Seinen Oscar für „Nawalny“ zeigt Tonmeister Markus Vetter stolz bei der Vanity Fair-Party in Beverly Hills.  Foto: Archiv Markus Vetter/Markus Vetter

Markus Vetter und Lorena Ventura haben bei einem geheimen Filmdreh im Schwarzwald Zeitgeschichte erlebt: Dort hat sich Alexej Nawalny von einer Vergiftung erholt. Mutmaßlicher Auftraggeber: Wladimir Putin.

„Wie Forrest Gump“ fühlt sich Markus Vetter, seit er Teil des Teams war, das im Spätherbst 2020 den Dokumentarfilm „Nawalny“ gedreht hat – unter ungewöhnlichen Umständen, unter dem Schutz des Landeskriminalamts und unter dem Eindruck eines Mannes mit unglaublich viel Mut. Denn seither muss der Tonmeister aus Stuttgart immer wieder von den Dreharbeiten mit dem berühmtesten Putin-Gegner Alexej Nawalny im Schwarzwald erzählen, dürfe bekannten Menschen die Hände schütteln, sagt Vetter im K3.

 

„Dokumente mit Zeitgeschichte“

Dessen Leiterin Evelin Nolle-Rieder hat Vetter, der an der K3-Produktion „Daily Racism App“ beteiligt war, ins Winterlinger Theater eingeladen: Dort verfolgt ein beeindrucktes Publikum die im März mit dem „Oscar“ prämierte Doku und darf danach Fragen stellen an Markus Vetter und Lorena Ventura, die bei den Dreharbeiten fotografiert hat.

„Ihre Fotos sind wirklich Dokumente der Zeitgeschichte“, sagt Vetter im Gespräch mit Nolle-Rieder. Hat die Fotografin auf den Momentaufnahmen auch Angst in Nawalnys Gesicht entdeckt? „Nein“, sagt Lorena Ventura. „Man sieht seine Überzeugung dessen, was er tut.“ Vetter bestätigt das: „Er hat so viel Rückgrat, dass es ihm lieber war, nach Russland zurückzukehren, als im Ausland nichts ausrichten zu können.“ Obwohl sich alle sicher gewesen seien, dass er verhaftet werden würde. „Ich habe kein Angst“, sagt er im Film. „Die Wahrheit ist auf meiner Seite und das Gesetz auch.“

Von seiner Furchtlosigkeit zeugen auch Szenen aus dem Film. In Novosibirsk, wo Nawalny selbst gedreht hat, wundert er sich über die Abwesenheit der russischen Polizei. Fast wie Missachtung sei das, sagt er im Film.

Mit Julija Nawalnaya bei der Oscar-Verleihung

Erst im Krankenhaus von Omsk, wo das Flugzeug auf dem Rückflug notlanden musste, war sie wieder da. „Im Krankenhaus sind mehr Regierungsmitarbeiter und Polizisten als Ärzte“, sagt seine Frau Julija Nawalnaya, nachdem sie zu ihrem vergifteten Mann geeilt ist. Auf ihre Initiative war Nawalny von dort in die Berliner Charité gebracht worden, wo die Ärzte sein Leben retteten. Fotografieren wollte sie ihn dort nicht, heißt es im Film: aus Angst, es könnten die letzten Fotos von ihm sein.

Sahar Nawalny und Julija Nawalnaya haben Markus Vetter (Mitte) zur Oscarverleihung begleitet. Foto: Archiv Vetter

Auftritte als Lebensversicherung

Zur Oscar-Verleihung in Los Angeles haben Julija Nawalnaya und ihr Sohn Sahar das Filmteam – Vetters Anzug zeigt das Filmplakat – begleitet. Und beim jüngsten der halbjährlichen und halbstündigen Besuche im sibirischen Gefängnis habe Nawalny sie zuerst gefragt: „Wie geht’s Markus?“, berichtet Vetter. „Es ist beeindruckend, mit welcher Würde die Familie Alexejs Schicksal erträgt – die Hoffnung hält sie alle am Leben.“ Mit seinen Auftritten will Markus Vetter dazu beitragen, dass Nawalny präsent bleibt. Das sei „wie eine kleine Lebensversicherung“.

