Eltern erwerben sich viele Kompetenzen, die auch im Berufsleben nützlich sind. Trotzdem werden sie oft nicht einmal zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Wie passt das zusammen?
Fast 20 000 Beschäftigte hat das Unternehmen inzwischen. Sie sind hoch qualifiziert, gelten als besonders stressresistent, sind Organisationstalente mit einem guten Zeit- und Krisenmanagement und sie lösen Probleme sehr kreativ und flexibel – auch, weil sie klar und empathisch kommunizieren. Trotzdem werden die Mitarbeiter für ihre Arbeit nicht bezahlt, denn ihr Arbeitgeber Unpaid Care Work ist fiktiv.
Franziska Büschelberger, alleinerziehende Mutter zweier Kinder, hat die Firma im Jahr 2024 gegründet, weil sie ihre familiäre Situation im Lebenslauf nicht länger verheimlichen, aber auch nicht unter Wert angeben wollte. Kurzerhand fügte sie deshalb auf ihrem Profil bei der Berufsplattform Linkedin eine Anstellung bei Unpaid Care Work ab dem Geburtsdatum des ersten Kindes hinzu – samt der seitdem erworbenen Kompetenzen. Seitdem folgen ihrem Beispiel täglich viele Mütter und Väter. Sollte man es ihnen gleich tun?
Niemand ist verpflichtet, im Lebenslauf Familienstand oder Kinder anzugeben
Tatsächlich gibt es genügend Studien, die zeigen, dass Eltern durch ihre Kinder Kompetenzen erwerben, die sie auch beruflich weiterbringen. „Organisationsfähigkeit, Stressbewältigung, Konfliktmanagement oder flexibles Umdenken und Umplanen können“, nennt Nina Junker einige dieser Dinge. Junker ist Arbeits- und Organisationspsychologin und forscht an der Universität Oslo zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch das Thema Teilzeit erweise sich häufig als Vorteil für die Unternehmen. „Wer weniger Arbeitsstunden zur Verfügung hat, nutzt diese in der Regel sehr fokussiert und produktiv“, sagt Nina Junker.
Liegt es also nur an den Eltern, ihre neu erworbenen Kompetenzen im Lebenslauf oder im Vorstellungsgespräch besser zu verkaufen? Dazu hat Nina Junker entsprechend formulierte Lebensläufe und Anschreiben von Recruitern bewerten lassen. „Tatsächlich hatten die Eltern hier Vorteile, die diese Kompetenzen offensiv mit ihrer Elternrolle in Verbindung gebracht haben, gegenüber solchen, die nur die Kompetenzen nannten, ohne sie in Bezug zu ihrer Elternrolle zu setzen“, sagt Nina Junker.
Gleichzeitig berichtet Junker aber auch von Untersuchungen, die zeigen, dass Frauen, die Kinder im Lebenslauf angeben, sich häufig auf mehr Stellen bewerben müssen, bis sie eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekommen. Bei Männern gibt es diesen Effekt nicht. „Ich weiß, dass es in Personalabteilungen passiert, dass Bewerbungen von Kandidatinnen aufgrund von Kindern aussortiert werden“, sagt auch Sandra Runge. Die Rechtsanwältin berät seit über 10 Jahren Eltern zu allen arbeitsrechtlichen Fragestellungen rund um Schwangerschaft, Mutterschutz, Elternzeit, Wiedereinstieg und berufliche Diskriminierungen.
Rechtlich sei nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz niemand dazu verpflichtet, im Lebenslauf Familienstand oder Kinder anzugeben. Entscheide man sich dafür, dürfe man deswegen nicht benachteiligt werden. „In der Praxis lässt sich das aber schwer nachweisen“, sagt Sandra Runge, die deshalb eher davon abrät, solche Dinge im Lebenslauf aufzugreifen. „Ich empfehle, das ganz klar nicht zu erwähnen“, sagt auch Silke Grotegut, die als Karriere- und Bewerbungscoach arbeitet. Denn bei Personalern setze bei der Kombination „Frauen mit Kindern“ automatisch das Kopfkino von vielen krankheitsbedingten Fehltagen ein.
