Der gebürtige Ulmer Roman Gaida ist Topmanager bei einem Elektrokonzern und teilt sich die Betreuung der Kinder mit seiner Frau. Wie schafft er das – und was rät er anderen Vätern und Chefs? [Archiv]
Karriere machen und die Hälfte der Betreuungs- und Hausarbeit übernehmen – das geht, sagt Roman Gaida. Ein Gespräch über durchwachte Nächte, welche Familienaufgaben er sich bei seiner Frau erkämpfen musste und wie er als Chef die Arbeit so organisiert, dass auch seine Mitarbeiter genug Zeit für ihre Kinder haben.
Herr Gaida, Sie leiten die digitale Transformation eines Geschäftsbereichs bei Mitsubishi Electric, haben mehr als 150 Mitarbeiter. Wie oft können Sie Ihre vierjährigen Zwillinge unter der Woche ins Bett bringen?
Theoretisch jeden Tag, aber meine Frau und ich wechseln uns ab. Ich verbringe maximal 15 Prozent meiner Zeit auf Reisen. Ich führe mein Team so, dass ich nicht der Flaschenhals für alles bin. Wir teilen uns viele Aufgaben auf.
Und wie oft holen sie die Jungs von der Kita ab?
Ich bringe sie fast jeden Tag hin, bevor ich um 9 Uhr zu arbeiten anfange. In unserer Kita darf man sich auch mit reinsetzen, manchmal trinke ich dort noch einen Kaffee. Zweimal die Woche hole ich sie auch ab und spiele mit ihnen, dafür arbeite ich dann abends teils noch. Ich habe schon eine 40- bis 50-Stunden-Woche, aber ich kann es mir recht flexibel einteilen. Und das ermögliche ich auch meinen Mitarbeitenden, da, wo es geht.
Teilen Ihre Frau und Sie sich die Betreuung also 50:50 auf?
Natürlich geht das nicht immer. Meine Frau ist selbstständig. Es gab eine Phase, da hat sie 60 Stunden die Woche gearbeitet, da habe ich 70 Prozent der Betreuung übernommen. Und wenn ich Budgetgespräche oder eine Reisewoche habe, macht sie mehr. Ich halte aber nichts von Strichlisten, wer wann wie viele Stunden betreut hat. Lieber zieht man alle halbe Jahre Bilanz und guckt, ob es für beide gepasst hat. Das geht nicht, ohne miteinander zu reden.
Wer kauft bei Ihnen ein, kocht, geht mit den Kindern zum Arzt?
Ich übernehme alles, was mit Essen zu tun hat, mache die Küche, koche, kaufe ein. Auch wenn meine Frau mal kocht, lässt sie den Abwasch für mich stehen. Dafür macht sie zum Beispiel die Wäsche. Termine wie U-Untersuchungen, Logopädie, Schwimmkurs teilen wir uns auf. Wenn ich den Erinnerungsbrief zur U 9 öffne, mache ich gleich den Termin aus. Wer bemerkt, dass die Jungs neue Reisepässe brauchen, geht mit ihnen zum Friseur, lässt Fotos machen und beantragt die Pässe. Wir organisieren das mit Outlook. Aber ich wurde zum Glück in die Rolle des aktiven Vaters auch von Anfang an gedrängt.
Wie?
Als meine Frau schwanger war, sind wir von Ulm nach Düsseldorf gezogen, die Großeltern leben 500 Kilometer weg. Zwillinge kann man vor allem anfangs schlecht allein betreuen. Wenn zum Beispiel meine Frau mit dem einen beim Arzt ist, muss ich den anderen übernehmen.
Ich kenne Zwillingsmütter, die trotzdem alles allein machen.
Das will ich nicht. Ich bin durchaus ehrgeizig, aber ich opfere die Kindheit meiner Kinder nicht der Karriere. Ich glaube fest daran, dass beides geht.
Haben Sie Hilfe im Haushalt?
Wir haben einmal die Woche eine Haushaltshilfe. Und einen Babysitter, damit wir auch mal etwas zu zweit machen können. Wir haben eine 90-Quadratmeter-Wohnung. Da passt kein Au-pair rein. Ich will die Zeit mit den Kindern aber auch gar nicht an eine Nanny outsourcen. So stelle ich mir Elternschaft nicht vor – wobei ich mir nicht anmaße zu sagen, was besser oder schlechter ist.
Sie hatten gerade bei Ihrem Arbeitgeber angefangen, als die Kinder auf die Welt kamen. Wann haben Sie gesagt, dass Ihnen Vereinbarkeit wichtig ist?
