Der Tierschutzverein Oberes Nagoldtal kümmert sich vor allem im südlichen Kreis Calw um streunende Katzen und Vermittlung von Fundtieren oder Tiere aus Nachlass. Doch ohne eine geeignete Pflegestelle oder ein Tierheim im Kreis stoßen die Ehrenamtlichen immer wieder an ihre Grenzen.
Vor Anrufen können sich die Ehrenamtlichen des Tierschutzvereins Oberes Nagoldtal kaum noch retten. Täglich 20 bis 30 Mal klingelt das Nottelefon. Junge Babykatzen wurden in einem Kartoffelacker gefunden, ein Hund läuft ohne Halsband umher, eine Frau ist verstorben und ihre Haustiere müssen innerhalb weniger Tage aus der Wohnung raus. Die Fälle könnten nicht verschiedener sein – doch der Tierschutzverein nimmt sich deren an. Und das obwohl es noch gar keinen geeigneten Platz für die Tiere gibt.
Denn bei all den Einsätzen und Vermittlungen, die die Ehrenamtlichen vor sich haben, gibt es ein großes Problem, dass ihnen immer wieder Sorgen bereitet: Der Kreis Calw hat kein eigenes Tierheim. Keinen geeigneten Platz, an dem die Tiere unterkommen, sich erholen und schnell einen neuen Besitzer finden können.
Der Verein im Oberen Nagoldtal hat zwar etwas mehr als fünf verschiedene Pflegestationen, bei denen die Tiere vorerst unterkommen können. Doch eine sichere und perfekte Lösung ist es nicht. Zudem häufen sich die Kosten, die der Verein tragen muss oder freiwillig trägt immer mehr.
Magdalena Brauckmann-Hammer und Sandra Calmbach, Vorsitzende des Vereins, erzählen im Gespräch mit unserer Redaktion von den Herausforderungen, die den Verein belasten. Das Ziel eines Kreistierheims, lassen sie dabei nicht aus den Augen. Auch wenn es aktuell noch kein festes Ergebnis gibt.
Tiere
Im Gegensatz zu den meisten Vermutungen, handelt es sich bei den Tieren nicht nur um Fundtiere oder Streuner. Der Tierschutzverein nimmt sich auch Haustieren an, die beschlagnahmt wurden, weil die Haustiere sich in einem unsicheren Haus befunden haben oder weil der oder die Besitzerin verstorben ist. Auch Unfalltieren widmen sich die Ehrenamtlichen. „Und damit ist nicht nur ein verletztes Tier gemeint, sondern auch wenn ein Mensch einen Unfall hatte und das Haustier sonst alleine zu Hause wäre“, erklärt Brauckmann-Hammer.
Im Jahr kümmern sich die Ehrenamtlichen, das heißt die wenigen, aktiven Mitglieder aus dem insgesamt 300-Mitglieder starkem Verein, um mehr als 300 Katzen, rund 30 Hunde, 20 bis 30 Kleintiere – vor allem Kaninchen. „Hunde bringen wir meist direkt ins Kreistierheim Böblingen“, sagt die erste Vorsitzende. Denn der Verein habe oft keine geeignete Pflegestelle für Hunde.
Wie bereits aufgelistet: Die meisten Fälle betreffen Katzen. Besonders, da es im Kreis sehr viele Streuner gebe, wissen die beiden. „Wir haben fast täglich eine Streunerkatze, die gemeldet wird“, erläutert Calmbach.
Aber auch viele Vögel und kurioserweise Schildkröten gehören zu den insgesamt rund 500 Fällen im Jahr, manche davon größer, manche davon schnell gelöst, indem man die umliegenden Nachbarn fragt und den Besitzer recht zügig ausfindig machen kann. „Zu den schnell gelösten Fällen zählen aber auch jene, bei denen die Tiere nicht mehr zu retten sind und leider entsorgt werden müssen“, erläutert Calmbach.
Vermittlung Der Verein versucht immer schnellstmöglich den oder einen neuen Besitzer für die Tiere zu finden. Vor allem versuchen sie dies über Facebook, oftmals auch über direkte Kontakte.
Die Dauer des Aufenthalts in den Pflegestationen sei immer vom Gesundheitszustand abhängig. Der Verein ist daher dankbar, auch Tierärzte als Mitglieder beziehungsweise als Kontakte zu haben. Besonders bei den Katzen verbreite sich der Katzenschnupfen – eine relativ häufig auftretende Atemwegserkrankung – aus. Er kann bei jungen Katzen auch zum Tod führen. Oft befällt die Krankheit allerdings auch die Augen der kleinen Vierbeiner. Im schlimmsten Fall verliert die Katze ihr Auge.
Daher kann es bei Katzen zu teils längeren Zeiten in der Pflege kommen. Im Durchschnitt dauert eine Vermittlung bei Babykatzen dennoch drei Monate, erklärt Brauckmann-Hammer. Bei den älteren sei es meist länger, was die Pflege nicht erleichtert. „Man merkt, dass die Katzen wieder nach draußen wollen“, doch das sei meist keine Möglichkeit. Die Vermittlung der Hunde übernehme meist das Kreistierheim Böblingen, die Zeiten seien ganz unterschiedlich. „Bei Kleintieren kann eine Vermittlung durchaus sechs Monate dauern“, weiß Brauckmann-Hammer.
Stempel „Tierschutz“ Wie die Fälle im Tierschutz sind auch die Erfahrungen anders. Auch zwischen den beiden Vorsitzenden gehen die Meinungen teils auseinander: Während Brauckmann-Hammer seltener mit Gegenstimmen konfrontiert wird, sich weniger rechtfertigen muss für die ehrenamtliche Arbeit, sagt Calmbach ganz klar: „Ich habe immer wieder Diskussionen.“ Allein durch den Namen des Vereins – „Tierschutz“ – habe man einen gewissen Stempel auf der Stirn.
Doch sei der Verein nicht da, um jeder Ameise das Leben zu retten. Natürlich achten sie auf die Haltung, Pflege und das Wohl der Tiere. Doch gehe es vor allem darum, präventiv Leid zu vermeiden und eben gefundene Tiere zu vermitteln.
Dass heißt, vor Ort zu sein, Streuner gegebenenfalls zu kastrieren, um eine ausufernde Vermehrung zu verhindern und da zu sein, wenn nötig. „Ich gehe nicht raus und suche nach Fundtieren, aber wenn wir gebraucht werden, sind wir da“, unterstreicht Calmbach.