrieben, die beim ersten 911er mit Hybridmotor eingesetzt werden sollen. Mit dem Einstieg bei Varta will Porsche deren Lieferung absichern. So weit, so gut. Doch dass nun statt der Masse der Aktionäre Tojner – ein Mitverantwortlicher der Misere, der sich, beziehungsweise seiner Beteiligungsgesellschaft Montana Tech in den vergangenen Jahren bereits hohe Dividenden auszahlen ließ – vom Rettungskonzept profitiere, „schreie zum Himmel“, so Tüngler.
Mehrheitsaktionär Tojner: Restrukturierung ist alternativlos
Laut Tojner ist die Restrukturierung, die auch einen Schuldenschnitt zulasten von Banken und Hedgefonds vorsieht, unausweichlich. Das Kapital reiche nicht, um die Schuldenlast zu senken und das Geschäft zu stabilisieren. „Wir müssen diesen Schritt setzen, um Varta eine Zukunft zu geben, fast 4000 Arbeitsplätze zu sichern und das Unternehmen als Wirtschaftsfaktor in der Region und vor allem als Technologieträger für Europa zu erhalten.“ Man habe alle Alternativen abgewogen. „Die Entscheidung ist keinem leichtgefallen.“ Nun sei der Weg für einen Neustart mit Porsche geebnet.
Vartas Aktien waren beim Börsengang 2017 zum Ausgabepreis von 17,50 Euro gestartet, und hatten Anfang 2021 ein Rekordhoch von über 181 Euro geknackt. Doch die Hoffnungen auf dauerhaft boomende Geschäfte, etwa mit kleinen Akkus für kabellose Kopfhörer wie Apples Airpods, erfüllten sich nicht. An der Börse ging es für Varta seitdem steil bergab, in den vergangenen zwölf Monaten fiel die Aktie um rund 90 Prozent. In den Schlagzeilen war das Unternehmen zuletzt nur noch durch seine hohen Schulden, Geldnöte und umstrittene Insideraktienverkäufe. Dass Aktionäre beim Sanierungsplan leer ausgehen, zeichnete sich indes schon seit einiger Zeit ab – die Ankündigung hatte den Kurs im Juli binnen weniger Tage von gut zehn auf unter zwei Euro gedrückt.
Die Aktie eignet sich angesichts der prekären Lage des Konzerns ohnehin schon länger nur noch für besonders Wagemutige. Doch die Spekulation auf eine für Kleinanleger schonende Rettung ließ den Kurs Mitte August noch einmal auf über fünf Euro steigen. Selbst am Montag nach Beschluss des für Aktionäre verheerenden Sanierungskonzepts ging das Vabanquespiel weiter. Die so gut wie wertlose Aktie fiel zunächst wie ein Stein, zog dann aber zeitweise wieder auf über zwei Euro an. „Das sind wahnsinnige Zockereien, davor kann man nur warnen“, sagt Aktionärsschützer Tüngler.
Im Zentrum des Anlegerdebakels steht auch das Unternehmensstabilisierungs- und Restrukturierungsgesetz (StaRUG), nach dem die Sanierung von Varta beim Amtsgericht Stuttgart beantragt wurde. Das StaRUG ist erst seit 2021 in Kraft und soll pleitebedrohten Firmen mit überlebensfähigem Geschäftsmodell einen Weg eröffnen, ohne ein Insolvenzverfahren wieder auf die Beine zu kommen. Dabei ermögliche es jedoch die „vollständige und entschädigungslose Enteignung der Aktionäre“, klagt die DSW.