Seinen „Mördern“ hat Nawalny ihr Geständnis selbst entlockt

Ob da schon für seinen Nachruf vorgearbeitet werde, fragt Alexej Nawalny vor der Kamera in den „Black Forest Studios“. Dort ist ein Teil des Films „Nawalny“ gedreht, der von der Vergiftung des bekanntesten russischen Oppositionspolitikers, Juristen und Gründers der „Stiftung für Korruptionsbekämpfung“ mit dem Nervenkampfstoff „Nowitschok“ erzählt.

Das Flugzeug mit dem vor Schmerzen wimmernden 44-Jährigen war am 20. August 2020 notgelandet, Nawalny in Omsk behandelt und dann in die Berliner Charité verlegt worden, wo er bis September im künstlichen Koma lag.

Bei den Dreharbeiten sind Alexej Nawalny und Markus Vetter Freunde geworden. Foto: Archiv Markus Vetter

Erholt hat er sich danach in Ibach im Schwarzwald mit seiner Frau Julija Nawalnaja und seiner Tochter Daria, hat Esel gefüttert und mit dem bulgarischen Journalisten Christo Grozev und mehreren Medien zusammengearbeitet, um die Rechercheergebnisse zu validieren.

Die Namen der Täter hat der Journalist bald herausgefunden

Grozev hatte bald herausgefunden, wer Nawalny umbringen wollte. Oder vielmehr: wer die Schergen des Auftraggebers waren. Am frühen Morgen des Tages, an dem die Rechercheergebnisse veröffentlicht werden, telefoniert Nawalny mit seinen gescheiterten „Mördern“: „Warum wollten Sie mich töten?“ fragt er einen.

Foto: CNN

Von einem anderen will er wissen, warum es nicht geklappt habe, entlockt ihm mühelos die Details der Vergiftung mit Nowitschok, das in nur einer Moskauer Fabrik hergestellt wird. Der Angerufene gibt arglos alles preis. „Moskau 4“ nennt Nawalny das. Der Begriff stehe für die „Dummheit des Systems“ und sei das Passwort eines russischen Geheimdienstlers gewesen, der mehrfach gehackt worden sei und sein erstes Passwort „Moskau 1“ jedes Mal geändert habe: in Moskau 2, Moskau 3 und eben Moskau 4.

„Nowitschok – das ist wie eine Unterschrift am Tatort“

„Wenn Du jemanden töten willst: Erschieß’ ihn einfach“, ruft Nawalny im Interview aus. Denn Nowitschok – das sei wie eine Unterschrift am Tatort, auch wenn das Gift nach kurzer Zeit nicht mehr nachweisbar sei.

Mit Händen greifbar wird die Spannung bei den Szenen, die am 17. Januar 2021 gedreht wurden: am Tag der Rückkehr des Ehepaares nach Russland. Einem Aberglauben zufolge setzen sich alle vor der Abreise kurz hin. Die Szenen im Flugzeug wechseln sich ab mit Demo-Szenen vor dem Flughafen, wo es landen soll, aber nicht darf. Es wird umgelenkt, Nawalny am Zoll festgenommen. War der Kuss für seine Frau vielleicht der letzte? Niemand weiß es. Denn in sibirischer Lagerhaft geht es dem mutigen Mann derzeit sehr schlecht. Während in Winterlingen der Film läuft, kämpft der 46-Jährige gegen „eine unbekannte Krankheit, die niemand behandelt“, wie sein Anwalt sagt.

