Lenore und Jürgen Völker haben die Tierrettung Mittlerer Neckar gegründet Foto: Leif Piechowski

Der Wagen mit der Aufschrift „Tierrettung – Tierambulanz“ weist den Weg. „Der Wagen stammt vom Roten Kreuz, den haben wir umgebaut für Tiere“, sagt Jürgen Völker. Und auch wenn die Notruf-Hotline noch wenig bekannt ist: Allein im vergangenen Jahr hat die TRD mehr als tausend Einsätze gefahren

Aichwald - Der Wagen mit der Aufschrift „Tierrettung – Tierambulanz“ weist den Weg auf die in einem Wohngebiet von Aichwald (Kreis Esslingen) eher versteckt liegende Adresse der Organisation. „Der Wagen stammt vom Roten Kreuz, den haben wir umgebaut für Tiere“, sagt Jürgen Völker, der die gemeinnützige GmbH gegründet hat. Gemeinsam mit seiner Frau Lenore und weiteren ehrenamtlichen Helfern führt er den TRD nun seit drei Jahren. Und auch wenn die Notruf-Hotline noch wenig bekannt ist: Allein im vergangenen Jahr hat die TRD mehr als tausend Einsätze gefahren.

Einzugsgebiet sind die Landkreise Esslingen, Göppingen und Rems-Murr, die Tierrettung Neckar-Alb deckt die angrenzenden Kreise Stuttgart, Böblingen, Reutlingen und Tübingen ab. Für beide gilt: Die Tierretter sind keine Tierärzte. Aber sie sind in Erster Hilfe für Tiere geschult, sind geprüfte Tierunfallsanitäter oder als Tierrettungssanitäter noch höher qualifiziert.

Den Rettungswagen haben Jürgen und Lenore Völker mit Käfigen und einer Liege ausgestattet, außerdem mit Sauerstoff, einem Beatmungsgerät und einem Gerät für EKG. Zudem sind Medikamente an Bord, aber ausschließlich homöopathische Präparate. Andere dürfen die Tierretter nicht verabreichen. Aus Sicht der Völkers sind Notdienste für Tiere überfällig: Denn die Liste der Situationen, in denen sie gebraucht werden, ist lang.

Ein Großteil der Einsätze etwa gilt Fundhunden. Denn es ist inzwischen gängige Praxis, dass Tierschützer Hunde und Katzen aus Tötungsstationen im Ausland holen und sie dann hier vermitteln. Die Übergabe, so Lenore Völker, finde – verkehrsgünstig gelegen – fast immer an Autobahnraststätten statt. Doch die neuen Besitzer sind oft Laien und die Tiere verängstigt: Die Vierbeiner ergreifen die erste Möglichkeit zur Flucht. Im besten Fall irren sie dann herum und müssen eingefangen werden. Im schlechteren Fall werden sie angefahren und müssen sofort notärztlich versorgt werden. „Damit sind sie natürlich auch eine Gefahr für Autofahrer“, sagt Lenore Völker und kann über so viel Verantwortungslosigkeit nur den Kopf schütteln.

Sie erinnert sich an gleich mehrere Einsätze dieser Art – die Übergabe der Tiere war am Flughafen, an der Raststätte Denkendorf und in Mühlhausen geplant. Doch jedes Mal ging etwas schief, die Hunde und Katzen entwischten den Beteiligten bei der Übergabe. „Die Raststätten Denkendorf und Sindelfinger Wald sind als Übergabestandorte besonders beliebt“, sagt die Tierretterin. Wenn Tiere dann angefahren werden – was auf der Autobahn häufig auch für Greifvögel gilt –, meldet sich die Autobahnpolizei bei den Völkers.

Erste Priorität hat bei Unfällen immer, möglichst schnell am Einsatzort zu sein. Der TRD ist rund um die Uhr in Alarmbereitschaft. Dann bringen die Retter ihre Schützlinge in eine der sieben Tierkliniken im Einzugsgebiet oder zu einem niedergelassenen Tierarzt. Erst dann wird versucht zu ermitteln, wem das Tier gehört, wer für den Einsatz aufkommen muss. Trägt das Haustier einen Chip unter der Haut und ist es bei der Organisation Tasso registriert, lässt sich der Besitzer leicht ermitteln. Dann darf er seinen Liebling wieder in Empfang nehmen, muss für den Notfalleinsatz aber 85 Euro am Tag oder 110 Euro nachts und an Wochenenden hinblättern. Dazu kommen 1,60 Euro pro gefahrenen Kilometer.

Lässt sich kein Besitzer ausfindig machen, muss die Gemeinde für den Einsatz aufkommen, wo das Tier aufgegriffen wurde. „Am Anfang hat das nicht so richtig funktioniert“, erinnert sich Jürgen Völker. Den Völkers blieb nichts anderes übrig, als ihr Recht vor Gericht zu erstreiten.

Gerufen wird der TRD auch bei häuslichen Notfällen, wenn Hund oder Katze erbrechen und der Besitzer keinen Tierarzt erreichen kann. Die Helfer springen auch in besonderen Situationen ein. So gehören auch private Kunden zu ihrer Klientel, wie etwa ein blindes Paar, das eine Katze hält, der alle zwei Tage eine Spritze verabreicht werden muss.

Je nach Jahreszeit unterscheiden sich die Einsätze: „Im Frühjahr sind es die Katzen, die rennen in der Paarungszeit draußen rum und werden angefahren.“ Im Herbst sind es vermehrt Wildtiere, die vom TRD versorgt werden. Füchse, Waschbären, Schwäne, Bussarde gehören zu den Pfleglingen. Und schließlich wird der TRD zu Zwangs­räumungen von Wohnungen geholt, wenn bekannt ist, dass in dem Haushalt auch Tiere leben. „Etwa 40 Prozent unserer Einsätze sind Notfälle, je 25 Prozent gelten Fundhunden und dem ambulanten Tierfahrdienst und zehn Prozent Wildtieren wie Igeln, Füchsen und Jungvögeln“, sagt das Ehepaar. Weitere zehn Prozent sind sie für Igel, Jungvögel und Füchse im Einsatz. „Wir machen das mit sehr viel Herzblut und können uns damit bestimmt keine goldene Nase verdienen“, sagt Lenore Völker. Einen gemeinsamen Urlaub gab es für sie und ihren Mann seit Gründung des TRD nicht mehr.

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