Jahr für Jahr beobachten Tierfreunde die Schwäne am Neckar, wie sie Nester bauen, ihre Eier behüten und später mit den Küken durchs Wasser gleiten. Wenn Hochwasser die Jungvögel wegzuschwemmen droht, gibt es Rettungsversuche.
Landesweit zerstört das Hochwasser die Nester von am Ufer brütenden Schwänen. Mehrere regionale Zeitungen berichten im Internet über weggespülte Gelege oder Jungvögel. Auch in Horb sind Naturfreunde traurig, dass es wieder einmal ein Schwanenpaar samt Nachwuchs erwischt hat.
Montagmorgen in Horb. Ein Schwan und ein piepsendes Küken tapsen auf der Inselspitze am Mühlkanalufer entlang. Sie stammen vermutlich aus der Familie, die vor dem Hochwasser noch aus vier Tieren bestand: zwei ausgewachsenen Schwänen und zwei Küken.
Brigitta Mühlbacher hat die Horber Schwanenfamilie dieses Jahr mehrere Wochen lang beobachtet. Die 75-jährige Rentnerin aus Freudenstadt hat die Fotografie als Hobby entdeckt. Immer mehr ist sie zur Tierfotografie gekommen, zumal es in ihrem Garten viele Eichhörnchen, Eichelhäher, Spechte, Igel und Vögel gibt.
Rentnerin liebt es, Schwäne zu beobachten
Aber auch die Tierwelt in Horb zieht sie seit langem in Bann, besonders, nachdem die Arbeiten am Damm eingestellt wurden. Mühlbacher erzählt: „Viele Jahre schon beobachte ich die Schwäne. Und dieses Jahr haben sie tatsächlich unter der Fußgängerbrücke am Kanal gebrütet. Ich bin oft nach Horb gefahren, habe gesehen, wie die Schwäne sich beim Brüten abgewechselt haben – und das tatsächlich über eine Dauer von 38 Tagen.“
Wenige Tage vor dem Hochwasser: Mühlbacher und andere Schwanenfans freuen sich, bald die gesamte Vogelfamilie beobachten zu können. Doch dann setzen die starken Regenfälle ein, und die Flusspegel steigen.
Helfer werfen Stroh ans Ufer
Als die Situation bedrohlich wird, kaufen hilfsbereite Personen Tierstroh und werfen es von der Brücke hinunter ans Ufer. Das, so erzählt Brigitte Mühlbacher, hat sie von Beobachtern erfahren. Unglaublich: Die Schwäne sollen dann tatsächlich ihre Eier samt dem Nest aus der Gefahrenzone herausgebracht haben.
Brigitta Mühlbacher ist sich sicher: „Ohne diese Unterstützung wären die Eier fortgeschwemmt worden. Das habe ich aus erster Hand erfahren.“ Noch während der Flusspegel steigt, liegen vier Eier im Nest. Mühlbacher schildert: „Ich hatte das große Glück, den Schlupf des letzten Kükens noch zu erleben, schließlich konnte ich nicht den ganzen Tag vor Ort sein.“
Was ist mit den Schwänen geschehen?
Mindestens bis Freitag sind noch zwei der Küken mit ihren Eltern zusammen. Werden sie es schaffen, sich von der gefährlichen Strömung fernzuhalten?
Brigitta Mühlbacher erzählt, was sie in Gesprächen mit anderen Tierfreunden über das Schicksal der Schwanenfamilie erfahren hat: „Wenn man an der Fußgängerbrücke steht, kommt man mit den Menschen ins Reden, weil alle, die dort stehen, Tierfreunde sind. So berichtete mir eine Frau, die Eltern seien bald nach der Geburt mit ihren beiden Jungen zu nahe ans Wehr gekommen. Die Jungen seien von der Strömung mitgerissen worden. Die Schwaneneltern seien schreiend oben gestanden. Junge Leute hätten einen Eimer besorgt, die Jungen gerettet und wieder ins Nest gebracht.“
Nur noch ein Junges übrig?
Am Samstag wird das Schwanenpaar mit lediglich einem der Jungen beobachtet. „Die Eltern lassen es nicht aus den Augen.“ Am Montag schließlich sind es nur noch ein einzelner erwachsener Schwan und ein piepsendes Küken.
Die Rentnerin ist der Meinung, dass in Horb oft zu viel Tierliebe praktiziert wird: „Es gab Menschen, die von der Fußgängerbrücke aus die Schwäne mit Brot gefüttert haben. Das war vielleicht gut gemeint, aber sie haben dabei vergessen, dass im Neckar Ratten schwimmen. Vor einigen Jahren waren drei von vier Schwanenkindern getötet worden, ein Blesshuhn war am Bein schwer verletzt.“
Sicht aufs Positive bewahren
Bleibt zu hoffen, dass die Schwäne überleben. Brigitta Mühlbacher bewahrt jedenfalls den Blick aufs Positive: „Allen Rentnern kann ich nur empfehlen, sich ein Hobby zu suchen, das sie ganz und gar erfüllt. Gerade in der heutigen Welt voller Schrecken brauchen wir Kräfte, die es uns ermöglichen, in uns Resilienz aufzubauen.“