Klara Stingel präsentiert ein Erinnerungsstück der besonderen Art: Die kunstvollen Blumen im Bilderrahmen sind aus den Haaren einer verstorbenen Frau gefertigt. Diese Haarbilder waren besonders im 18. und 19. Jahrhundert verbreitet. Das Bild ist Teil einer Sonderausstellung im Museum in Meßstetten zum Thema Sterben, welche die Museumsleiterin Klara Stingel organisiert hat. Die weiße Maske links im Bild zeigt das Gesicht einer toten Frau. Foto: Julia Gonser

Das Thema Tod findet in der modernen Gesellschaft nur wenig Gehör. Klara Stingel möchte das ändern und hat eine Sonderausstellung organisiert zum Thema „Sterben, gestern und heute“.

Ein schwarzes Kleid hängt an der Wand. „Ein Trauerkleid“, erklärt Klara Stingel. „Frauen hatten früher ein einziges Kleid, das sie zur Hochzeit, auf Beerdigungen und in den Gottesdienst trugen.“ Klara Stingel leitet seit zwei Jahren das Museum für Volkskunst in Meßstetten und ist Kuratorin der aktuellen Sonderausstellung zum Thema Sterben und Tod. Die zentrale Frage: Haben wir verlernt zu sterben?

 

Besucher machen einen Gang durch die Geschichte

Die Ausstellung erstreckt sich über drei Stockwerke. Die Besuchenden werden einmal durch die Geschichte geleitet. Wie sah Sterben vor 100 Jahren aus? „Alles war klar geregelt“, sagt Stingel. Der Pfarrer kam in den letzten Stunden, um den Sterbesegen zu sprechen. Anschließend wurde der Verstorbene von zu Hause abgeholt und in einem Erdgrab bestattet. Für die Frauen folgte ein strenges Kleiderprotokoll: Ein Jahr lang durften sie nur noch Schwarz tragen. Sogar ein schwarz gefärbtes Kaffee-Service steht in einer Vitrine.

„Ich hatte nicht geplant, dass die Ausstellung so groß wird“, sagt die 71-jährige Museumsleiterin. Ihre eigenen Berührungsängste hielten sie anfangs davon ab, zu tief in die Thematik einzutauchen. Immer wieder tauschte sie sich mit Experten aus, besuchte ein Bestattungsinstitut und machte einen Kurs zur Sterbebegleitung. Unterstützung bekam sie unter anderem von Sandra Neher-Keller, die sich als Abschiedsbegleiterin selbstständig gemacht hat und Sterbenden und deren Angehörigen hilft. Sie brachte Stingel dazu, ihre Berührungsängste zu überwinden und sich dem Thema ganz zu öffnen.

Lange Zeit war es eine Frage des Geldes, wer sich eine eigene Beerdigung überhaupt leisten konnte. Noch im 18. Jahrhundert wurden arme Menschen in anonymen Massengräbern bestattet. „Wenn die Gräber voll waren, wurden die Gebeine ausgegraben und in Gebeinhäusern gesammelt“, erzählt die Museumsleiterin.

Je weiter man sich in der Ausstellung vorwärtsbewegt, desto deutlicher wird, wie sehr sich die Bestattungskultur verändert hat. Das düstere Schwarz der vergangenen Jahrhunderte wird von immer mehr Farben abgelöst. „Rund 80 Prozent der Verstorbenen werden inzwischen kremiert. In den Siebzigerjahren war es noch andersherum“, sagt Stingel und bleibt vor einer Vitrine mit Urnen stehen. „Manche Urnen können auch selbst gestaltet werden“, sagt sie und zeigt auf eine schlichte Variante, der eine Art Bastelset beiliegt.

Sterben ist nicht länger ein starres Ritual. Die individuellen Bedürfnisse klar im Vordergrund. „Es geht dabei immer um die Würde des Menschen“, betont Stingel. Während ihrer Recherche befasste sie sich auch mit palliativer Sterbebegleitung. Flyer informieren über die verschiedenen Möglichkeiten des Sterbens: Zuhause? Im Hospiz?

„Anfang des 20. Jahrhunderts war es noch ganz normal, dass Menschen in ihrem Zuhause gestorben sind“, sagt Stingel. Weil die Wohnungen in den Städten immer kleiner wurden, konnten die Verstorbenen nicht mehr zu Hause aufgebahrt werden und kamen in Leichenhallen auf Friedhöfen. Hinzu kam, dass Krankenhäuser einen immer wichtigeren Stellenwert bekamen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es nicht mehr üblich, zu Hause zu sterben. Die Folge: Der Tod wurde ins Abseits gedrängt, entwickelte sich zu einem Tabu, über das keiner mehr sprach.

Klara Stingel hat sich ein großes Netzwerk aufgebaut, das ihr bei der Realisierung der Ausstellung geholfen hat. In einer Vitrine liegt die Totenmaske einer Frau. Ein Bekannter hat sie Stingel zur Verfügung gestellt. Es hat fast etwas Intimes, in das Gesicht der verstorbenen Frau zu schauen, das für die Ewigkeit festgehalten wurde. „Jede Führung ist anders, weil immer wieder andere Gesprächsthemen aufkommen“, sagt Stingel. Teilweise bringen die Besucher eigene Impulse ein oder teilen ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Tod. Die Ausstellung endet im Erdgeschoss mit einer Passionslandschaft. Auf einem großen Tisch ist eine felsige Landschaft dargestellt. Detailreiche Figuren erzählen die verschiedenen Kapitel der Ostergeschichte. „Ich wollte die Ausstellung mit etwas Hoffnungsvollem enden lassen“, sagt Stingel. Die Figuren stammen von der italienischen Künstlerin Angela Tripi. Albert Mauz hat die Landschaft gebaut und die Figuren in Szene gesetzt.

Intensive Präsentation

Die Ausstellung ist intensiv, geht einem unter die Haut und bringt Gedanken ins Rollen, die zuvor noch gar nicht da waren. Sie zeigt: Der Tod ist nicht nur schwarz – er ist eine ganze Palette an Farben, aus denen wir auswählen dürfen. Und was sagt Klara Stingel: Haben wir verlernt zu sterben? „Wir lernen es gerade wieder.“

Sterbekultur – gestern und heute:
 Ergänzend zur Sonderausstellung gibt es auch Vorträge. Am Donnerstag, 16. April, von 18 Uhr an wird es um das Thema Sternenkinder gehen. Dem Film „Kommen-Gehen-Bleiben“ schließt sich ein Gespräch mit Bestatterin Xenia Krämer an. Am Samstag, 18. April, von 18 Uhr an wird Tierbestatterin Ellen Weinmann einen Vortrag halten. Am Sonntag, 19. April, endet die Sonderausstellung.

Das Museum
 hat geöffnet: sonntags und donnerstags ab 16 Uhr sowie nach Vereinbarung mit der Leiterin unter Klara.Stingel@museum-messstetten.de oder telefonisch: 07431/63 49-0.