Von der Schwangerschaft habe ich im Bewerbungsgespräch erzählt. Als ich anfing, durfte meine Frau nicht mehr viel laufen, wir mussten jeden Freitag zum Ultraschall. Ich kam gar nicht darum herum, meinen Vorgesetzten zu sagen: Ich muss einmal die Woche mit meiner Frau zum Arzt. Es war klar: Entweder geht das, oder es funktioniert nicht in der Stelle. Als die Kinder auf der Welt waren, habe ich auch klar gesagt, dass ich Zeit mit ihnen verbringen will. Als Führungskraft kann man das steuern.
Wie?
Für mich ist Performance wichtiger als Präsenz. Ich bin immer erreichbar, aber ich gehe trotzdem zweimal die Woche früher und hole die Kinder ab. Und sage das auch. Das ist wichtig, denn dann trauen sich meine Mitarbeitenden das auch. Ich glaube, viele Väter verheimlichen es und sagen, sie hätten noch einen Termin und holen die Kinder ab.
Ein Schichtarbeiter kann sich seine Zeit nicht so frei einteilen und muss auch vor Ort sein.
Klar, ich habe auch Mitarbeitende im Lager oder in der Werkstatt, da geht das nicht. Aber in diesen Berufen gibt es andere Vorteile. Dort muss man nicht daheim erreichbar sein und E-Mails lesen. Ich habe nach meiner Lehre zum Zerspanungsmechaniker mehrere Jahre in Schicht gearbeitet. Hätte ich damals schon Kinder gehabt, wäre ich ab 14 Uhr zu Hause gewesen und hätte Zeit für sie gehabt. Und an anderen Tagen hätte ich den Vormittag mit ihnen verbringen können.
Wie lange haben Sie Elternzeit genommen?
Ich bin ein schlechtes Beispiel, weil ich bisher nur zwei Monate genommen habe, das ist zu wenig. Ich war in der Probezeit und habe mich nicht getraut, mehr zu nehmen. Das bereue ich heute. Aber mir ist es wichtiger, jetzt da zu sein als Vater, als in der Elternzeit drei Monate durch Neuseeland zu reisen.
Viele Männer glauben laut Umfragen, Elternzeit würde sich negativ auf Ihre Karriere auswirken.
Es gibt auf jeden Fall Nachteile, das melden mir viele Väter zurück. Die erleben, dass der Kollege, der Elternzeit beantragt hat, bei der Führungskraft abgeschrieben ist. Damit schneiden sich Arbeitgeber ins eigene Fleisch. Wenn sich Mitarbeiter kaum trauen, nach Elternzeit zu fragen, beantragen sie diese erst zum letztmöglichen Zeitpunkt, sieben Woche vorher. Als Chef oder Chefin habe ich dann kaum noch die Möglichkeit, für Ersatz zu sorgen, und nehme Väter in Elternzeit als Problem wahr. Von meinen zwölf Abteilungsleitern und -leiterinnen haben fünf in den letzten zwei Jahren Elternzeit genommen. Alle haben es mir nach dem dritten Schwangerschaftsmonat erzählt. Wir hatten also Monate Zeit, deren Elternzeit gemeinsam vorzubereiten. Aber das geht nur in einer gesunden Unternehmenskultur.
Was meinen Sie damit?
Wenn Mitarbeitende einen psychologisch sicheren Raum im Unternehmen haben, in dem sie offen über Herausforderungen und Sorgen daheim reden können, dann funktioniert das Thema Vereinbarkeit auch besser. Anders gesagt: Es reicht nicht, als Unternehmen einen Betriebskindergarten einzurichten, wenn ich die Mitarbeiter bis 19 Uhr an ihre Schreibtische fessele.
Sie schreiben, dass Sie sich manche Aufgaben als Vater bei Ihrer Frau erst heraushandeln mussten. Welche?
Zum Beispiel das Ins-Bett-Bringen. Anfangs haben die Jungs oft nach der Mama geschrien. Dann kam schon mal meine Frau und hat gesagt „Lass mich das machen“. Da musste ich dann klar sagen „Nein, lass es mich machen“. Die Jungs haben sich schnell daran gewöhnt, und es klappt wunderbar. Als Mutter muss man sich auch damit abfinden, dass es der Vater vielleicht anders macht. Und als Vater muss man sich hinstellen und Dinge einfordern.
Wie sind Sie aufgewachsen?
Ganz klassisch. Mein Vater hat in der Fabrik geschichtet und meine Mutter war Hausfrau. Ich glaube, kaum ein Mann meiner Generation hatte einen aktiven Vater als Vorbild, und wir sind vielleicht die erste Männergeneration, die die Entscheidung treffen kann, präsenter zu sein.
Welchen Tipp haben Sie für Männer, die Karriere und aktive Vaterschaft vereinbaren wollen?
