Der vom alten Vorstand vorgeschlagene neue Vorstand wurde von den Mitgliedern auch gewählt: Rudolf Müller (Mitte, hinten) und sein Tierschutzverein-Team. Foto: Florian Ganswind

Nach acht Jahren kam der Tierschutzverein Freudenstadt erstmals wieder zu einer Hauptversammlung zusammen. Das neue Vorstands-Team war schon im Vorfeld „geschmiedet“ worden. Die wichtigste Frage im Vorfeld: Macht Rudolf Müller weiter?

Acht Kassenberichte, acht Aussprachen, acht Entlastungen. Die Hauptversammlung des Tierschutzvereins Freudenstadt wurde zur dreistündigen Marathon-Sitzung. Im Vorfeld hatte es reichlich Kritik gegeben. Die Vorwürfe: mangelnde Transparenz und angebliche Missstände im Tierheim, die aktive und ehemalige Mitglieder sowie ehemalige Mitarbeiter anmahnten. Vorsitzender Rudolf Müller hatte gleichzeitig in Leserbriefen auch Unterstützung erhalten. Deshalb konnte man gespannt sein, wie die Hauptversammlung laufen würde.

Die selbstkritischen Töne des Vorsitzenden

Rudolf Müller nutzte gleich die Begrüßung, um sich zu entschuldigen: „Es ist mehr als höchste Zeit, dass wir uns sehen. Die lange Zeit – die ist mir zu verdanken. Ich möchte gar nicht über Corona reden, über das Katzenhotel. Ich möchte mich in aller Form entschuldigen!“ Die Kassenberichte: alle aufgrund eines Vorstandsbeschlusses von einem Steuerberater geprüft.

Allerdings: Die Prüfberichte der Kassenberichte von 2020 bis 2022 sind alle erst in diesem Jahr datiert, die letzten beiden erst vor wenigen Tagen. Das passt zu den Äußerungen von Müller, dass auch einiges liegen geblieben sei.

Müller berichtet von seinen Erfolgen

„Ich sag das nicht aus Eigenlob. Ich habe die Planung gemacht, ehrenamtlich, für das Katzenhotel“, sagte Müller beispielsweise bei der Vorstellung des Kassenberichts 2017. Der Vorsitzende brachte immer wieder Punkte ein, was er in den vergangenen acht Jahren auf den Weg gebracht hat. Weiteres Beispiel: „Ich konnte es einfädeln, dass wir den ehemaligen Trainingsplatz des Schäferhundevereins bekommen.“ Oder bezogen auf das oftmals angesprochene Katzenhotel: „Das waren megaharte Jahre, ich will mich nicht entschuldigen. Das durchzustehen und durchzuhalten mit dem Elan. Das, was wir geschafft haben.“ Später sagt er noch zur Realisierung des Katzenhotels: „Ich sage das nicht ohne einen gewissen Stolz: ohne Zuschuss.“ Und: Von acht Kassenberichten seien nur zwei im Minus.

Die Stimmung kocht hoch

Bei der Aussprache zum Kassenbericht 2015 meldet sich Erika Reussing, früher selbst Vorstandsmitglied, entrüstet zu Wort: „Acht Jahre keine Hauptversammlung. Das ist ein Unding. Das kann man doch nicht damit entschuldigen, dass man so stark beschäftigt war.“ Im Dezember sei darauf hingewiesen worden, dass im Januar eine Versammlung stattfinden werde. Auch das sei dann nicht passiert.

Ein Mann aus den hinteren Reihen äußert sich ähnlich. „Vize“ Bernd Vaihinger, Inhaber mehrere Kanzleien für Erbrecht, reagiert sichtlich erzürnt auf die Wortmeldungen. Ein anderes Mitglied versucht, die Wogen zu glätten: „Wir sind uns alle einig, dass es nicht richtig war. Aber Herr Müller hat sich entschuldigt, heute sind wir beieinander und sprechen darüber. Irgendwo müssen wir dann einen Schlussstrich ziehen und die Emotionen ein bisschen rausnehmen.“ Der Mann erntet daraufhin großen Applaus. Müller sagt: „Wir haben uns berechtigte Sorgen gemacht, wie die Mitglieder damit umgehen.“ Der „Schlichter“ sagt: „Bei mir kriegt derjenige Respekt, der für seine Fehler einsteht.“ Bei den acht Entlastungen enthalten sich dann Reussing und der weitere Kritiker der Stimme.

