Christoph Selinger hat rund 40 „Angestellte“ auf vier Beinen für den „Mähdienst“ in Merdingen. Foto: Andreas Lörcher

Sie sind die wohl flauschigsten Gartenhelfer, die es gibt: Am Kaiserstuhl verrichten Schafe als tierische Helfer in Weinbergen und auf Weiden auf zweierlei Art ihren „Määäh“-Dienst.

Würde es nicht hier und da mal zwischen den Weinstöcken blöken, würde man sie bei einem schnellen Blick aus der Ferne kaum bemerken, die fleißigen Vierbeiner. Dabei leisten sie für ihre Besitzer wertvolle Arbeit und sind dazu auch noch schön anzusehen.

 

Einer, der sich ihr Können zunutze macht, ist Christoph Selinger aus Merdingen (Breisgau-Hochschwarzwald), Landwirt und Schäfer im Nebenerwerb. In seinem Dienst stehen rund 40 mähende Mitarbeiter. Begonnen hat alles vor rund 15 Jahren mit ein paar wenigen Tieren für die eigenen landwirtschaftlichen Flächen. Inzwischen bietet Christoph Selinger seinen „Mähdienst“ mit Schafen als „ökologische Rasenmäher“ für alle möglichen Obstanlagen, Böschungen und Weinbaugebiete an. Aber warum eigentlich?

Die Vorteile sind laut Christoph Selinger vielfältig. Der Einsatz der Schafe am Weinberg spart ein- bis zweimal mulchen, sagt er. Denn die Tiere fressen neben unerwünschten Blättern und Quertrieben in Bodennähe auch die Begleitvegetation, so dass mehr Wasser und Nährstoffe für die Weinreben bleiben und die Bodenqualität besser wird. Ohne die gefräßigen Vierbeiner müsste die Arbeit maschinell erfolgen – was aufgrund der steilen Hanglage und der eng stehenden Reben-Reihen eine echte Herausforderung ist. „Mit vielen Schafen kann man viel bewirken“, hat Christoph Selinger festgestellt.

Schafe tun gut

Das weiß auch Jakob Hörl, Projektleiter von „Win-Win im Weinberg“, einer Forschung, die 2019 vom Weinbauinstitut Freiburg mit der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg und dem Bereich Geobotanik der Universität Freiburg ins Leben gerufen wurde. Das Ziel: den Nutzen der Schafe im Weinbau über vier Jahre analysieren und Handlungsempfehlungen daraus ableiten.

Viel Arbeit hat Christoph Selinger mit seinen fleißigen Vierbeinern – aber auch jede Menge Freude. Foto: Lörcher

Eine Erkenntnis des Projekts: Die Bewirtschaftung von Weinbergen mit Schafen tut nicht nur dem Winzer gut, sondern auch der Flora und Fauna. Zum einen bleibt der Boden lockerer und wird nicht verdichtet – was bei Maschinen der Fall wäre – und die Hinterlassenschaften der Schafe sind guter Dünger. Zum anderen sorgt die schonende Bewirtschaftung durch die Schafe dafür, dass Insekten nicht vertrieben werden, sondern es sogar zu mehr Biodiversität kommen kann.

Im Rahmen des Forschungsprojekts am Kaiserstuhl kamen unter anderem Schafe der Rasse Shropshire zum Einsatz – nach der gleichnamigen Grafschaft in England benannt. Betreut – und nun nach Ende des Projekts übernommen – hat diese Christoph Selinger. Schafe am Weinberg setzt er schon seit einiger Zeit ein – früher allerdings nur im Winter. Dabei ist es im Sommer mindestens genauso wichtig, wenn die Rebe – und zum Leidwesen des Winzers auch das Gras – wächst. Da ist die Beweidung aber an die Bedingung geknüpft, dass man über die passende Schaf-Rasse verfügt. Christoph Selinger erklärt, warum.

Auf die Rasse kommt’s an

In seiner Zucht verfügt er über Shropshire ebenso wie über den Coburger Fuchs. Letztgenannten nutzt er im Weinberg für die Winterbeweidung von September bis April. „Der Coburger Fuchs ist unkompliziert und robust. Der verbeißt auch Hölzer und hat eine große Fraßleistung.“

Schafe schlagen im Weinberg Maschinen um Längen. Foto: Lörcher

Was im Winter von Nutzen ist, ist im Sommer eher hinderlich. Da kommen dann die Shropshire zum Einsatz, denn die verbeißen weder Holztriebe noch schaben sie Rinde beispielsweise bei Obstbäumen ab, sagt Christoph Selinger. Außerdem sind sie vom Körperbau her nicht dazu in der Lage, sich auf die Hinterbeine zu stellen, kommen also nicht an das schmackhafte Rebenlaub.

„Mittlerweile habe ich das ganze Jahr über Schafe draußen im Weinberg, bis auf acht Wochen, wenn die Reben noch klein sind“, erklärt der 37-Jährige. Später seien sie dann nicht nur größer, sondern auch bitter und damit viel weniger schmackhaft für die Schafe. Bei allen Vorteilen, die die flauschigen Vierbeiner mitbringen: „Großen Aufwand hat man leider trotzdem, denn man muss permanent kontrollieren, wie weit sie sind, und immer wieder ein neues Gebiet abstecken“, sagt Christoph Selinger. Damit sei man etwa eine bis zwei Stunden täglich beschäftigt.

Mit fünf Schafen für eigene Flächen hat alles begonnen. Nach 15 Jahren sorgen 40 Schafe für Ordnung im Weinberg. Foto: Lörcher

Je nach Bewuchs schaffen es die Schafe übrigens, etwa 1,2 Hektar Fläche in einer Woche abzugrasen. Neben 1,5 Hektar an eigenen Flächen kümmert sich Christoph Selingers tierischer Mähdienst um 40 Hektar Weinberg auf Lohnbasis. Hinzu kommen Böschungspflege und die Beweidung von Obstwiesen sowie Ausgleichsflächen von Kommunen. Und was kostet die umweltschonende Bewirtschaftung den Halter? Laut Projektmanager Jakob Hörl rund 150 Euro pro Schaf in der Anschaffung zuzüglich Kosten für Zaunmaterial, Witterungsschutz und Tränksystem, so dass die Erstausstattung schon ein paar Tausend Euro kosten kann.

Zurzeit ist beim Coburger Fuchs Lammzeit, oder wie Christoph Selinger sagt: „Der Mähkindi ist eröffnet.“ Neben den Vorteilen, dass die Schafe trittsicher und hungrig sind, bodenschonend arbeiten und in Zeiten der Energiekrise auch die bessere Alternative zu Maschinen sind, gibt es natürlich vor allem in der aktuellen Zeit noch ein ganz großes Plus: Der Umgang mit diesen herzigen Tieren macht einfach jede Menge Freude.

Gut zu wissen

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Hoch über dem Neckar liegen die Wacholderheiden bei Sulz. Das Gelände ist hügelig, der Boden karg – und trotzdem voller Leben. Die seltene Orchideenart Bocksriemenzunge ist in dem Naturschutzgebiet heimisch sowie diverse andere Pflanzen und Insekten.

 

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