Das Feldhasenbaby, das von einem Wachendorfer aufgesammelt wurde, ist mittlerweile in Pforzheim angekommen. Auf dem Bild ist das Tier noch keine Woche alt, schätzt Aline Polkowski, die schon öfter Feldhasenbabys aufgezogen hat. Foto: prv

Klein, putzig und scheinbar verlassen: Feldhasenbabys. Auch wenn von der Mutter weit und breit keine Spur ist, heißt das nicht, dass sie gerettet werden müssen.

„Es ist ringsum im ganzen Gäu bekannt: Wenn etwas mit einem Tier ist, dann meldet man sich bei mir“, erzählt Annerose Hartmann aus Wachendorf am Telefon. Die 72-Jährige sitzt im Starzacher Gemeinderat und ist im Tierschutzverein aktiv. Nicht immer wisse sie sofort, was genau zu tun ist, aber in den meisten Fällen könne sie zumindest weitervermitteln.

 

So auch vor knapp zwei Wochen: Sie bekam einen Anruf von einem Bekannten, ebenfalls aus Wachendorf. Der Mann entdeckte ein Feldhasenbaby auf einer Roseninsel. „Da war Verkehr, deshalb hat er aus Sorge das Häschen mitgenommen.“ Als die beiden miteinander sprachen, war das Kind schon in den Brunnen gefallen – besser gesagt: Das Hasenbaby war bereits in einer Kiste mit Gras auf dem Weg nach Wachendorf.

Das Häschen war etwa eine Woche alt

Hartmann selbst ist eher auf Katzen spezialisiert, stellte aber in ihren WhatsApp-Status ein Bild vom Häschen mit dem Aufruf, ob sich jemand auskenne und weiterhelfen könne. Und prompt meldete sich jemand: Aline Polkowski aus Dornstetten. Ihr Großvater zog schon gerettete Wildtierbabys auf, und Polkowski führt die Tradition der „Flaschenkinder“ fort. Ihre Einschätzung: Das Fundtier war erst ein paar Tage alt.

In einer Kiste transportierte der Wachendorfer das Feldhasenbaby. Foto: prv

Zwar sei sie nicht vor Ort gewesen, doch Polkowskis Einschätzung nach hätte das Hasenjunge nicht gerettet werden müssen. Wenn ein Hasenbaby an einer Stelle mit viel Verkehr liegt, sei das zwar nicht ideal. Aber das heiße nicht, dass man das Tier direkt mitnehmen oder „retten“ müsse. „Die bessere Wahl wäre gewesen, das Häschen mit Laub in der Hand umzusetzen“, so Polkowski. Denn in den meisten Fällen seien die Tiere nicht verwaist – die Mutter sei nur gerade nicht vor Ort. Kommt diese zurück und ihr Junges ist verschwunden, suchen die Mütter oft tagelang danach. „Der Trieb, das Junge zu versorgen, bleibt tagelang bestehen“, erklärt Polkowski.

Die Tiere sind gar nicht so hilflos, wie man denkt

Gerade Ende Februar und Anfang März, werden viele Feldhasenbabys geboren. Sie kommen bereits vollständig entwickelt, mit offenen Augen und dichtem Fell zur Welt. Zum Schutz vor Fressfeinden werden Junghasen, Rehkitze und andere Wildtiere von ihren Müttern im hohen Gras oder am Waldrand abgelegt und nur zum Säugen aufgesucht. Junghasen werden meist nur ein- bis zweimal pro Nacht gesäugt, so Polkowski. Deshalb ist der tierische Nachwuchs auch oft allein, wenn Spaziergänger oder andere ihn entdecken.

Die Tiere sind perfekt angepasst: Sie haben keinen Eigengeruch und sind dank ihrer Färbung gut getarnt. Droht Gefahr, flüchten sie nicht, sondern ducken sich instinktiv. Das weckt bei Menschen oft den Schutzinstinkt und die scheinbar verlassenen und hilflosen Tiere werden angefasst oder gar eingesammelt.

Wann Tiere mitgenommen werden dürfen

Grundsätzlich gilt: Finger weg von Wildtieren. Tatsächlich gibt es laut Bundesnaturschutzgesetz ein sogenanntes „Zugriffsverbot“ für wildlebende Tiere. Nur wenn Tiere offensichtlich verletzt oder krank sind, dürfen sie mitgenommen werden. In solchen Fällen sollte vorab der Förster, eine Wildtierauffangstation oder eine andere professionelle Stelle kontaktiert werden, um sicherzugehen, ob das wirklich notwendig ist.

Befindet sich ein Tier an einem ungeeigneten Ort, kann man es vorsichtig mit Laub oder Gras umsetzen. Allerdings ist Vorsicht geboten: Anders als bei Vögeln kann menschlicher Geruch bei Hasen dazu führen, dass die Mutter ihr Junges nicht mehr annimmt. Gut gemeinte Hilfe macht das Tier dann erst wirklich hilflos.

Falsches Füttern kann für Junghasen tödlich sein

Wird ein Tier tatsächlich aus der Natur entnommen, ist falsches Füttern besonders problematisch. „Damit bringt man die Tiere eher um“, warnt Polkowski. Ungeeignete Milch oder falsche Handhabung können tödlich sein. Besser sei es, das Tier zunächst in Ruhe zu lassen, bis es fachgerecht versorgt werden kann.

Doch das Tier aus der Natur zu nehmen, ist meist die schlechtere Option: In menschlicher Obhut könne es nie so gut auf das Leben vorbereitet werden wie in freier Wildbahn, versichert Polkowski. Das Aufwachsen unter der Fürsorge ihrer Eltern ist das Beste für die jungen Häschen.

Sollte das Tier aber Hilfe benötigen und aufgesammelt werden, gilt: Die Aufzucht von Feldhasen ist anspruchsvoll und gehört in erfahrene Hände. Wildtiere dürfen nicht einfach aufgenommen und behalten werden, erinnert Polkowski. Sie werden aufgepäppelt, bis sie selbstständig überleben können, und anschließend wieder ausgewildert.

So geht es dem Hasenbaby jetzt

Mittlerweile sei das Hasenbaby, das der Wachendorfer unwissentlich aufgesammelt hat, in einer Wildtierauffangstation in Pforzheim angekommen. Hartmann ist sich sicher, dass es dort gut aufgehoben ist: „Die haben dort auch die richtige Milch.“ Außerdem befinden sich dort weitere Feldhasenjunge. In einigen Wochen wird das Häschen sicherlich wieder in die Freiheit entlassen.