Noch nicht einmal ein halbes Jahr ist das neue Katzenhaus im Rottweiler Tierheim in Betrieb, da wird deutlich: Der Bau war dringend nötig. Immer mehr Katzen werden abgegeben oder gar ausgesetzt. Trägt die abflachende Corona-Pandemie einen Teil dazu bei?
Rottweil - Katzen aussetzen ist strafbar. Und das kann teuer werden: "Diese Ordnungswidrigkeit kann mit einer Geldbuße bis zu 25 000 Euro geahndet werden", betont Dieter Popp vom Polizeipräsidium Konstanz. Er bestätigt: "Laut Tierschutzgesetz handelt ordnungswidrig, wer vorsätzlich oder fahrlässig ein im Haus, Betrieb oder sonst in Obhut des Menschen gehaltenes Tier aussetzt oder es zurücklässt, um sich seiner zu entledigen oder sich der Halter- oder Betreuerpflicht zu entziehen."
Da aber in den allermeisten Fällen nicht nachverfolgt werden könne, wer eine gefundene Katze ausgesetzt hat, würden hierfür kaum einmal Bußgelder verhängt. "Deshalb fordern wir schon seit Jahren eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht", erklärt Günther Hermus. Er ist Vorsitzender des Tierschutzvereins Rottweil. Von ausgesetzten Katzen wimmelt es im Rottweiler Tierheim nämlich.
Gestiegene Abgabezahlen sind spürbar
Doch Katzen finden auch auf anderem Weg ins Tierheim. Etwas schnippisch meint Hermus: "Kaum gibt es kein Home Office mehr, wird die Katze halt wieder abgegeben." Er spielt damit auf die Hochzeit der Corona-Pandemie an, in der sich die Zahl der neuen Katzenbesitzer gar überschlug. Und ja, das Abflachen der Pandemie merke man im Rottweiler Tierheim deutlich an den gestiegenen Abgabezahlen, so Hermus. Manch einer mache keinen Hehl daraus, dass hierin der Grund für die Abgabe liegt.
In anderen Fällen sei der Tod des Katzenbesitzers Grund dafür, das Tier abzugeben. "Ich empfehle den Hinterbliebenen immer, zuerst im Umfeld nachzufragen, ob jemand die Katze übernehmen kann", so Hermus. Falls das nicht möglich ist, sei es schon richtig, sich ans Tierheim zu wenden.
Im neuen Katzenhaus ist Platz für 80 Katzen
Und so wächst die Zahl der Katzen im Rottweiler Tierheim eben ständig weiter. Verwunderlich ist es also nicht, dass ein extra Katzenhaus gebaut wurde, das seit Anfang des Jahres in Betrieb ist. 60 Katzen sind dort aktuell untergebracht, für 80 ist es ausgelegt.
Es gibt darin vier große und sechs kleinere Kabinen inklusive Fußbodenheizung. Je eine Tür mit Katzenklappe führt aus den Kabinen in einen eingezäunten Außenbereich. Die großen Kabinen sind für sechs bis acht und die kleineren für vier bis sechs Katzen ausgelegt. Voraussetzung ist jedoch, dass die Katzen gut miteinander auskommen. In einem anderen Gebäude des Tierheims befinden sich derzeit weitere 20 Katzen in Quarantäne. Dort werden sie entfloht, entwurmt, geimpft, kastriert.
Die Spendenbereitschaft ist zurückgegangen
300 000 Euro Kosten pro Jahr hat das Rottweiler Tierheim zu stemmen. Einen Teil davon, 160 000 Euro nämlich, übernimmt die Kommune. Wasser und Strom, also rund 9000 Euro, bezahlt die Walter-Jehmüller-Stiftung. Rund 800 Mitglieder zählt der Verein, wovon jedes einen Jahresbeitrag von 30 Euro bezahlt. Für Schüler und sozial Schwache gibt es Sondermitgliedsbeiträge. Alle Kosten sind damit also lange nicht gedeckt.
Zu allem Übel seien die Spenden für das Tierheim zurückgegangen, was Hermus auf den Krieg und die steigenden Lebenshaltungskosten zurückführt. Selbst die Futterspenden über den Spendenkorb im Kaufland seien rückläufig.
Ausbildung zum Tierpfleger kann im Tierheim absolviert werden
Darauf angesprochen, wie viel er denn mit seiner Arbeit im Tierheim verdient, winkt Hermus lächelnd ab: "Ich war seit acht Jahren nicht mehr im Urlaub und bin sechs Tage die Woche hier. Ich mache das aus reinem Idealismus." Er sei eigentlich in Rente.
Acht Angestellte habe das Tierheim jedoch, drei davon seien Auszubildende. Wer sich zum Tierpfleger ausbilden lassen wolle, könne sich für den Start im kommenden Jahr bewerben, wirbt Hermus. Wobei Werbung nicht nötig sei – "die Azubi-Stellen sind immer schnell besetzt", sagt der Vorsitzende, der seine Tätigkeit im Tierheim so liebt, dass er trotz Katzenhaarallergie in die Kabinen geht und mit den Babykatzen spielt.
Im neuen zu Hause werden Nachkontrollen gemacht
"Wir wollen die Katzen generell als Freigänger vermitteln", sagt Hermus. "Junge Katzen geben wir nur zu zweit ab oder eben in einen Haushalt, in dem es bereits eine Katze gibt. Katzen sind keine Einzelgänger." Und natürlich würden Kätzchen auch wieder zurückgenommen, sollte es im neuen zu Hause doch nicht klappen. "Wir erlauben es uns zudem, Nachkontrollen zu machen."
Auch Kastrationsaktionen initiieren die Mitglieder des Vereins. Hermus bekommt noch immer Aussagen zu hören, die für Katzenliebhaber nur schwer zu ertragen sind. "Ein Hofbesitzer erzählte mir, dass sich sein Hund früher um den Katzennachwuchs ›gekümmert‹ habe. Der neue Hund habe daran jedoch kein Interesse." Andere ertränkten die Kitten. "Wir suchen die Höfe auf und sprechen mit den Besitzern, bieten kostenlose Kastrationen an. Viele können tatsächlich nichts für die Vermehrung der Katzen, weil diese auf ihrem Hof ausgesetzt werden."
Bauantrag für ein Kleintierhaus gestellt
Und auch die anderen Tiere im Tierheim werden immer mehr. 2016 wurde das ebenfalls gut gefüllte Hundehaus gebaut. "Einen Bauantrag für ein Kleintierhaus haben wir nun auch gestellt. Erst kürzlich haben wir 33 Kaninchen aus einem Rottweiler Ortsteil aufnehmen beziehungsweise auf andere Tierheime weiterverteilen müssen, da der Platz in Rottweil nicht ausreichte."