Manfred Bartler in Aktion – Mitte Juni beringt er ein Storchenküken in Geisingen. Foto: Bartler privat

Louis, Susi und Peter Pan, drei Störche aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis, tun, was Störche eben so tun: Sie lassen sich gerade die Sonne im Süden aufs Gefieder scheinen. Aber was ist mit den anderen los? Haben sie den Abflug verpasst? Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind selbst jetzt, im Winter, viele Störche anzutreffen.

Die gute Nachricht vorneweg: Die Zahl der Störche steigt in Baden-Württemberg. 2024 ließ der Nabu Baden-Württemberg die stolzen schwarz-weißen Vögel zählen: 2500 Paare und 2300 Jungvögel. Zahlen, an die vor Jahren nicht zu denken war. 1975 wurden gerade einmal noch 15 Brutpaare in ganz Baden-Württemberg gezählt.

 

Und doch: 2024 war ein schwieriges, weil verregnetes Jahr. „Das war ein Katastrophenjahr für den Weißstorchnachwuchs“, stellte auch Judith Opitz, die Weißstorchbeauftragte des Landes Ende November fest. „Wir hoffen, dass der Sommer 2025 nicht so verregnet wird“, so Opitz.

Im Schwarzwald-Baar-Kreis gehört Meister Adebar mit seinem Klappern wieder zum Landschaftsbild. Auf vielen Häusern in den Ortschaften der Baar beispielsweise, aber auch auf Strommasten auf den Wiesen und Feldern der Region bauen Storchenpaare Nester und brüten ihre Eier aus, bis irgendwann kleinere, noch graue Schnabelspitzen über dem Nestrand zu sehen sind, die neugierig in die Höhe gereckt werden.

Manfred Bartler aus Hochemmingen ist Storchenvater in der Region und weiß, wo die Weißstörche sitzen und dass viele von ihnen – Zugvogel hin oder her – noch hier sind.

Storchenvater kennt Details

Bei der Zählung im Land rangierte der Schwarzwald-Baar-Kreis im Mittelfeld mit rund 200 Jungstörchen und 1,1 Jungtieren je Horst – laut Nabu sollten es im Durchschnitt mindestens 1,3 Jungstörche pro Horst sein, damit die Population nicht sinkt.

Manfred Bartler (links), Hartmut Polet und Eugen Heizmann 2022 bei einem Einsatz am Mühlheimer Storchennest. Foto: Polet

Ganz genaue Zahlen kann Manfred Bartler als Experte in der Region liefern. Als er sein Amt 2016 von seinem Vorgänger, dem Neudinger Friedrich Widmann übernommen hatte, da sei das mit 32 Nestern in seinem Einzugsgebiet noch eine überschaubare Angelegenheit gewesen.

Seither explodierte die örtliche Population förmlich: „104 Nester sind es jetzt“, verkündet seine Frau Andrea am heimischen Küchentisch in Bad Dürrheim-Hochemmingen nach einem Blick in die Unterlagen. Daraus gehen auch die genauen Adressen hervor: „Kamin“, „Dach Zehntscheuer“ (Bad Dürrheim), „Stufengiebel“, heißt es beispielsweise, ergänzt um Ringnummern, das Geschlecht und andere Daten.

So viele Tiere leben hier

Zuletzt seien genau 208 Altstörche gezählt worden, dazu schlüpften 2024 hier 207 Jungstörche. Doch das „Babyglück“ war von kurzer Dauer: „Am Ende waren es 82 Tote“, erinnert sich Manfred Bartler und unterstreicht damit die Einschätzung der Weißstorch-Beauftragten Opitz.

Es ist ein Dilemma in regenreichen Jahren – obgleich die Todesursache nicht ein Ertrinken ist: „Die Jungen haben noch kein Gefieder, sondern eine Art Flaum“, lässt Bartler wissen. Dieser sauge sich mit Regenwasser voll – nachts, bei kalten Temperaturen und wenn so viele oder große Junge im Nest hocken, dass die Elterntiere sie mit ihren warmen, großen Körpern nicht komplett bedecken können, erfrieren die nassen Küken häufig.