Er habe gewusst, dass man ihn einbuchten werde, weiß Markus Vetter. Warum er trotzdem zurückgekehrt sei in sein Heimatland, verrät Nawalny im Film selbst: „Das Böse braucht nur eines zum Sieg: Die Tatenlosigkeit der guten Menschen. Deshalb: Gebt nicht auf!“

Dreharbeiten unter dem Schutz der Polizei

Spannend im Interview mit Evelin Nolle-Rieder sind vor allem Markus Vetters Schilderungen der Umstände, unter denen „Nawalny“ gedreht wurde: „Vor der Haustür stand das Landeskriminalamt und überwachte uns“, so Vetter.

„Wir haben niemandem gesagt, was wir filmen, hatten auch Polizeischutz, aber sehr unauffällig.“ Meist habe die Filmcrew in Hotels übernachtet – mit Ausnahme der Szene in der Miet-Villa, die Nawalny und seine Frau bewohnten. „Weil wir wussten, dass es jetzt losgeht“, sagt er über die frühmorgentlichen Telefonate, in denen Nawalny seinen Attentätern ihr Geständnis entlockte, allen voran Konstantin Kudrjawzew. Vor dessen Tür in Moskau habe zeitgleich ein Team des US-Nachrichtensenders CNN, der „Nawalny“ mitproduziert hat, gewartet: „Falls er flüchtet.“

Markus Vetter (rechts) mit Shane Boris, einem der namentlichen Oskar Gewinner für „Nawalny„ als Produzent Foto: Archiv Vetter

Zur Verleihung des „British Academy Film Awards“ als bester Dokumentarfilm sei Christo Grosev wieder ausgeladen worden. Begründung: Der Investigativjournalist, Helfer Nawalnys, sei als Zielscheibe für dessen Feinde selbst ein Sicherheitsrisiko für die Menschen, unter denen er sich bewege.

Der Film „Nawalny“

Wie kam Markus Vetter zum Team?
 „Odessa Rae fragte, ob ich Zeit habe für ein Interview mit Technik“, sagt Markus Vetter. „Sie könne mir aber nicht sagen, worum es geht, und nicht viel zahlen. Da legt man normalerweise auf – aber es war Pandemie. Ich habe sie dann gegoogelt. Man kennt sie in Hollywood. Als sie mich auch gecheckt hatte, sagte sie mir, worum es geht. Weil ich zehn Jahre mit einer Russin zusammen war, kannte ich die Vorgeschichte gut – das hat mich einfach interessiert.“

Wie kam es überhaupt zum Filmdreh?
 Journalist Christo Grosev, der die Hintergründe des Attentats auf Nawalny recherchiert hat, habe mit Regisseur Daniel Roher und Produzentin Odessa Rae an einem anderen Projekt gearbeitet und ihnen erzählt, dass er morgen zu Nawalny müsse, ihm Rechercheergebnisse bringen, so Vetter. „Odessa Rae sagte: ‘Lass uns mitgehen und einen Film daraus machen!‘“

Zum „forensischen Beweis“
ist Markus Vetters Tonspeicher geworden: Falls es je zu einer Gerichtsverhandlung betreffend den Giftanschlag auf Alexej Nawalny komme, dokumentiere die Aufnahme das Geständnis, das Nawalny selbst den Attentätern am Telefon entlockt hat. Den Film „Ein Palast für Putin“
habe Nawalnys Team zeitgleich zum Filmdreh im Schwarzwald vorbereitet. Er zeigt den 1,1 Milliarden Euro teuren Landsitz, der dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gehören und durch die „größte Bestechung der Geschichte finanziert“ worden sein soll. Veröffentlicht wurde er am Tag nach Nawalnys Rückkehr nach Moskau und seiner Verhaftung.

Einen Film
über Wolodymyr Senlenskyj, den Präsidenten der Ukraine, haben Markus Vetter, Daniel Roher und Kameramann Niki Waltl im vergangenen Jahr gedreht. „Ohne ‘Nawalny‘ wäre das nicht möglich gewesen“, so Vetter.