Jürgen Völker hat schon viele Leben gerettet. Vor 13 Jahren gründete er die Tierrettung Mittlerer Neckar. Seitdem ist er 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche auf Abruf bereit. Unterwegs mit einem Tiernotfallsanitäter.
„Die Taube ist auch mit lautem Klatschen nicht wegzubewegen.“ Der Tipp von Tiernotfallsanitäter Jürgen Völker hat Thomas Brisske nicht viel gebracht. Das Tier sitzt nach wie vor hartnäckig in seinem Vorgarten. „Die verhält sich komisch“, sagt Brisske am Telefon zu Völker. Ein Foto der Taube hat er nicht geschickt. Dann wäre es für Völker einfacher, zu beurteilen, warum die Taube nicht wegfliegt. Ist sie verletzt? Das wäre ein Einsatz für seinen Rettungsdienst. Wenn nicht, fährt er umsonst zu Brisske und der Taube. Nachdem auch das Klatschen nichts gebracht hat, fährt er schließlich mit seinem Rettungswagen zu Brisske nach Plochingen und stellt fest: „Kein Wunder, dass die Taube nicht wegfliegt. Sie ist noch jung. Die kann noch gar nicht fliegen.“
Das Täubchen läuft in Brisskes Garten auf und ab. Völker ist dankbar für Brisskes Anruf, denn sonst wäre das Täubchen wohl bald von einer Katze oder Krähe gefressen worden. Mit einem Kescher fängt Völker das Tier ein, sperrt es in eine Art Katzenbox und fährt es ins Tierheim nach Esslingen. Dort päppeln es die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf, um es später wieder in die Freiheit zu entlassen. Denn: Dieses so genannte Türkentäubchen lässt sich sehr gut wieder auswildern, im Gegensatz zu Stadttauben. Letztere wird man kaum mehr los, wenn man ihnen einmal Futter gegeben hat, wissen die Tierheimmitarbeitenden Michael Hoffmann und Manuela Schlattner.
Rund 850 Einsätze im vergangenen Jahr
Rund 850 Einsätze hatte Völker im vergangenen Jahr, in Spitzenzeiten waren es über 1.400. Damals hatte der zweifache Familienvater noch neun Fahrer und fünf Fahrzeuge unter sich. Die Fahrzeuge hat er immer noch. Aber die Personaldecke ist dünn, so dünn, dass zwei der Einsatzfahrzeuge derzeit nur herumstehen, weil sich keine Fahrer mehr finden, die auf Minijob-Basis oder ehrenamtlich für die gemeinnützige Organisation tätig sein möchten. Nach dem Tod seiner Frau Lenore vor zwei Jahren, die ebenfalls Einsätze fuhr, sich um die Verwaltung kümmerte und ihm am nächsten Tag den Rücken freihielt, wenn er auch nachts unterwegs war, stößt der Tiernotfallsanitäter nun an die Grenzen des Machbaren.
Drei Telefone liegen während unseres Gesprächs vor ihm, sie klingeln nicht ununterbrochen, aber alle 30 Minuten. Unter anderem meldet sich eine Frau, die eine verletzte Katze in ihrem Garten gesehen hat. Auf dem Foto, das die Frau ihm wenig später schickt, sind leichte Kratzspuren um das Auge der Katze zu sehen - vermutlich eine kleine Auseinandersetzung mit einem anderen Vierbeiner, aber nichts, was einen Rettungseinsatz rechtfertigen würde, urteilt Völker. Die Frau ist ratlos. Ob er dem Tierheim sagen könne, dass die Mal wegen der Katze bei ihr vorbeischauen? Dafür habe das Tierheim auch keine Kapazitäten, antwortet Völker. Er wählt seine Einsätze genau aus – nach dem Ort des Geschehens (30-Kilometer-Radius um seinen Standort Aichwald, einschließlich Fellbach, Göppingen und Ostfildern) und nach der Sinnhaftigkeit. Ist ein Tier ernsthaft verletzt, setzt er sich sofort in den Rettungswagen und fährt los. Von 100 Anrufen, die bei ihm eingehen, sind allerdings etwa 80 nicht der Rede wert.
