Tinnitus-Forschung Neue Hoffnung gegen das lästige Piepsen im Ohr?

Nina Ayerle
Tinnitus ist eine große Belastung für Betroffene. Foto: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle

Die Tübinger Forscherin Marlies Knipper ist optimistisch: Ein neues Messverfahren soll die Ursachen von Tinnitus endlich klären. Das könnte den Weg für wirksame Behandlungen ebnen.

Tinnitus zählt zu den häufigsten chronischen Beschwerden – doch über die genauen Ursachen wird bis heute gestritten. Die Tübinger Professorin Marlies Knipper forscht seit Jahren an der Entstehung des Phantom-Tons und hat ein Verfahren entwickelt, das erstmals objektive Messungen ermöglichen soll. Im Interview erklärt sie, warum Stress eine Rolle spielt, aber nicht die Hauptursache ist. Und weshalb Therapien bisher kaum wirken.

 

Frau Professorin Knipper, Tinnitus betrifft Millionen Menschen in Deutschland. Oft hört man, Verspannungen im Kiefer oder in der Halswirbelsäule lösten die Töne im Ohr aus. Welche neuen Erkenntnisse gibt es zu Tinnitus?

Die Ursache von Tinnitus ist bis heute umstritten. Meine Kollegen und ich haben Hinweise darauf, dass die Ursache im Innenohr liegt – und das beruht auf fast 30 Jahren tierexperimenteller und mittlerweile acht, neun Jahren humaner Forschung. Wir vermuten, dass eine bestimmte Hörnervenfaser im Ohr eine Schwäche aufweist. Diese Faser ist dafür zuständig, wie wir ‚Stille’ wahrnehmen. Das würde bedeuten, dass der Ursprung des Tinnitus zunächst direkt im Ohr selbst liegt und nicht im Gehirn. Wir haben auch Evidenzen dafür, dass das Gehirn – etwa über Stress – auf diese Faser zurückwirken kann. Beides spielt also zusammen. Auf die Frage, ob Kiefer oder Halswirbelsäule beteiligt sind, kann man sagen: Nein, nicht als primäre Ursache.

Ich habe selbst einen Tinnitus, lange Zeit sehr leise. Früher sagten HNO-Ärzte, das komme von einer Fehlhaltung der Halswirbelsäule. Ich habe mich irgendwann daran gewöhnt. Aber als ich Corona bekam, wurde es deutlich schlimmer. Das Ohr ging zu – und blieb es auch.

Das passt total. Wir glauben, dass uns mit unserer Forschung nun ein kleiner Durchbruch gelungen ist. Wir nutzen dafür eine neue, sehr empfindliche Methode, die uns erlaubt, kleinste Veränderungen in der Gehirnaktivität zu messen und sogar sichtbar zu machen. Wenn wir Tinnitus-Patienten mit Gesunden vergleichen, sehen wir klare Unterschiede in diesen Gehirnaktivitäten.

Marlies Knipper arbeitet am Universitätsklinikum Tübingen in der Gehörforschung. Foto: Gudrun de Maddalena/Uni Tübingen

Was ist das Besondere daran genau?

Es ist das erste Mal, dass wir objektiv messen können, welche Therapien wirklich die Ursache des Tinnitus bekämpfen könnten. Unsere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass bei Tinnitus-Betroffenen die Stresszentren im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten sind. Das passiert, weil nach einer anfänglichen Schwäche der Hörnervenfasern die internen Schaltkreise im Gehirn anders reagieren. Wenn Ihr Tinnitus zum Beispiel nach einer Entzündung entstanden ist, könnten wir unabhängig von der Entzündung Ihren Tinnitus an kortikalen Veränderungen nachweisen.

Das klingt vielversprechend.

Wir denken, dass bisher keine erfolgreiche Therapie existiert, weil sich die Forschung uneinig über die Ursache von Tinnitus ist. Wenn wir aber objektiv messen könnten, woran man Tinnitus diagnostisch erkennt, können wir Therapien überprüfen und optimieren.

Viele Betroffene empfinden Tinnitus als enorme Belastung. Welche Behandlungsansätze gelten heute als wirksam – und wo liegen die Grenzen?

Die Stimulation des Hörorgans ist sinnvoll – etwa durch ein Hörgerät oder sogenannte Rauschgeneratoren. Ein Hörschaden muss dafür gar nicht vorliegen. Kombiniert man das mit kognitivem Training oder stressreduzierenden Maßnahmen, ist das vorläufig schon optimal.

Früher bekam man bei Tinnitus Kortison und Infusionen. Heute wird dies von vielen HNO-Ärzten kritisch gesehen.

Kortison kann in der akuten Phase sinnvoll sein, weil es entzündungshemmend wirkt und an Stressrezeptoren bindet. Für akute, entzündungsbedingte Formen des Tinnitus ist Kortison somit vernünftig. Viele sagen, Tinnitus sei sehr individuell. Wir glauben, dass es immer dasselbe Phänomen ist.

Welches Phänomen ist das?

