Besonders Kleintiere mögen es gesellig – wie Mäuse, die mindestens zu zweit sein müssen, damit sie nicht leiden. Doch manche Tierhalten übertreiben es. Foto: myschka79 - stock.adobe.com

Sie lieben Tiere – und überfordern sich selbst. Die Fälle von Tierhortung in Deutschland steigen seit Jahren. Auch in der Region gibt es Fälle.

Im Teppich hängen die Tierhaare so fest, dass kaum noch ein Muster zu erkennen ist. Daneben, mitten im Weg, liegen tierische Hinterlassenschaften. Es ist dunkel, riecht nach Tierfutter, nassem Fell und etwas Moder. Man kann kaum laufen, überall sind Tiere. 8911 Tiere haben Tierschützer laut Deutschem Tierschutzbund im Jahr 2024 aus ähnlichen Verhältnissen gerettet.

 

Zwei bis acht Fälle von möglichem sogenanntem Animal Hoarding gibt es jährlich im Kreis Freudenstadt, so Sabine Matt, Pressesprecherin des Landratsamts. Letzteres sind nur die Fälle, nicht die geretteten Tiere, die je nach Fall und Tierart auch schon in die Hunderte gehen können.

Animal Hoarding, auf Deutsch Tierhortung oder Tiersammelsucht, ist eine psychische Störung. Menschen halten eine große Zahl von Tieren, ohne sie angemessen versorgen zu können. Vier Merkmale sind typisch: Besitzer unterschreiten Mindeststandards für Haltung, Hygiene und Ernährung, erkennen die negativen Folgen für Tier und Mensch nicht, neigen zwanghaft dazu, die Zahl der Tiere zu halten oder zu erhöhen und leugnen ihr Problem.

Ähnliche Zustände, wie in einem Messi-Haushalte

Besonders häufig trifft es klassischen Haustiere, wie Hunde, Katzen, Kaninchen und Vögel, so Alexandra Häßler, stellvertretende Vorsitzende des Vereins Allgemeiner Tierhilfedienst, der ein Tierheim im Kreis Freudenstadt betreibt. Am stärksten seien jedoch Katzen betroffen, vor allem, wenn sie nicht kastriert sind. „Da lässt man seine Katze aus dem Haus und wundert sich, wenn sie schwanger zurückkommt“, so Häßler.

So entsteht Tierhortung oftmals überhaupt. „Der erste Wurf wird behalten. Wenn die Kinder dann Nachwuchs bekommen, kommen die Besitzer nicht hinterher“, sagt Häßler. Die Folgen: Inzucht, zu wenig Platz, mangelnde Hygiene und unzureichende Nahrung. Daraus resultieren Krankheiten und Verhaltensstörungen. „Man kennt es aus Messi-Haushalten, nur dass es keine Objekte, sondern Tiere sind, was das ganze verschlimmert“, erklärt die Tierliebhaberin.

Auf 100 Quadratmetern mit 60 Katzen und 90 Vögeln

Häßler spricht aus Erfahrung. Ihr eigener Kater kommt aus einem Haushalt, in dem er auf 100 Quadratmetern mit 60 Katzen und 90 Vögeln leben musste. „Er markiert sein Revier in der Wohnung und benutzt kein Katzenklo. Das kriegt man auch nicht raus, da er beim Aufwachsen so geprägt wurde“, erzählt Häßler. „Man denkt immer, wenn man alle Tiere aus der schwierigen Situation befreit hat, ist es vorbei, ist es aber nicht.“

Katzenschutzverordnung bleibt ein Thema

Häßler wünscht sich, nicht nur wegen Tierhortung, auch wegen freilaufender Katzen, eine Katzenschutzverordnung in Horb, die die Kastration vorschreibt, wie es in Sulz bereits der Fall ist.

„Sachkundescheine für die Haltung von Heimtieren, Vereinfachung im verwaltungsrechtlichen Vollzug, Unterstützung sowohl finanziell als auch mit allgemeinen Unterbringungsmöglichkeiten vom Land Baden-Württemberg und eine Erhöhung des Kontrollpersonals an den Veterinärämtern“, erhofft sich das Veterinäramt des Landratsamtes. „Allem voran fehlt aber die Bildung und Aufklärung im Bereich Tierschutz, da die Kinder und Jugendlichen die Tierhalter von morgen sind!“ Eine gesetzliche Verankerung der Bildung zu diesem Thema fehle im Tierschutzgesetz.

Wissenswertes

„Der Prozess der Wegnahme
ist kein leichter, da es sehr hohen organisatorischen Aufwand erfordert. Bei der Feststellung gravierender Verstöße bei einer Kontrolle, die eine Wegnahme erforderlich machen, werden die Amtstierarzt-Kollegen informiert und die Wegnahme am selben oder darauffolgenden Tag durchgeführt. Dazu werden Unterbringungsmöglichkeiten, Transportbehältnisse, mitunter Termine für Behandlungen durch praktizierende Tierärzte organisiert. Herausfordernd sind die mangelnden Unterbringungsmöglichkeiten für plötzlich hohe Tierzahlen, aber auch die Kosten für die Wegnahme und Unterbringung, denn in den meisten Fällen sind die Tierhalter nicht zahlungsfähig und die Kosten bleiben bei der Behörde ‘hängen‘“, erklärt Matt.

Vier Typen von Animal Hoarding
In einer vielzitierten Studie identifizierten Wissenschaftler aus den USA drei Typen von Animal Hoarding. Der überforderte Tierhalter erkennt die Probleme, kann sie aber aufgrund persönlicher Krisen wie Arbeitslosigkeit oder Krankheit nicht lösen. Rettertypen sehen sich als Tierschützer und glauben, die Tiere können nur bei ihnen richtig leben. Der Ausbeuter sammelt Tiere allein zur Befriedigung und empfindet keine Empathie – für Tiere oder Menschen. Er ist Soziopath und leidet an einer Persönlichkeitsstörung. Zudem gibt es den Züchter, der zunächst Tiere für Verkauf oder Ausstellungen züchtet, die Zahl der Tiere aber so zunimmt, dass keine adäquate Haltung mehr möglich ist.