Wer übernimmt die Kosten?
Ein Nachteinsatz kostet pauschal 120 Euro, ein Tageseinsatz 95 Euro inklusive 30 gefahrener Kilometer. Jeder weitere Kilometer wird mit 2,10 Euro berechnet. Muss ein Tier zusätzlich versorgt werden, zum Beispiel mit Infusionen, kommen auch diese Kosten hinzu. Doch wer zahlt bei einem Unfall mit einem herrenlosen Tier oder bei einem Einsatz wegen einer fremden Katze? Ist die Katze schwer verletzt, muss laut Völker der Besitzer zahlen. Ist die Katze nicht gechippt und der Besitzer nicht ausfindig zu machen, zahlt der Tierschutzverein. So sei es mit den Kommunen in Deutschland geregelt. Reich werde man mit diesem Job sicher nicht, sagt Völker. Nicht selten renne er offenen Rechnungen hinterher. Das Schlimmste an seinem Beruf sei für ihn aber nicht das Finanzielle, sondern wenn er angefahrenen Tieren nicht mehr helfen könne.
Hunde-Hospiz
Völker hat zu Hause schon den einen oder anderen Hund bei sich aufgenommen – alte Hunde aus dem Tierheim, die niemand mehr haben wollte. Die durften bei ihm bleiben, bis sie starben. Auf dem Regal in seinem Wohnzimmer stehen 25 Urnen mit Hunden, um die er sich bis zuletzt gekümmert hat. Unweit seines Hauses hat er einen großen Garten nahe am Waldrand gepachtet. Auf 3000 Quadratmetern tummeln sich hier Greifvögel und Tauben, um die er sich kümmert, Hühner und manchmal auch verletzte Jungfüchse. 5.000 Euro hat er im vergangenen Jahr allein für das Futter für dieser Tiere ausgegeben. Fleisch isst der gelernte Rettungssanitäter schon seit Jahrzehnten nicht mehr.
„Es ist furchtbar, wie manche Menschen mit Tieren umgehen“, sagt Völker. So gebe es Autofahrer, die eine Katze anfahren und dann lebend in den nächsten Straßengraben werfen. Auch ausgesetzte Tiere gebe es viele. In Esslingen habe er einmal am Neckar vor einer vier Meter langen Python und einer 2,50 Meter langen Boa gestanden. Das Problem: Es gebe nur wenige Auffangstationen, wie etwa in München, die solche Reptilien aufnehmen würden. Auch die Pöbeleien gegen ihn hätten zugenommen. Immer mehr Menschen würden an verletzten Tieren einfach vorbeigehen. „Die Menschen sind heute abgestumpfter.“ Nicht selten mit der Begründung: Das ist doch nur ein Tier. „Aber Tiere haben Hilfe oftmals mehr verdient als so manch ein Mensch.“
Magische Momente in seinem Beruf
Während Völker in seinem Esszimmer einen Schluck Kaffee trinkt, steht Samantha mit ihren großen Augen vor ihm. Schon ihr Blick verrät Völker: Sie muss mal. Der schwarz-weiße Chihuahua ist nicht sein Hund. Erst vor ein paar Tagen hat ihm das Tierheim den Vierbeiner übergeben. Samanthas Besitzerin wohnt in Hamburg. Während eines Urlaubs in Rumänien wurde ihr der Hund gestohlen, als sie ihre Tasche mit dem Chihuahua kurz unbeaufsichtigt ließ. Zwei Jahre später wird der Vierbeiner, der zunächst mit einem Bettler unterwegs war, herrenlos in Süddeutschland aufgegriffen. Völker wird verständigt. Er bringt Samantha ins Tierheim.
Wegen des Bahnstreiks verzögert sich die Rückholung des Hundes von Süd- nach Norddeutschland etwas. Doch dann ist es endlich soweit und Völker kann den Vierbeiner seiner rechtmäßigen Besitzerin zurückgeben. Das sind dann fast magische Momente in seinem Beruf.