Das Hören eines Tons ohne äußeren Reiz. Es gibt einen Tinnitus-induzierenden Schaltkreis, der vermutlich mit einer Schwäche einer inneren Haarzelle in unserem Innenohr beginnt und sich dann bis in höchste Hirnregionen fortpflanzt und von dort negativ zurück ins Ohr wirkt. In Frequenzregionen mit solchen Reizübertragungsschwächen der inneren Haarzellen kann ein ‚Rauschen’, das nun immer im Gehirn existiert nicht mehr aktiv unterdrückt werden. Wir empfinden unsere ‚Stille’ nur, weil dieses Rauschen immer aktiv durch unsere Zellen im Innenohr unterdrückt wird. Fällt diese aktive Unterdrückung aus, hören wir nicht nur einen Ton ohne Ton von außen, sondern verlieren auch unser Stressgleichgewicht. Faktoren wie Lärm, Stress, Trauma oder Entzündungen können die Auslöser für eine Schädigung dieser so wichtigen neuronalen Verknüpfungen der inneren Haarzelle sein.

Viele Therapeuten und Ärzte sagen, Tinnitus sei eine reine Stressfolge.

Nein. Stress kann ein Mitfaktor sein, ist aber nicht der Auslöser. Das Risiko, Tinnitus zu entwickeln, steigt bei Stress, aber Stress ist nicht die Ursache. Wenn man Diabetes verstehen will, muss man auch die primäre Ursache betrachten – nämlich den Insulinmangel. Genau das fehlt in der Forschung zu Tinnitus. Wir hoffen, dass sich die Forschung bald auf eine primäre Ursache einigen kann. Unser Verfahren könnte das ermöglichen, weil es objektive Messwerte liefert. Dann kann man verschiedene Therapieansätze vergleichen und gemeinsam testen.

Sie sind optimistisch, dass eine ursächliche Therapie irgendwann möglich ist?

Ja. Viele halten das für weit entfernt, ich nicht. Wenn die Forschung zusammenarbeitet und der kommerzielle Druck in den Hintergrund rückt, kann das gelingen.

Für Betroffene ist es am Anfang oft schlimm, weil man denkt, das bleibt jetzt so.

Das verstehe ich. Aber wir wissen, dass der Tinnitus bei vielen im Laufe der Zeit leiser wird. Das Gehirn lernt, den Ton zu filtern. Nur wenn Hyperakusis dazukommt, also eine krankhafte Geräuschüberempfindlichkeit, bleibt die Belastung groß.

Manche Betroffene probieren ja alles – Zahnschienen, Physiotherapie, sogar Botox im Kiefer.

Ja, das ist sehr verbreitet. In Bayern arbeiten einige Gruppen daran, den Trigeminusnerv zu beeinflussen, weil er mit dem Hörsystem verbunden ist. Manche sagen, das erhöhe die Aktivität im Gehirn, andere meinen, es senke sie. Solange die genaue Ursache nicht bekannt ist, bleibt das spekulativ. Dass es bei Einzelnen hilft, widerspricht unseren Befunden nicht – aber es ist Zufall, keine kausale Behandlung. Wir sehen viele verantwortungslose Angebote, die mit der Verzweiflung der Betroffenen spielen.

Viele raten zu Stressabbau. Welche Angebote sind denn hilfreich?

Das ist durchaus ein wichtiger Teil. Stressreduktion, Achtsamkeit, Yoga – all das kann helfen.

Welche Therapien sehen Sie in Zukunft?

Wir hoffen, dass zeitnah objektive Verfahren, an denen man Tinnitus erkennen kann, in jeder HNO-Praxis verfügbar sein werden. Mit diesen könnte man prüfen, ob wir zum Beispiel über bessere Hörgeräte eine Stimulation der eventuell geschwächten inneren Haarzellen erreichen und Betroffenen Erleichterung verschaffen können. Krankenkassen sollten zusammen mit Hörakustikern, HNO-Ärzten und Forschern an einem Therapieansatz arbeiten. Wir versuchen, ein solches Projekt gerade anzuschieben.

Krankenkassen bieten ja auch Training mittels Apps an, um das Hören der Ohrgeräusche quasi zu verlernen. Wie wirksam sind diese?

Solche Programme sind nicht schlecht, weil sie die Aufmerksamkeit umlenken. Das ist im Grunde kognitives Training: Man lernt, das Geräusch nicht ständig wahrzunehmen, und reduziert die Stressbelastung.

Bei vielen wird das Piepsen ausgerechnet nach dem Sport erst einmal extrem laut.

Das hören wir oft. Das Ohr ist ein energieabhängiges Organ. Wenn man sich körperlich stark verausgabt, könnten die Schaltstellen zwischen unseren Nerven, über die Informationen weitergegeben werden, müde werden. Dann wird die Übertragung langsamer oder ungenauer. Aber das ist zur Zeit reine Spekulation.

Bedeutet das, man sollte weniger Sport machen?

Nein, keineswegs. Bewegung ist grundsätzlich positiv, weil sie Energie zuführt. Nur soll man zu stressvolle extreme Belastungen vermeiden. Und sogar das ist nicht geklärt.

Ich höre abends Naturgeräusche oder Meditationsmusik, um einzuschlafen.

Sehr gut. Sie konditionieren damit Ihr Gehirn. Wenn Sie bestimmte Klänge mit Entspannung verbinden, lernt es, den Tinnitus in den Hintergrund zu rücken.

Zur Person

Leben
Marlies Knipper ist Professorin für Molekulare Hörphysiologie am Hörforschungszentrum der Hals-Nasen-Ohren-Klinik, Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Sie hat an der Universität Osnabrück Biologie studiert und wurde darin auch promoviert. Seit fast 30 Jahren ist sie in der Gehörforschung.

Forschung
Seit einiger Zeit konzentriert sich Knippers Arbeitsgruppe am Universitätsklinikum Tübingen darüber hinaus auf die Erforschung von Tinnitus, Altersschwerhörigkeit und Neuropathien. (nay)