Der Haussperling gehört seit elf Jahren zur Familie Baumeister. Die Vogeldame wäre im Jahr 2012 fast gestorben. Doch die Retterin päppelt sie mit Rotlicht und Futter auf.
Spatzi gehört zur Familie. Das wird jedem klar, der Sibylle und Josef Baumeister in Donaueschingen besucht. Spatzi ist eine Haussperling-Dame, umgangssprachlich auch Spatz genannt, die bereits elf stolze Jahre alt ist. „Ich habe sogar gelesen, dass manche bis zu 26 Jahre alt werden können“, sagt Sibylle Baumeister. In der freien Wildbahn werden diese Vögelchen tatsächlich lediglich drei bis fünf Jahre alt.
Und Spatzis Leben wäre eigentlich schon kurz nach dessen Beginn auch schon wieder zu Ende gewesen. Wäre da nicht Waltraud Torreiter, Sibylle Baumeisters Mutter, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Dieser Ort war 2012 in der Talstraße. Dort entdeckte Torreiter im Garten ein Vogelnest, darin drei kleine Vögelchen, noch komplett nackt ohne Gefieder. „Vermutlich hat ein Raubvogel das Nest geräubert“, sagt Baumeister. Von den drei Tieren lebte nur noch eines: Spatzi.
Vogel wächst Retterin ans Herz
„Mit der Rotlichtlampe und Futter hat meine Mutter Spatzi wieder aufgepäppelt.“ Dazu gehört es, alle zwei bis drei Stunden zu füttern – auch nachts. Ganz ohne Blessuren ist Spatzi allerdings nicht davon gekommen. Beim Sturz aus dem Nest scheint der Fuß am Gelenk gebrochen zu sein. Das ist noch heute sichtbar, ein Beinchen kann der Spatz nicht richtig benutzen. Aber Spatzi lebt. Und wächst ans Herz.
Nach über 60 Jahren Ehe hat Waltraud Torreiter ihren Mann verloren: „Für sie war das damals sehr heftig. Wir wollten ihr damals einen Vogel kaufen, damit sie ein wenig tierische Gesellschaft hat“, sagt Sybille Baumeister. Das wollte sie jedoch nicht. Und dann kam Spatzi – und blieb. „Sie hat dann immer gesagt: Den hat mir der Papa geschickt."
Wie früher eine Verbindung zu ihrem Mann, ist Spatzi für Sibylle Baumeister heute eine Verbindung zu ihrer Mutter, die 2020 verstorben ist. Sie zog 2015 ins Pflegeheim St. Michael in der Prinz-Fritzi-Allee. „Aber was sollten wir mit dem Vögelchen tun? Tiere waren nicht erlaubt“, sagt Baumeister.
Im Gespräch mit dem damaligen Heimleiter, Dieter Münzer, wird schließlich eine Ausnahmevereinbarung getroffen: Der Vogel darf mit. „Es war klar: Entweder der Vogel darf mit, oder wir müssen uns etwas anderes suchen.“ Also wird Spatzi das einzige Haustier in St. Michael. „Viele Bewohner kamen da zu meiner Mutter zu Besuch, um Spatzi anzuschauen“, erklärt Baumeister. Und Spatzi fühlt sich wohl. Er dreht seine Runden durch das Zimmer, kuschelt mit Waltraud Torreiter. „Sie hat ihn viel fliegen lassen, kam aber irgendwann nicht mehr hinterher. Besonders, wenn er dann am Boden unterwegs war.“ Schließlich kommt die Pandemie und das Besuchsverbot im Heim. Sibylle Baumeister muss Spatzi abholen, ihre Mutter kann sich nicht mehr um ihn kümmern und verstirbt kurz darauf.
Spatzi hat seine eigene Ecke im Wohnmobil
"Was sollten wir jetzt mit dem Vogel machen? Ich hätte nie gedacht, dass er meine Mutter überlebt“, erklärt Baumeister. Spatzi ist ein Rentnervogel, der im Heim Umtrieb hatte. Das braucht er auch in seinem neuen Heim. Er bekommt einen Käfig, der von Josef Baumeister selbst konstruiert wird, mit dickeren Kunststoffstangen für einen besseren Halt – und transparenter Wand, damit er rausschauen kann.
Und damit Spatzi nicht allein bleiben muss, kommt sie eben mit in den Urlaub, wenn Baumeisters wegfahren. Ihr Käfig hat dann einen Platz im Wohnmobil. „Spatzi war schon in der Eiffel, in Südtirol, auf der Insel Fehmarn in Schleswig-Holstein oder im Appenzeller Land in der Schweiz.“ So bewundert Spatzi beim Frühstück auch schon das Panorama der Berge.
Und immer wenn die Vogel-Dame Geburtstag hat – Sybille Baumeister nimmt da den 21. Juni – veröffentlicht sie ein Bild von Spatzi in ihrem Status auf WhatsApp. „Dann bekomme ich immer ganz viele Rückmeldungen“, sagt sie. Spatzi gehört für die Familie mit dazu. Sibylle Baumeister kümmert sich um den Vogel, macht ihn sauber, wenn er wegen seiner Behinderung etwas dreckig geworden ist. „Und nach dem Bad kuschelt sie gerne.“ Das entweder im Pulli von Josef Baumeister, oder – besonders gerne – im Schal von Sibylle Baumeister. „Sie dankt es einem jeden Tag, dass wir uns um sie kümmern.“ Nachts bekommt Spatzi ein Tuch über den Käfig, damit es dunkel ist und sie schlafen kann. „Wenn am nächsten Tag schönes Wetter ist und die Sonne rein scheint, dann ist sie früher wach und piepst vergnügt. Bei Regenwetter schläft sie auch mal länger.“
Und wenn Sibylle Baumeister von der Arbeit nach Hause kommt, dann hört sie schon das Piepsen zur Begrüßung. Dass Spatzi damals im Jahr 2012 nicht gestorben ist, dass habe sicher damit zu tun, „dass sie auf Erden eine andere Aufgabe hat.“
Immer weniger Spatzen
Als typischer Kulturfolger lebt der Haussperling, im Volksmund auch Spatz genannt, schon lange in direkter Nachbarschaft mit den Menschen, so der Naturschutzbund (Nabu) Deutschland. Er ist einer der bekanntesten Singvögel. Rund vier bis sechs Millionen Brutpaare soll es in der Bundesrepublik geben. Allerdings gibt es aktuell einen Bestandstrend von minus 19 Prozent. Gründe hierfür sind laut Nabu eine Nahrungsverknappung durch Flächenversiegelung und das Kurzhalten der Rasenflächen sowie ein Rückgang der Nistmöglichkeiten durch die Abdichtung von Fassaden.