Zeit ist der wichtigste Faktor. In meinem Bereich machen wir zum Beispiel nur noch Meetings zwischen 9 und 17 Uhr, nicht länger als 20 bis 50 Minuten und mit einer klaren Agenda. Mitarbeiter dürfen auch Meetings absagen, wenn sie nichts beizutragen haben.
Was muss der Mitarbeiter selbst für die Vereinbarkeit tun?
Sie einfordern. Das ist nicht einfach, wenn man der Erste ist. Aber wir haben in Deutschland durchschnittlich 0,62 Bewerber auf eine offene Stelle. Väter können selbstbewusst sein. Keiner kündigt eine gute Fachkraft, nur weil sie zweimal die Woche um halb vier die Kinder vom Kindergarten abholen will. Wichtig ist auch, bei der Arbeit selbstverständlich über die Familie zu sprechen. Vaterschaft muss präsent sein.
Sie haben in den ersten Monaten nach der Geburt teils nur ein, zwei Stunden pro Nacht geschlafen. Waren Sie überhaupt arbeitsfähig?
Das war eine harte Zeit! Das ging nachts so: Meine Frau hat ein Kind gestillt, währenddessen habe ich dem anderen die Windeln gewechselt, dann haben wir getauscht. Ein Kind war meist wach. Aber ich hatte ja den neuen Job, da funktioniert man dann trotzdem irgendwie – auch wenn ich manchmal sicher da stand wie Falschgeld. Aber ich habe dann auch gesagt: „Ich bin heute nicht ganz da.“ Das hat mir nicht geschadet. Meine Mitarbeiter sagen mir heute auch, wenn sie eine harte Nacht hatten, weil sie wissen, ich verstehe das.
Müssten Gesellschaft und Politik Eltern mehr Zeit für Sorgetätigkeiten einräumen – etwa durch verringerte Arbeitszeiten bei vollem Rentenausgleich?
Ich bin eher dafür, all die nutzlosen Arbeiten, die in Firmen teilweise gemacht werden, zu eliminieren. Dann hätten Eltern schon sehr viel mehr Zeit daheim. In meinem Vertrag steht zum Beispiel keine Stundenzahl. Wenn wir wegkommen von der Präsenzzeit und mehr dahin, dass die Ergebnisse der Arbeit zählen, dann können sich Menschen mehr Zeit für Familie nehmen. Für mich ist das aber eher eine Aufgabe der Unternehmen als der Politik. Auch neue Technologien können in Sachen Vereinbarkeit helfen.
Wie?
Es gibt zum Beispiel Apps, mit denen Mitarbeitende flexibel untereinander Schichten tauschen können, ohne dass der Vorgesetzte mitreden muss. Wenn also jemand lieber Früh- statt Spätschicht arbeiten will, um mit den Kindern zum Arzt zu gehen, kann er das sehr einfach machen.
Bei Ihnen hört sich vieles so einfach an. Schaffen Sie eigentlich auch mal etwas nicht?
Das geht doch allen Eltern so. Jede Woche denke ich entweder, ich bin ein schlechter Vater, oder ich bin ein schlechter Chef oder ein schlechter Partner. Alle drei Rollen wird man nie perfekt ausfüllen. Man muss entscheiden, was einem wichtig ist. Ich will auch mal nachmittags mit meinen Kindern Lego spielen können, für sie da sein, wenn sie mich brauchen. Wenn ich zwei Tage nicht zu Hause war, vermisse ich etwas. Das will ich nicht verlieren. Ich kenne Väter, die sind am Tag nach der Geburt wieder bis 20 Uhr ins Office gegangen. Das könnte ich nicht.
Vom Dreher ins Topmanagement
Familie
Roman Gaida wird 1982 geboren, er wächst in Ulm auf, der Vater ist Schichtarbeiter, die Mutter Hausfrau. Heute lebt Gaida mit seiner Frau Laura und den vierjährigen Zwillingssöhnen in Düsseldorf.
Beruf
Nach der Realschule macht Gaida in Ulm eine Ausbildungs zum Zerspanungsmechaniker und arbeitet mehrere Jahre als Dreher. Nebenher macht er Abitur und studiert Wirtschaftsingenieurwesen, später schließt er einen MBA in Aachen und St. Gallen ab. Nach einer Station beim Maschinenbauer Oerlikon in der Schweiz, leitet Gaida heute den Geschäftsbereich Mechatronics CNC Europe bei Mitsubishi Electric.
Autor
Gaida ist einer von drei ständigen Gesprächspartnern beim Podcast „Working Dad“, in dem Väter über ihr Leben zwischen Familie und Beruf sprechen. 2022 erschien sein Ratgeber „Working Dad – Vereinbarkeit von aktiver Vaterrolle und Karriere leben“ (Campus, 24 Euro) und der Band „New Work in der Industrie – Wie uns die digital-kulturelle Transformation gelingt“ (Rossberg, 32 Euro).