Auch im Vorstellungsgespräch würde Silke Grotegut diese Themen von sich aus nicht anschneiden. Für Arbeitgeber sind dort eigentlich alle Fragen rund um Familienplanung, bestehende Schwangerschaften, Alter der Kinder oder die Art der Kinderbetreuung grundsätzlich unzulässig. „Werden sie trotzdem gestellt, würde ich sie aber dennoch wahrheitsgemäß beantworten“, sagt Silke Grotegut. Denn spätestens mit der Einstellung weist die Steuerkarte auf den Familienstand hin. Und wer seine kranken Kinder betreuen möchte, muss das auch kommunizieren.
Ein Problem: fehlende Kinderbetreuung
„Die familiäre Situation lässt sich natürlich nicht dauerhaft zu verheimlichen“, sagt Sandra Ruge. Anders als im Lebenslauf bietet sich im Vorstellungsgespräch jedoch die Möglichkeit, die eigene Situation ausführlicher und je nach dort herrschender Atmosphäre zu beschreiben. „Das ist etwas anderes, als wenn im Lebenslauf steht: drei Kinder, geschieden, alleinerziehend“, sagt Silke Grotegut. Sie gibt aber zu bedenken, dass Unternehmen dennoch nicht gezielt nach Müttern oder Vätern suchen – sondern nach Arbeitskräften, welche die notwendigen Kompetenzen mitbringen.
Wie aber passt es zusammen, dass viele Eltern zwar die gesuchten Kompetenzen haben, Kinder im Lebenslauf vom Arbeitgebern aber dennoch oft nicht gern gesehen werden? „Das hängt häufig damit zusammen, dass die Strukturen einfach noch nicht überall passen“, sagt Nina Junker. Damit meint sie fehlende oder unzureichende Möglichkeiten für die Kinderbetreuung. Arbeitsplätze, die nur auf Vollzeit angelegt werden. Firmen, die wieder verstärkt zu Präsenzarbeitszeiten zurückkehren. „Homeoffice ermöglicht eine viel flexiblere Gestaltung der Arbeitstage, da kann man auch mal zwischendurch für die Familie da sein und danach wieder weiter arbeiten“, sagt Nina Junker. Hier müssten manche Unternehmen noch viele Hürden abbauen.
Helfen dabei könnte es, wenn noch mehr Männer länger Elternzeit nehmen oder in Teilzeit arbeiten würden. „Dann können Firmen nicht mehr sicher gehen, dass ausschließlich Mütter lange in Elternzeit gehen. Das kann dazu beitragen, dass es mit Blick auf mögliche Elternzeiten keinen Unterschied mehr macht, ob man eine Frau oder einen Mann einstellt“, sagt Sandra Runge.
Nicht nur Eltern freuen sich über flexible Arbeitszeiten
Das Thema Schwangerschaft bliebe bei den Frauen zwar weiterhin. „Aber auch hier und während der Elternzeit ist es an den Unternehmen gute Wege zu finden, um währenddessen in Kontakt zu bleiben“, findet Nina Junker.
Ohnehin ist sie der Meinung, dass das Thema Work-Life-Balance dringend aus der Frauen- und Elternecke herausgeholt werden müsste. Auch wer Angehörige pflegt, sich bei der freiwilligen Feuerwehr engagiert, eine berufliche Weiterbildung plant oder eine gesundheitliche Auszeit braucht, ist auf eine flexible Gestaltung der Arbeitszeiten angewiesen. „Am Ende sollte entscheidend sein, dass jemand seinen Job gut macht, nicht wann oder in welchem Umfang er oder sie diesen ausübt“, sagt Nina Junker.
Info
Karriere und Familie
Viele Frauen möchten heute arbeiten, Karriere machen und Familie haben. Um die Suche nach Unternehmen zu erleichtern, die dabei helfen, diese Vereinbarkeit gut zu ermöglichen, gibt es inzwischen verschiedene spezielle Jobbörsen. So vermittelt das Münchner Unternehmen „Superheldin“ gezielt Jobs an Mütter. Die Hamburger Plattform „Mutterschafft“ verbindet Unternehmen mit Müttern aber auch Vätern und zeigt auf, wo es sich eine Initiativbewerbung lohnen kann. „Mum hunting“ ist eine Personalvermittlung, die sich darauf spezialisiert hat, hoch qualifizierte Mütter mit vereinbarkeitsfreundlichen Unternehmen zu verbinden.