Hier gibt es Winterstörche

Dass die Tierart generell keine Kälte mag, wird auch daran deutlich, dass es sich um Zugvögel handelt. Eigentlich müssten aktuell alle Störche ausgeflogen sein. Nach Afrika oder Spanien. Doch viele Tiere sparen sich die weite Reise und bleiben ganzjährig hier. Ein Beobachter meldete den Bartlers jüngst fünf bis sechs Tiere alleine bei Donaueschingen-Neudingen, die hier geblieben seien. „Das Feuchtgebiet dort ist ideal“, weiß der Fachmann, „da finden sie auch viel Nahrung“. Gefüttert würden die Tiere längst nicht mehr. Aber nicht nur Neudingen blickt auf Winterstörche: Auch in Sunthausen, Geisingen, Biesingen, Unterbaldingen und Spaichingen seien solche dieses Jahr gesichtet worden.

Jene, die wegflogen sind, überwinterten offenbar vornehmlich in Spanien. Manfred Bartler öffnet die App „Animal Track“ auf seinem Handy und zeigt auf einen blauen Punkt. „Das ist Louis“, so heißt der beringte Storch aus Neudingen, der einen Sender trägt. Auch „Susi“ aus Hochemmingen – ihr Bruder Max starb leider jung – und der Donaueschinger „Peter Pan“ flohen vor der Kälte gen Süden. Susi halte sich gerade bei Madrid auf, erzählt Manfred Bartler, der froh ist, dass „seine“ Tiere eher den Weg nach Spanien suchten als nach Afrika. „Auf dem Weg dorthin sterben viele von ihnen“, die weite Strecke von Gibraltar nach Marokko werde ihnen zum Verhängnis. Vor allem Jungtiere verendeten dort – ältere Semester hingegen wüssten offenbar um die Gefährlichkeit und bevorzugten deshalb die Überwinterung in Spanien.

Von reisekranken Störchen

Ganz so viele Kilometer legt Manfred Bartler zwar nicht für sein Ehrenamt als Storchenvater der Region zurück, auf 200 Einsatzstunden und 4000 Kilometer Fahrt pro Jahr schafft er es aber doch. Die Tiere müssen beringt, teilweise ärztlich versorgt oder nach Unfällen zur Pflegestation nach Unterreute gebracht werden.

Somit wissen Andrea Bartler beispielsweise auch, dass Weißstörche reisekrank werden können – „die meisten von ihnen spucken während der Fahrt“, erzählt Andrea Bartler und rümpft die Nase, „das stinkt fürchterlich“. Und so kam es auch, dass Manfred Bartler zum Konstrukteur für Storchen-Transportkoffer geworden ist.

Wenn die beiden nämlich – wieder einmal – mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt werden, und mit ihrem Equipment ausrücken, um einen verunfallten Storch einzufangen, bringen sie einen raffinierten Behälter der Marke Eigenbau mit: Einen Holzkoffer, in dem sie die Tiere transportieren können – aus einer Aussparung ragt der schlanke Hals mit dem spitz zulaufenden roten Schnabel heraus, während das Tier sicher zur Pflegestation gebracht wird.

Ein 980-Kilogramm-Nest

Ein Wiedersehen am heimischen Horst ist danach eher selten. Wie groß die Fluktuation bei den Tieren ist, wird auch anhand der Beringungen deutlich. Immer wieder erblicken die Bartlers beispielsweise metallene Ringe an den Vogelfüßen – „die kommen aus Frankreich“, erklären sie, oder grüne, „das sind die Schweizer“. Vor allem die weiblichen Tiere wechseln.

„Der Mann ist nesttreu, nicht frauentreu“, erzählt Andrea Bartler und lacht. Ihre Zuhause hingegen, die Horste, erreichen durch jahrelange Nutzung oft nicht nur ein stolzes Alter, sondern auch unglaubliches Gewicht: In Wolterdingen musste Manfred Bartler einmal ein 980 Kilogramm schweres Nest von einem Strommasten holen. In Allmendshofen schaffte es ein ebenfalls besonders stolzes Bauwerk auf 960 Kilogramm, und selbst der Wasserspeier an der Hüfinger Kirche St. Verena musste mit dem Storchennest ein Gewicht von 800 Kilogramm aushalten. Der Storchenbeauftragte der Region hat also nicht nur im übertragenen Sinn mit Blick auf Tierschutz und Forschung ein gewichtiges Amt inne.