Am Offenburger Bahnhof ist das Unsicherheitsgefühl oft höher. „No-go-Areas“ gibt es laut Polizei in der Ortenau aber nicht (Archivfoto). Foto: Achnitz

Wird man Zeuge, wenn andere in der Öffentlichkeit bedroht werden, ist Zivilcourage gefragt. Aber wie sieht richtiges Handeln aus? Das Polizeipräsidium Offenburg hat Tipps.

Es kann theoretisch jeden treffen: Eine Alltagssituation in der Öffentlichkeit wird plötzlich bedrohlich. Entweder gerät man selbst ins Visier oder Mitmenschen werden angegangen – und brauchen Hilfe. Aber wie sieht die richtige Reaktion aus, ohne sich selbst zu gefährden? Wir haben beim Polizeipräsidium Offenburg nachgefragt.

 

Immer wieder berichten die Beamten in Pressemitteilungen von Situationen, bei denen Mitmenschen in der Öffentlichkeit bedroht oder angegangen werden. Erfreulich: Immer wieder greifen Passanten ein und kommen zu Hilfe.

Einen solchen Fall schilderten die Einsatzkräfte etwa am 16. Januar. Ein polizeibekannter 30-Jähriger war in Richtung der Offenburger Stadtmitte unterwegs und schlug auf haltende Autos ein. Eine betroffene Fahrerin stieg aus und stellte den Mann zu Rede. Dieser habe sich dann bedrohlich und aggressiv vor ihr aufgebaut, schildert die Polizei. Ein vorbeilaufendes junges Paar bemerkte die angespannte Situation und schritt ein. Während die junge Frau weitere Passanten um Hilfe bat, ging ihr Partner zu der Autofahrerin. Gemeinsam sei es gelungen, den Aggressor zum Weitergehen zu bewegen. Für die Offenburger Beamten ein Musterbeispiel. „Ein sehr besonnenes und couragiertes Verhalten“, so das Resümee des Präsidiums.

Manchmal reicht schon lautes Sprechen

Rüdiger Schaupp, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Offenburg, verweist im Gespräch mit unserer Redaktion auf allgemeine Empfehlungen der Beamten. Das Programm Polizeiliche Kriminalprävention hat „sechs Regeln für Zivilcourage“ formuliert. „Hilf, aber bring dich nicht in Gefahr“, „Ruf die Polizei unter 110“, „Bitte andere um Mithilfe“, „Präg dir Tätermerkmale ein“, „Kümmer dich um Opfer“ und „sage als Zeuge aus“. Bei der ersten Regel, zu Helfen, appelliert die Polizei besonders, sich nicht selbst in Gefahr zu begeben und die eigene Gesundheit nicht aufs Spiel zu setzen. „Manchmal sind die Täter offensichtlich stärker und zu jeder Art von Gewalt bereit. Achte auf räumliche Distanz zum Täter“, so die Polizei. Manchmal reiche schon lautes Sprechen, um einen Täter einzuschüchtern oder von der Tat abzuhalten.

Insgesamt, so Polizeipräsident Jürgen Rieger in einer Mitteilung, würden die Daten der jüngsten polizeilichen Kriminalstatistik keinen Anlass zur Beunruhigung geben. Er fügte jedoch an: „Wir müssen uns zusammen mit den Kommunen verstärkt um die Verbesserung der subjektive Sicherheit kümmern.“ Die subjektive Wirkung mancher Orte auf Menschen sei immer individuell, weiß auch Rüdiger Schaupp.

Keine „No-go-Areas“ in der Ortenau

Auf die Frage, ob es im Zuständigkeitsbereich des Präsidiums öffentliche Orte gibt, in denen Menschen häufiger Bedrohungen ausgesetzt sind oder davon Zeuge werden, antwortet er: „Nein, wir haben keine Kriminalitätsschwerpunkte oder sogenannte ,No-go-Areas’, wo man Gefahr läuft, häufiger bedroht, angegriffen oder überfallen zu werden.“

Die Statistik lasse keine Rückschlüsse zu, wie oft es vorkommt, dass Menschen, die anderen in bedrohlichen Situationen zu Hilfe kommen, selbst Opfer werden. „Zivilcourage ist bei uns kein separat ausgewiesener Begriff in der polizeilichen Kriminalstatistik“, erklärt Schaupp.

Allerdings: „Aus unserer kriminalistischen Erfahrungen heraus kann gesagt werden, dass der Übergriff auf einen Helfer eine absolute Seltenheit darstellt.“ Schaupp verweist dabei wieder auf eine der „Regeln“: Zivilcourage bedeute in erster Linie zu helfen, aber sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. So registrierten die Beamten auch Fälle, wo die Helfer einen Notruf absetzten, der Täter dies mitbekam und aufgrund seines Entdeckungsrisikos von der Tat abließ.

Aber wird bedrohten Mitmenschen auch oft zu Hilfe gekommen? Mitbürger kämen in der Regel bei Verkehrsunfällen mit Verletzten zu Hilfe, so Schaupp. „Aber auch bei gestürzten Senioren, hilflosen Personen und Kindern haben wir hier viele Helfer“, fügt er an. Bei Delikten mit Gewaltanwendungen oder körperlichen Auseinandersetzungen ist diese Bereitschaft der Einschätzung des Präsidiums nach aber geringer. Möglicherweise wegen der jeweiligen Risikoabwägung, so Schaupp.

Das Sicherheitsgefühl

Offenburg startete 2024 eine große Sicherheitsbefragung. Dabei ging es um die Zufriedenheit und das Sicherheitsgefühl der Einwohner. Ein Ergebnis: Die Kriminalitätsfurcht – also die Angst davor, Opfer einer Straftat zu werden – ist besonders in den Bereichen Innenstadt und Bahnhof hoch.