Im Ansatz gut, aber keine echte Lösung: So bewertet die Oberndorfer Hundetrainerin Sabine Ziehen den Hundeführerschein und zeigt Probleme auf. Ihr Appell: eine Schulpflicht.
Für mehr Tierwohl und und ein Zugewinn an Sicherheit: Über den Hundeführerschein wird in Baden-Württemberg schon seit 2021 diskutiert. Die grün-schwarze Landesregierung hatte ihn in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen. Jetzt scheint klar zu sein: Er soll ein freiwilliges Angebot bleiben. Wie bewerten Experten diese Entscheidung? Wir fragen bei der Oberndorfer Hundetrainerin Sabine Ziehen nach.
In Niedersachsen ist der Hundeführerschein bereits seit 2013 verpflichtend. Mit ihm soll der Halter seine Sachkunde nachweisen. Dafür muss er eine theoretische und eine praktische Prüfung ablegen, die zeigen sollen, dass der Halter seinen Hund einschätzen kann, gefährliche Situationen erkennt und in der Lage ist, Gefahren vorzubeugen. Das Ziel des Hundeführerscheins: weniger Beißattacken auf der einen und mehr Tierschutz auf der anderen Seite.
Der Ansatz ist richtig
„Dieser Ansatz ist per se schon richtig“, räumt die Oberndorfer Hundetrainerin Sabine Ziehen ein. Sie sieht aber auch einige Probleme. „Was passiert denn mit den Hunden, wenn ihr Halter die Prüfung nicht besteht? Kommen die dann zurück ins Tierheim?“, nennt sie einen Aspekt.
Eine weitere Befürchtung ist, dass Halter den Hundeführerschein dazu nutzen könnten, sich bei Beißvorfällen beispielsweise herauszureden oder um ihren Hund jederzeit frei herumlaufen zu lassen. Und dann könne es schnell gefährlich werden.
Hundeführerschein reicht nicht
Außerdem greift für Sabine Ziehen der Hundeführerschein zu kurz. Ihrer Ansicht nach sollte es für Menschen, die sich einen Hund anschaffen, die Pflicht geben, eine Hundeschule zu besuchen. Wobei der Begriff irreführend ist: Größtenteils müsse nämlich der Halter geschult werden, sagt Sabine Ziehen. „Der Hund hat’s ruckzuck raus und versteht den Menschen sehr gut“, sagt sie.
Viele Halter könnten ihren Hund aber nicht richtig lesen, so ihre Beobachtung. Das sei aber wichtig, denn bei aller Erziehung bleibe er eben ein Tier. „Der bestsozialisierte Hund hat trotzdem noch Instinkte“, erklärt Ziehen. Und ein Jogger oder ein Radfahrer beispielsweise wecke den Jagdinstinkt – bei manchen Hunden mehr, bei manchen weniger. Wer die Anzeichen frühzeitig erkenne, der könne dann eingreifen.
Zucht zielt auf Aussehen ab
Ein Teil des Problems sei auch, dass bei der Zucht stärker auf das Aussehen der Hunde geachtet werde als auf die Charaktereigenschaften und mancher Käufer blauäugig an die Sache herangehe. Ein seriöser Züchter kläre den Käufer über die Rasse und deren Merkmale, Potenzial und Schwierigkeiten auf, meint Sabine Ziehen.
Wie die Pflichtstunden vor dem Auto-Führerschein sollte es aus Ziehens Sicht deshalb eine Hundeschulpflicht geben. Und die sollte möglichst schon bei Welpen ansetzen, meint sie, denn schon da könne man viel falsch machen.
Korrektes Verhalten will gelernt sein
Generell mangele es bei vielen Menschen an Wissen im Umgang mit Hunden, beziehungsweise an Rücksichtnahme. Da der Hund zum Alltag des Menschen dazugehöre, sei es nur logisch, sich beispielsweise in der Schule diesem Thema zu widmen. In Kanada beispielsweise lernten die Kinder das korrekte Verhalten bei der Begegnung mit einem Braunbär.
Es gebe beispielsweise Hunde, die nicht einmal angesprochen oder angeschaut, geschweige denn gestreichelt, werden wollen. „Schon meine Mutter hat mir klar gesagt: ‚Man streichelt nicht ungefragt fremde Hunde‘“, erzählt Sabine Ziehen. Denn man wisse nicht, ob sie beispielsweise traumatisiert seien. „In solchen Situationen passieren die meisten Beißvorfälle.“ Das sei eine instinktive Abwehrreaktion. Der Hund könne nicht anders verständlich machen, dass er das nicht wolle.
Problemhunde werden mehr
Sabine Ziehen betreibt ihre Hundeschule mobil, das heißt: Sie arbeitet ortsbezogen – dort, wo die Probleme auftreten. Und die Anzahl der Problemhunde habe nicht zuletzt wegen der Schwemme an Straßenhunden aus dem Ausland zugenommen, sagt sie. Viele litten an Angststörungen, die man nicht beheben, aber eindämmen könne – in erster Linie, indem man auf den Hund eingehe und Rücksicht auf dessen Bedürfnisse nehme.
Ihr Fazit lautet also: Ein Hundeführerschein könne helfen, löse das Grundproblem aber nicht.