Tipps für Nierenkranke Spargel trotz Nierenleiden – wie viel ist noch gesund?

Regine Warth
Worauf Nierenkranke beim Genuss von Spargel achten müssen. Foto: Sebastian Ruckaberle

Wer ein Nierenleiden hat, sollte beim Essen von zu viel Kalium aufpassen. Doch muss daher auf Spargel verzichtet werden? Das sagen Ernährungsexperten aus Stuttgart.

Spargel hat das Zeug zu einer besonders gesunden Mahlzeit: Das Gemüse ist nicht nur reich an Vitaminen, sondern auch arm an Kalorien. Doch gerade Menschen, die eine eingeschränkte Nierenfunktion haben, wird vom Verzehr im Allgemeinen abgeraten. Aber ist der Verzicht wirklich notwendig? Der Ernährungsmediziner und Nephrologe Sebastian Maus und die Ernährungsberaterin Monika Müller vom Marienhospital Stuttgart geben Tipps, wie Risikogruppen die Spargelzeit genießen können und welche Lebensmittel schädlicher für die Nieren sind.

 

Wie sehr beeinflusst das, was wir essen und trinken unsere Nierengesundheit?

Tatsächlich hat die Ernährung einen großen Einfluss auf die Nierengesundheit, bestätigt der Nephrologe Sebastian Maus. Denn die Nieren filtern als sogenannte „Entgiftungsorgane“ alle aufgenommenen Bestandteile der Nahrung. Demnach entscheidet der Lebensstil auch maßgeblich darüber, ob die Nieren gesund bleiben oder geschädigt werden. Eine angepasste Ernährung könne das Fortschreiten chronischer Nierenerkrankungen verlangsamen und das Wohlbefinden verbessern, so der Leitende Arzt des Schwerpunkts Nephrologie der Klinik für Innere Medizin am Marienhospital Stuttgart.

Es ist Spargelzeit – müssen sich Nierenkranke nun besonders in Zurückhaltung üben?

Das kommt darauf an, wie stark die Niere erkrankt ist. Schätzungen zufolge sind hierzulande etwa fünf bis zehn Prozent der Bundesbürger von einer chronischen Nierenkrankheit betroffen, davon sind rund 100.000 auf eine regelmäßige Dialyse angewiesen. Letztere müssen stärker auf ihre Ernährung achten, um die Niere nicht zusätzlich zu belasten. Dennoch müssen Nierenkranke nicht unbedingt komplett auf Spargel verzichten – trotz des moderaten Kalium- und Puringehalts, so Sebastian Maus.

Sebastian Maus ist nicht nur Nierenexperte, sondern auch Ernährungsmediziner. Foto: Christine Traber/Marienhospital Stuttgart

Das bestätigt auch die Ernährungsberaterin Monika Müller: „In frühen Stadien ist eine moderate Portion Spargel unproblematisch“, sagt sie. Eine Portion Spargel von 200 Gramm, dazu etwa 100 Gramm Fisch oder Fleisch und eine Sauce Hollandaise sowie 150 Gramm Kartoffeln. Bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz oder Dialyse wird der Kaliumgehalt meist reduziert, sagt Müller. „Da Kartoffeln kaliumreich sind, eignen sich als alternative Beilage zu den Spargeln auch Weichweizen, Pfannkuchen oder Bulgur.“ Auch ein Nudelsalat mit grünem Spargel und Mozzarella kann sehr schmackhaft sein.

Welche Lebensmittel sind für die Niere besonders schädlich?

Es sind vor allem stark verarbeitete Lebensmittel, die eine Herausforderung für die Nieren darstellen, sagt die Ernährungsexpertin Monika Müller. Damit ist nicht allein die klassische Tiefkühlpizza gemeint, sondern auch Alltagsprodukte wie Wurst oder vermeintlich gesunde Alternativen wie das Veggie-Schnitzel oder der Rahmspinat aus dem Tiefkühlfach.

Was ist an dieser Auswahl so problematisch?

Bei fertig verarbeiteten Produkten ist häufig der Salz- und Fettgehalt sehr hoch, sagt Monika Müller. Ein hoher Salzkonsum steigert den Blutdruck, was wiederum als Risikofaktor für Bluthochdruck gilt. Ein hoher Fettgehalt fördert die Entwicklung von Übergewicht und Diabetes, was ebenfalls der Niere schadet. „Es ist kein Problem, bei einer Mahlzeit ein- bis zweimal pro Woche auf stark verarbeitete Produkte zurückzugreifen“, sagt Müller. An den restlichen Tagen solle man sich angewöhnen, das Essen selbst zuzubereiten – und zwar mit frischen, möglichst unverarbeiteten Lebensmitteln. Muss es mal schnell gehen, kann naturbelassenes, fertig geputztes Tiefkühlgemüse eine gute Alternative sein. Auch Backofengerichte oder One-Pot-Gerichte sind praktisch, da sie das Garen ohne Aufsicht zulassen.

Monika Müller leitet die Diätschule sowie die Ernährungs- und Diätberatung am Marienhospital Stuttgart. Foto: Christine Traber/Marienhospital Stuttgart

Trinkmahlzeiten mit hohem Proteingehalt sind im Trend: Sie gelten als sättigend und versprechen schnelle Abnehmerfolge. Aber kann der hohe Eiweißgehalt solcher Produkte der Niere schaden?

