Wangen feiert mit Blick zum Tatort. Foto: sichtlich mensch/Andy Reiner

Ein Polizist ist schwer verletzt, ein junger Straftäter tot. Zwei Tage später feiert der Musikverein Wangen an gleicher Stelle sein jährliches Musikfest. Wie passt das zusammen?

Das Absperrband ist verschwunden. Das Einschussloch im Fenster verdeckt der heruntergelassene Rollladen. Nichts deutet mehr auf den Polizeieinsatz hin, bei dem am Donnerstag in der Ortsmitte von Wangen (Kreis Göppingen) bei einer Festnahme ein Polizist schwer verletzt und ein 27-jähriger Mann aus Afghanistan getötet wurde. Die Menschen streben dem Pfarrbergfest zu, das der Musikverein Wangen in Sichtweite zum Tatort aufgebaut hat. Mit welchen Gefühlen sie dort hingehen? Als ein älterer Herr auf die Journalisten-Frage antworten will, zischt seine Frau dazwischen. „Wir gehen nur zum Essen“, sagt sie.

 

Das Pfarrbergfest hat Tradition in Wangen, gefeiert seit 1981. Nur das Waldfest der Feuerwehr könne mithalten, „aber da regnet es immer“, sagt einer. Am Samstag strahlt die Abendsonne, und „Die Sonne geht auf“ ist das erste Stück, das Dirigent Roland Ströhm auflegen lässt. Es folgt eine zweite Polka. Die 70 Musiker wollen gute Laune verbreiten.

„Das Leben geht weiter“, sagt ein Besucher

Man habe in den vergangenen zwei Tagen viel diskutiert, wie man mit dem Ereignis umgehe, sagt der Vereinsvorsitzende und Posaunist Uli Heuschkel in einer kurzen Ansprache. Gegenüber den Medien musste er immer wieder die eigene Haltung rechtfertigen. Kann man ein Fest feiern in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Haus, das eben noch ein Tatort war? Intern sei es nie in Frage gestanden, dass man so feiere wie immer: an derselben Stelle und mit dem üblichen Programm. Für 7000 Euro hat der Verein Ware bestellt. Es gibt rote Wurst, Musikburger und Steaks vom örtlichen Metzger, dazu Bier vom Fass. „Wir haben uns entschlossen, mit Normalität zu antworten“, sagt Heuschkel und erntet Applaus. „Verarbeiten Sie das Ereignis auf Ihre Art und Weise.“ Die Kapelle spielt ein Medley mit Hits von Bryan Adams.

Nach einer Stunde sind die meisten Plätze unter Sonnenschirmen und Linden schon besetzt. Später füllen sich auch die übrigen Tischreihen. Klar sei das Ereignis im Hinterkopf, sagt ein 72-Jähriger. Von vielen Plätzen könne man direkt auf das Haus blicken. Dort hatte der 27-Jährige mit einem Messer seine Festnahme vereiteln wollen. Die Polizei erschoss den Angreifer. „Ich finde es gut, dass das Fest trotzdem stattfindet“, sagt Jochen Wonka (56). „Das Leben geht weiter.“

Auch Dieter Hundt gönnt sich eine Currywurst

An vielen Tischen wird diskutiert – nicht den ganzen Abend, aber immer wieder. Früher habe man solche Gewalttaten aus Großstädten gekannt, seit einiger Zeit geschähen sie auch in Göppingen – ein Bandenkrieg. „Und jetzt haben wir so etwas hier in Wangen“, sagt Bettina Eggert (58). Dabei sei der Ort mit seinen 3500 Einwohnern doch eine heile Welt. „Wir dürfen uns von solchen Menschen, die unsere Werte beschädigen wollen, nicht die Tagesordnung diktieren lassen“, sagt Dieter Hundt. Der einstige Arbeitgeberpräsident, der seit vielen Jahrzehnten in Wangen lebt, sitzt mit seiner Frau an einem der Biertische, isst Pommes und Currywurst. Jedes Jahr kämen sie zu dem Fest, sagt Christina Hundt.

Andererseits: Wenn der Polizist gestorben wäre, dann würde man hier jetzt gewiss nicht feiern, räumt ein 62-jähriger Festbesucher ein. „Das wäre pietätlos. Das ist einfach so.“ Jeder weiß das. „Dann würden da drüben Kerzen und Blumen stehen“, meint Christina Geyer (47). Ein komisches Gefühl sei das schon. Letztlich sei ein Mensch gestorben – auch wenn der junge Afghane das selbst zu verantworten habe.

Gebete für den verletzten Polizisten

Am Sonntag versucht Pfarrer Johannes Wahl beim ökumenischen Gottesdienst auf dem Festgelände den Gefühlen Raum zu geben. Er betet für den verletzten Polizisten, aber gedenkt auch des toten Asylbewerbers. Ein Fest könne dabei helfen, aus der Schockstarre zu finden. „Die Gemeinschaft trägt. Es ist gut, wenn die Menschen reden können.“

Die direkten Mitbewohner des Toten hat das Landratsamt kurzfristig in anderen Notunterkünften untergebracht. In den übrigen Wohnungen des Hauses stehen die Fenster wegen der Hitze sperrangelweit offen. Die Kapelle spielt den Fliegermarsch.