Große Zustimmung bei den Entlastungen und später auch bei den Wahlen Foto: Ganswind

Die Bilanz der vergangenen Jahre

Es wird deutlich: Vieles beim Tierschutzverein konzentriert sich auf das Tierheim. Um dieses betreiben zu können, ist der Verein auf Spenden und Erbschaften angewiesen. In einigen Kassenberichten liegt diese Summe über 100 000 Euro. Dabei gab es auch immer wieder Großspenden und sogar Häuser, die dem Freudenstädter Tierschutzverein vermacht wurden. Das Katzenhotel konnte auch deshalb realisiert werden, weil eine Katzenfreundin eine große Summe vererbte. Im Kassenbericht 2022 gibt es allerdings eine Delle bei Spenden und Nachlässen. Doch der Verein kann vielleicht auf einen warmen Geldregen hoffen. Eine Frau aus Stuttgart hat 16 Millionen Euro vererbt. Alle Tierschutzvereine mit Tierheimen in Baden-Württemberg sollen davon profitieren.

Der einzige Gegenkandidat

Schon im Vorfeld hatte Frank Schneider in einem Schreiben an den Verein angekündigt, sich für jeden Posten aufzustellen. Bei der Wahl des Vorsitzenden macht er jedoch gleich einen Rückzieher. Bei der Wahl zum stellvertretenden Vorsitzen tritt er jedoch an und stellt sich vor. Der 54-jährige Arbeiter im Bereich Colordruck und aktive Gewerkschafter sagt: „Ich bin leidenschaftlicher Spender. Ich bin öfter im Tierheim. Was mich gestört hat, ist die mangelnde Transparenz und Offenheit. Ich wartete ein halbes Jahr auf meine Mitgliedschaft. Es liegt eine Menge im Argen, auch was die Sponsoren- und Spenderpflege angeht.“

Der „Vize“ Bernd Vaihinger (links) ist bestens gelaunt. Er ist wiedergewählt, genauso wie Rudolf Müller (rechts). Foto: Ganswind

Die Vorstandswahlen – eine klare Angelegenheit

Tritt Rudolf Müller nach dem Stress der vergangenen Monate noch einmal an? Diese Frage wurde schnell mit einem klaren Ja beantwortet. Nicht nur das: Auch alle Vorstandsmitglieder, die noch im Amt waren, traten wieder an: Vize Vaihinger, Müllers Ehefrau Sabine Heger-Müller als Schatzmeisterin („Ich bin Betriebswirtin und Bilanzbuchhalterin. Ich liebe Zahlen“) und Schriftführerin Eva Kuhnert. Neu: Maren Gernsheimer als Pressewartin („Ich möchte die Öffentlichkeitsarbeit verbessern“).

Auch für die zwölf Beisitzer-Posten hatte die Vorstandsspitze schon eine komplette Liste parat – die meisten davon aus dem Umfeld der Mitarbeiter und des Helferkreises im Tierheim, sehr viele davon zwischen 20 und 30 Jahre alt. Eine Frau meldet sich deshalb zu Wort: „Ich finde es schade, dass niemand anderes dabei ist, der mit dem Tierheim nichts zu tun hat.“ Dadurch fehle vielleicht der Blick von außen.

Die geheimen Wahlen sind dann eine klare Sache. Müller erhält 50 von 55 Stimmen, fünf Stimmen sind Enthaltungen. Frenetischer Jubel brandet auf – vor allem aus den Reihen des Tierheim-Teams und dessen Helfern. Sein „Vize“ Vaihinger kann sich über ein ähnliches Ergebnis freuen. 50 Stimmen für ihn, drei für Schneider, zwei Enthaltungen. Der „Vize“ jubelt ausgelassen und wagt ein kleines Sieger-Tänzchen. Schatzmeisterin, Pressesprecherin und Schriftführerin: ebenfalls mit ähnlichem Ergebnis wiedergewählt. Gegenkandidat Schneider tritt nur noch als Beisitzer an und erhält dort sieben Stimmen. Das reicht nicht. Jede Ergebnis-Verkündung wird bejubelt. Die Feierlaune ist endgültig da.

Zum Abschluss noch ein paar deutliche Worte

Ein spürbar gestärkter Vorsitzender nutzt die Schlussworte dann noch, um die Kritiker im Vorfeld und die Berichterstattung des Schwarzwälder Boten zu kritisieren: „Das war sehr abenteuerlich, was ganz persönlich auf meine Person eingeprasselt ist. Ich sage ganz ehrlich: Wenn ich nicht so berufserfahren wäre, hätte ich das nicht ausgehalten. Die Kritik wurde erzeugt von vier, fünf Leuten, die teilweise selbst im Vorstand waren, Mitglied waren. Wenn man meint, mich in die Pfanne hauen zu wollen: Das halte ich aus.“ Müller verspricht zum Abschluss, dass die nächste Hauptversammlung auf alle Fälle im kommenden Jahr erfolgen soll.