Wie stark der hohe Eiweißgehalt solcher Produkte die Niere belasten können, ist unklar. Es gebe dazu noch keine aussagekräftige Studien, weil die Produkte noch zu kurz auf dem Markt sind, um langfristige gesundheitliche Folgen aufzuzeigen, erklärt der Nephrologe Sebastian Maus. Statt zu solchen Fertigprodukten zu greifen, rät die Ernährungsexpertin Müller zu pflanzlichen proteinhaltige Lebensmitteln wie etwa Hülsenfrüchte. Diese enthalten zusätzlich auch Ballaststoffe, die sättigend wirken und den Blutzuckerspiegel nicht so schnell erhöhen. Auch ein Hühnerei ist eiweißreich. Davon können Nierenerkrankte bis zu drei Stück pro Woche verzehren.

Viele argumentieren, sie haben oft keine Zeit, abends noch für die Familie zu kochen. Wie begegnen Ernährungsexperten diesem Argument?

Wer sich ausgewogen ernähren möchte, muss sich mit dem, was zuhause auf den Tisch kommt, erst einmal auseinandersetzen. Die Ernährungsberaterin Monika Müller empfiehlt gerade Menschen mit Nierenerkrankungen eine individuelle Ernährungsberatung von einer qualifizierten Ernährungsfachkraft in Anspruch zu nehmen. „Einige Einrichtungen bieten zur Eingewöhnung einen Kochkurs an, in der leichte, alltagstaugliche Rezepte gezeigt werden“, sagt sie. Auch ein Kochplan für die Woche kann am Anfang helfen, zeitsparend Essen für mehrere Tage vorzubereiten. „Vieles lässt sich mit ein bisschen Übung schon im Voraus zubereiten“, sagt Monika Müller. Gibt es zum Beispiel gebratenes Hähnchen mit Gemüse und Weichweizen, können daraus zwei Essen entstehen: Die eine Portion wird warm gegessen, die zweite Portion wird für den Folgetag vorbereitet. „Hierfür das Fleisch klein schneiden und mit dem Gemüse sowie dem Weichweizen über Nacht in Zitronensaft, Olivenöl, Pfeffer, Kräuter und Jodsalz marinieren. Fertig ist der sommerliche Salat für die nächste gesunde Mahlzeit.

Ein typischer Gesundheitstipp lautet: Möglichst viel trinken, das spült die Niere. Stimmt die Binse?

Die meisten Menschen können durchaus trinken, so viel sie möchten. Bei Nierenerkrankungen muss – je nach Schwere der Erkrankung – die Trinkmenge angepasst werden, sagt der Nephrologe Sebastian Maus. Im Anfangsstadium kann ein Trinkprotokoll hilfreich sein, um sich die Mengen einzuteilen. Hierfür gibt es kostenlose Apps, die zum Trinken animieren oder einen auch daran erinnern können. Bei weiter fortschreitender Erkrankung können bei einer Flüssigkeitseinschränkung saure Fruchtdrops, eine kleine Portion Fruchtsorbet oder Mundsprays helfen, um den Speichelfluss anzuregen, den Mund feucht zu halten und das Durstgefühl einzudämmen“, ergänzt Monika Müller.

Welche Trinkmengen gelten für gesunde Menschen?

Etwa 1,5 Liter Flüssigkeit pro Tag sind für den menschlichen Organismus nötig. Dazu gehört nicht nur das Trinken. Flüssigkeiten können auch über Nahrungsmittel wie Obst und Gemüse oder Joghurt aufgenommen werden. Als Faustregel für einen gesunden Erwachsenen bis 50 Jahre gilt: 35 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Bei älteren Menschen reduziert sich die Menge auf 30 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Von dieser Menge werden 750 Milliliter aufgrund der Nahrung abgezogen. Was jetzt noch übrig bleibt, ist das Mindestmaß an Trinkmenge, die man täglich zu sich nehmen sollte.

Welche Küche ist besonders nierenfreundlich?

Die mediterrane Kost gilt als besonders gesund und zeigt in vielen Studien positive Effekte auf die Vorbeugung von Krankheiten, sagt Monika Müller. Sie setzt sich aus frischen und möglichst unverarbeiteten Lebensmitteln zusammen. Die Basis bilden Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, Vollkornprodukte, Obst, Salate, Fisch und Meeresfrüchte sowie kalt gepresstes Olivenöl. Gewürzt wird vor allem mit mediterranen Kräutern und wenig Salz. Mahlzeiten aus diesen Zutaten wirken sich positiv auf Risikofaktoren aus, wie Übergewicht, Bluthochdruck sowie erhöhte Blutzucker- und Blutfettwerte, ergänzt der Nephrologe Maus. Auf diese Weise schütze man sich nicht nur vor Nierenerkrankungen, sondern auch vor Herz- und Gefäßkrankheiten.

Ernährungstipps für Nierenkranke

Ansprechpartner
Es gibt viele Suchportale für Ernährungsfachkräfte, die Menschen mit Nierenerkrankungen oder anderen Patienten bei der Umstellung ihrer Ernährung begleiten können. Dazu gehört die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), www.dge.de/ernaehrungsberatung, sowie der Verband für Ernährung und Diätik (VFED), www.vfed.de/fachkraefte-suche.