Der tödliche Unfall in Lahr erhält eine weitere brisante, schier unfassbare Note. Grund ist das Verhalten des mutmaßlichen Verursachers unmittelbar nach den Kollisionen.
Die bekannten Fakten haben auch nach fünf Tagen nicht an Tragik und Schrecken verloren. Es ist kurz vor 15 Uhr am Donnerstag, als ein Lastwagen auf der B 415 Richtung Autobahn fährt. Zeitgleich wollen eine 38-Jährige und ein 37-Jähriger auf dem Fußgängerüberweg beim LGS-Gelände die Fahrbahn queren. Ihre Ampel zeigt Grün, der Lkw hat Rot.
Doch statt anzuhalten, knallt der Mann hinterm Steuer mit seinem tonnenschweren Gefährt gegen einen roten Opel Corsa vor ihm – und überrollt im nächsten Moment Frau und Mann, die wenige Augenblicke zuvor auf die Straße getreten sind. Die beiden, so ist später Polizeibericht und Zeugenaussagen zu entnehmen, haben keine Chance: Sie stirbt sofort, er nach Reanimationsversuchen der herbeigeeilten Ärzte und Rettungssanitäter.
Fahrer machte sich davon
Eine furchtbare Verkettung von Geschehnissen, die der mutmaßliche Unfallverursacher mit seinem folgenden Verhalten noch schlimmer macht: Der 56-Jährige, ein französischer Staatsbürger, stoppt sein Fahrzeug nach den Kollisionen nicht, sondern macht sich davon. Erst eine gute Stunde später wird er im Rahmen einer sofort und groß angelegten Fahndung, bei der auch ein Polizeihubschrauber im Einsatz ist, gestellt.
Unfall-Laster war ein Müllwagen
Nun folgt eine weitere Wendung, die selbst hartgesottene Ermittler mit dem Kopf schütteln lässt. Denn: Nach LZ-Informationen handelte es sich bei dem Unfall-Laster um einen Müllwagen – dessen Fahrer seine Tour in der Folge planmäßig fortsetzte. Er soll Richtung Abfalldeponie auf dem Ringsheimer Kahlenberg gesteuert sein, um dort seine Ladung abzukippen. So als wäre nichts geschehen.
Auf dem Beifahrersitz saß ein Kollege
Was ging im Kopf des Mannes vor? Stand er unter Schock oder hat er ein tiefergehendes medizinisches Leiden, das sein unerklärliches Handeln doch zu erklären vermag? Und: Welche Rolle spielte sein Kollege, der zum Zeitpunkt des Unfalls neben ihm auf dem Beifahrersitz saß? Hat er den Franzosen zur Besinnung gebracht?
Fakt ist, dass die vorläufige Festnahme in der Nähe des Unfallorts erfolgte, wie Polizeisprecher Wolfgang Kramer am Montag auf Nachfrage der LZ erklärte. Der Müllwagen-Fahrer war also zurückgekehrt. Ob aus freien Stücken oder auf Druck von außen – auch das ist eine Frage, die es von den Strafverfolgungsbehörden jetzt zu klären gilt.
Keine Ermittlungen gegen Mitfahrer
Der Vorwurf gegen den Fahrer lautet auf fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung, fahrlässige Gefährdung des Straßenverkehrs und unerlaubtes Entfernen vom Unfallort. Hinweise auf Alkohol- oder Drogenkonsum liegen, wie berichtet, nicht vor. Ebenso wenig ein technischer Defekt am Lkw. Gegen den Mitfahrer wird laut Kramer aktuell nicht ermittelt.
Tote waren ein Liebespaar
Derweil zeugen am Fußgängerüberweg an der B 415 Blumen und Kerzen von der Anteilnahme am Tod der beiden Lahrer. Was viele aufgrund des ähnlichen Alters der Verstorbenen vermuteten, hat sich bewahrheitet: Die zwei waren ein Liebespaar – sie hätten sich an der Hand gehalten, als der Lastwagen sie erfasste, berichteten Zeugen der LZ. (Gemeinsame) Kinder hinterlassen sie laut Freunden nicht.
Die Bestürzung in den Sozialen Medien ist groß: Sowohl Bekannte der Toten als auch völlig Fremde drücken ihren Schock und ihr Mitgefühl aus. Auf der Seite gofundme.com haben ehemalige Klassenkameraden eine Spendenaktion gestartet, um die Familie des verunglückten Mannes bei der Finanzierung der Bestattung zu unterstützen. Zuvor werden die beiden Leichname auf richterliche Anordnung noch obduziert. Das soll, so Kramer, in den nächsten Tagen passieren.
Autoinsassen nicht lebensgefährlich verletzt
Zumindest teilweise Positives zu berichten hat der Polizeisprecher von den beiden Insassen des Opel, den der Mülllaster an den Mast der Fußgängerampel gedrückt hatte. Sie mussten von der Feuerwehr aus dem Auto befreit werden und wurden schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Einer der beiden hat die Klinik mittlerweile wieder verlassen.
Aktuell keine Stellungnahmen
Das betroffene Müllabfuhrunternehmen will sich aktuell nicht zu dem Fall äußern. Auch das Ortenauer Landratsamt, in dessen Auftrag der Laster unterwegs war, schweigt noch - mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen.
Richterin sieht keinen Haftgrund
Der mutmaßliche Unfallverursacher ist, wie berichtet, wieder auf freiem Fuß – und wird es bis zu einem möglichen Prozess wohl auch bleiben. Die zuständige Ermittlungsrichterin sah bei dem 56-Jährigen, der einen festen Wohnsitz in Frankreich hat, offenbar keinen Haftgrund. Als solche nennt die Strafprozessordnung unter anderem Verdunkelungs-, Flucht- und Wiederholungsgefahr.